Bahnsteig-Poesie

Bahnsteig-Poesie

Langer Tag
in ‘ner Berliner Bibliothek
Tausend Bücher gewälzt, mach mich auf den Heimweg
Eine Stunde kann ich jetzt in diesem Rotz fahr’n:
S-Bahn Linie 7, Richtung Potsdam.
War sechs Stunden hier, ich war nicht nur fleißig
Jetzt ist dunkel draußen, grade Fünf Uhr Dreißig
Scheiß Winter. Derbe kalt, zieh die Mütze tief
Chucks aufgeweicht, weil ich grade durch ne Pfütze lief
Wie sich vor der Kälte schützen ließ? Steig in’ S-Bahn-Schacht
Kracht der Lärm der Stadt hinter mir herab in die Nacht
Es riecht wie immer: Großstadt-Dreck-Urin-Mief
Frag mich wie jedes Mal, was mich nach Berlin rief
Naja, die Bibliothek.
Egal. Ich schlendre zum Gleis
“Linie 7 hat Verspätung”, schon klar ich weiß
Will mich hinsetzen und warten wie sonst jeder
Es täte. Doch da steht ‘n Koffer aus Leder
Die Nähte: vergilbt. Und die Ränder: verwetzt
Den hat jemand offenbar kürzlich hier versetzt
Verlassen. Niemand um mich her, ganz alleine
Ich meine: ein kleines bisschen beunruhigend. Aber fein, ne?
Was soll das schon sein hä?
Ne Bombe auf’m leeren Gleis? Ich hör nicht’s ticken
Ich als Terrorist würd die sowieso eher nach Frankfurt schicken
Wär’s n Geigenkoffer könnte man mein Misstrauen verstehen
Zu viele Mafiafilme gesehen, ich würd sofort wieder gehen
Gleich kommt die S-Bahn, just in case, dass man mich rette.
Doch ich mach ihn auf – und es ist ‘ne Klarinette.

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Stadtmalerei

Stadtmalerei

Es war ein Event in Kreuzberg und ein Meisterabend.
Erholsam nach diesem Tag und auch den Geiste labend
Etwas Kultur und weil man morgen frei hat, Beats –
Jetzt noch ein Bier für den Weg zum Heimatkiez
Heiliger Duft auf der Zunge,
Eisige Luft in der Lunge
Junge schöne Menschen auf’m Nachtspaziergang
Kleine süße Kneipen, die sich sacht verziert ham’
Wenn die Stadt zur Ruhe kommt, kann man sie beinah mögen
Und nicht wie tagsüber denken, allen hier sei nach drögem
Jutetaschen-Einerlei. Denn seit um Acht verliert man
Langsam den Blick fürs Ganze. Berlin wird wieder kreativ
Und selbst der Straßenlärm verschwindet mit dem Tagesmief
Hier hält ein Pärchen die Hand,
Dort lebt von Freuden ein Mädchen
In Kreuzberg hat man sich lieb
Man hat sich wieder erkannt,
und geht mit Freunden zum Lädchen
Links läuft ein Rechter vorbei,
rechts ruft wer “haltet den Dieb!”
Man erinnert sich selbst, wie krass, hab ab und an Acht
Den Dieb zu halten: zu spät. Der Mann läuft zu schnell von dannen
Das Dunkel frisst die Gestalt und er taucht ab in die Nacht
Das Opfer sitzt auf dem Boden, und schiebt Papiere zusammen
Es war ein Becher voll Geld für ihre Straßenmalerei
Man will ihr irgendwie helfen, war ja quasi nah dabei
Kauft ihr ‘ne Pizza und ‘nen Kaffee denn die Nacht ist heute kalt
Für mehr bleibt grad nicht die Zeit, die Heimweg-S-Bahn kommt schon bald
Und dann geht man nach Hause. Gute Tat vollbracht?!
Fall in die warmen Kissen, bis irgendwann und gute Nacht…

Hmm.

Das hier ist die Geschichte, die man hört, wenn man bleibt.

