Chroniken von Lyrien

Von Daktylus bis Alexandriner hat man den Ort gekannt.
Wenn ich durchs Land zog, trug ich ein Wortgewand
Elfchen flogen um mich rum und riefen Kalauer und Zoten
In meinem Kopf entstanden Zeilen, an den Füßen trug ich Noten
Und weil ich ohne das nicht alles was ich wollte Horten kann
Sorgte ich dafür dass ich nun einen Satzkasten mein eigen nenn
In den ich jeden frühen Morgen meine Zeichen setz
Da es am Anfang stand: das Wort ist mein Gesetz
Und so les und leb ich täglich in der Heiligen
Schrift. da man dem Dichter halt Respekt zollt.
Ich lebte Schrift für Schrift, war mitnichten in Rente
Arbeitete in einem Kunst-Stoff Werk für Dichtelemente
Nicht alles war perfekt, doch unsrem Volk das Glück hold
Schweigen war Reden. Silben waren Gold

Der Welt der Künste bekannt
Hier leben Kyrien
Metaphernreich dieses Land:
Es lebe Lyrien!

Alles fing an mit dreizehn Spreng-Sätzen der Anagramm-Legion
Anstatt lyrischems Subjekt nun Lyrik-Jet-Beschuss
Vom Schüttelreim geschüttelt war sodann die ganze Nation
Viele Regionen mussten fliehen im Jambus.
Kurz darauf hob sich das Metrik-Diktat an die Macht
Lymerics slammten sich durch unsere Wälder
Lautgedichte lärmten linguistisch, Tag und auch Nacht
Episches Drama prägte Rap-Battlefelder.
Immer wieder spielten die Liga-Sieger Lieder über ihre Krieger
Und statt Rechtsprechung gab’s willkürliche Punchlines
Das Militär bekam die Rohstoffe für tausend Papierflieger
Unsereins höchstens Notizzettel zur Lunchtime
Man sah uns zu. Die Welt der Künste weigerte sich was zu tun
Leistete Mein-Eid zu unsrer Schein-Freiheit
Denn schließlich garantierte man nun geistiges Eigentum und Copyright-Fight light – für jede Reimeinheit.

Der Welt der Künste bekannt
Hier lebten Kyrien
Metaphernreich dieses Land:
Es lebte Lyrien!


Die Welt der Künste hatte dazu nichts zu sagen, denn die Worte fehlten ihnen
Doch unser Wort gefiel ihnen, so überfiel’n sie uns.
Jetzt lief ein anderer Film hier in der Welt der Kunst
Und aus der göttlichen Komödie der Diplomatie
Wurde ein dantisches Inferno so wie nie
Schauspieler an der Spitze schrieben Fremden-Elegien
Und sämtliche Medien tanzten nach ihrer Pfeife,
And’re Saiten wurden aufgelegt, alles war aufgeregt
Und plötzlich hingen Satzzeichen über der Stadt,
Als das Diktat mit dem Kreuzreim bestropht wurde.
Doch die Sieges-Oden die aus Krieges-Hymnen münden, konnten nicht von Frieden künden
Denn ein Wort bildet mehr, als tausende Sagen
Und ein Wort bildet mehr, als Tausende sagen
Nur ein Wort: Souverän.
Überragend wird euch das erschlagen!
Hinter harter Schreibmaschinerie vollführen Haikus Harakiri durch automatisches Schreiben
Seitenweise. Zeilenweit:
Anapest im Volk.
Vernichtete Kolumnen, die einst den Palast verziert
Dicht an Dichter
Autor-Bomben auf dem Markt platziert
Chaos.
Kein Reimschema.
Versteht ihr nicht?
Bloß weil jetzt alles Dada ist, woll’n wir nicht das Diktat zurück
Seht ihr nicht ein: wir woll’n doch nur endlich umarmt sein
Auf’s Neue. Von einem Umarmenden Reim.


Der volle Text wird ab Herbst 2017 auch in meinem Gedichtband “Märchen aus einer grausamen Welt” (Periplaneta) zu lesen sein!

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