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Straßenmusik

 

akkordeon

Es regnet. Selbst die Graffity sind grau.
Die ganze Stadt wirkt bei dem Wetter wie noch grad im Aufbau
Man denkt hier bleibt man trocken, wenn man etwas an sich werkelt
Und bei Regen ‘ne Fresse zieht wie Angela Merkel.
Zwischen Neubau und Regenwolken verschwindet der Kontrast
Um dich zurechtzufinden brauchst du bald ‘nen Kompass
Selbst der Regen hilft dir nicht dabei mal klar zu kommn
Denn alles fließt davon, du fühlst dich klar benommen
Und aus der Regenrinne tropft es auf den harten Asphalt
Es ist kalt. Und ich denke nichts gibt mehr Halt
Laufe so durch die Straßen voller Monotonie
Doch horche auf: und ich vergess’ die Melodie nie
Ich seh ihn dort unter der Brücke, vertreib’ die Sorgen schon
Rap im Kop zu der Musik vom Mann mit dem Akkordeon:

Mr. Akkordeon und ich, da habt ihr sicher klar gecheckt
Wir bring’ die Oldschool zurück, das hier ist Straßenrap
Wir bleiben positiv, auch mit dem Hals in der Gruft
Machen wir Kopfstand: schon weisen die Mundwinkel in die Luft
Machen aus Chili Schokolade, aus Zitronen Limonade
Wenn wir fertig sind, schmeckt sogar Mensaessen nicht mehr fade
Denn ich fühl mich immer bester Laune, wenn ich diesen Sound check
Der Mann ist positiv wie Schlagersänger auf Crack!

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Traumstoff

Traumstoff

Kam ich in diesen Buchladen, waren die Geschichten unendlich
Die alte Frau sortierte Bände ein. Sie grüßt und kennt mich
Drohte die große, erwachsene Welt, mich zu erdrücken
Sucht’ ich Brücken in dieses andre Leben, in diesen Lücken
Zwischen den Seiten. Zweifel? Wisch’ sie beiseiten beizeiten in Zeiten wie diesen,
Reit in andere andere Breiten
Und ließ meine Augen weiten, von den großen Regalen stets aufs Neue verleiten.
Verbrachte Stunden mit Science Fiction auf den Sitzsäcken
Oder im Stehen mit den Comics in den Witzecken
Die Sonne stahl sich davon. Draußen – aber hier drinnen
Sah ich Sonnenstrahlen zwischen den Regalen gerinnen.
Es war wie Scala oder Princess, mit Besitzern schwer von Sinnen
Da war nie wer drin, damit konnt man nix gewinnen
Außer wenn ich mit meiner Familie kam, schlossen sich hinter uns die Pforten
Wir besetzten die Hälfte des Kinosaals und fühlten uns very important
Saßen da im Mikroversum voll altem recken Schmuck
Mit den schweren roten Vorhängen und an den Decken Stuck
Jeder Kratzer auf der Filmrolle als rauschendes Bild
Saß ich in den schweren Sesseln dort und lauschte nur still
Solche Filme klebten gleichermaßen unter dem Papier
Zwischen Pappdeckeln im Buchgeschäft der Wunderstraße 4.
Dies war mein Auenland. Meine eigene Welt,
Aus der man höchstens aufsieht, wenn mal die Türklingel schellt
Doch komm ich heute zurück, ist der Laden sichtbar leer
Und die alte Dame mit den Büchern kennt mich nicht mehr.

Und keiner kauft mehr bei ihr ein,
Ihre Tür verstaubt,
Ihr Haupt glaubt kaum, es sei ihr noch erlaubt
An die Zukunft zu glauben. Denn die hat man ihr geraubt
Mit großen Ketten, auf die jetzt alle Welten wetten,
Selbst die netten Leute meinen kaum, dass sie noch was zu retten hätten
Und ihn’ ist nicht bewusst, was ich in ihren Räumen find’:
Sie webt den Stoff aus dem die Träume sind!

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