Rauchpartikel | Dies Mori

Der Morgen glänzte orange auf meinem Küchenparkett
Und wie im Traum hab ich den Tisch gekocht und Kaffee gedeckt
Es war ein Tag wie jeder Andre in meiner Stadt und auf dem Lande
Nur das er sich nicht länger unter meiner Decke versteckt
Am Weg zur U-bahn hab ich zwei Bettlern zehn Euro zugesteckt
Und ich war immer noch nicht arm
Aber die Straße dafür warm
Und in der Bahn da saß ein Kind und zählte Regentropfen weg
Von einer Scheibe an der sie zuvor nicht da waren.

Es war der Tag an dem ich meine eigene Nichtigkeit erkannte
Und der Himmel brannte. Brannte in Orange und rot
Weil die Sonne dort in tausend kleinen Rauchpartikeln tobte
Und uns ein CO2-Naturspektakel bot.

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Nafaka

„All that she wants, is to fly away and,
she’s gone tomorrow /
All that she wants…“

Nafaka

…Ist aus dieser Stadt zu kommen
Und trotzdem aus dieser Stadt zu kommen.
Doch der Yugo, in dem sie vor sich hinsingt, ist kaputt
Auf den Straßen Sarajevos liegen Berge von Schutt
Und ihre Mama hat gesagt: „Azra, geh nicht aus dem Keller
Wenn die Sniper draußen schießen“, doch die Tage werden heller
Und wenn man mit 7 im Sommer nicht spielen kann, dass man ans Meer fährt
Sag was ist dann mehr wert?
Dass man sich gegen’s Heer wehrt?

Die Einschusslöcher an den Häuserwänden bilden runde Narben
Und im Fluss liegen Leichen, doch das darf ihr keiner sagen
Und Azra heißt Jungfrau, auch wenn sie’s nicht mehr ist, doch davon spricht man nicht
Aus dem Keller dieses Hochhaus‘ sieht man nachts die Lichter nicht
Letzte Nacht sind zwei der netten Nachbarn neben ihr verschwunden
Geflohen in das Leben oder verreckt an ihren Wunden
„Wenn ich groß bin, will ich klein sein“, denkt Azra –
So klein, dass sie niemand sieht, wenn sie flieht
Aber Papa sagt:

„Wer flüchtet, überlässt das Land den Dummen,
und die spielen dann mit Wummen
Und machen Jugos kaputt statt in kaputten Jugos zu spielen
Wir sind vier unter Vielen, und die lässt man nicht im Stich
Mögen nach Deutschland Gefloh’ne auch lästern unter’m Strich:
Wir sind das Orchester, das im zerstörten Parkhaus weitergeigt
Wir bleiben hier, damit nach all dem wer dem Land die Zukunft zeigt“

Aber Azra war noch nie in nem Orchester
Und in der Schule war ihr Bruder manchmal Bester, aber sie, die Schwester,
Hat das Zeugnis schon zerissen, wird die Schule nicht vermissen
Mit beflissenem Gewissen beinah ausgerissen,
Aber gar nichts von der Zukunft wissen ist gewiss beschissen…
Du kriegst das schon gerissen…

Novi Dan, Nova Nafaka
neuer Tag, neues Glück
Es ist finster und du kannst nicht zurück
Doch im Osten steigt die Sonne und schon ist n neuer Tag da,
Kopf hoch, draga Azra,
Novi Dan, Nova Nafaka.

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Chroniken von Lyrien

Von Daktylus bis Alexandriner hat man den Ort gekannt.
Wenn ich durchs Land zog, trug ich ein Wortgewand
Elfchen flogen um mich rum und riefen Kalauer und Zoten
In meinem Kopf entstanden Zeilen, an den Füßen trug ich Noten
Und weil ich ohne das nicht alles was ich wollte Horten kann
Sorgte ich dafür dass ich nun einen Satzkasten mein eigen nenn
In den ich jeden frühen Morgen meine Zeichen setz
Da es am Anfang stand: das Wort ist mein Gesetz
Und so les und leb ich täglich in der Heiligen
Schrift. da man dem Dichter halt Respekt zollt.
Ich lebte Schrift für Schrift, war mitnichten in Rente
Arbeitete in einem Kunst-Stoff Werk für Dichtelemente
Nicht alles war perfekt, doch unsrem Volk das Glück hold
Schweigen war Reden. Silben waren Gold

Der Welt der Künste bekannt
Hier leben Kyrien
Metaphernreich dieses Land:
Es lebe Lyrien!

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Legendario

Legendario

Legendario. Sie war legendär.
Wie wenn Santeria-Hexerei zugleich ein Segen wär.
Lächelt süß wie Honig, haut dich um wie hart Rum,
Betrat den Tanzflur und der ganze Club ward stumm:
Eine Morena, dunkle Haut, schwarzes Haar und große Augen
Ein karibisches Lächeln wie zum Verstand dir rauben
Man fing zu munkeln / an, ich hör sie komme aus Havanna
Club-Musik ließ ihre Miene mehr verdunkeln
Doch bei Salsa oder Reggaeton ward’s plötzlich schönes Wetter
Und die Spanischtanzkurs-Stunden wurden mir dabei zum Retter
Wie bei Romeo y Julieta – nahm ich nen tiefen Zug
Sah mich selbst wie ich den Club durchquerte, zu ihr lief und frug:
“Señorita, wärst du vielleicht für ‘nen Tanz bereit?
Für ‘nen Tanz zu zweit, für jetzt oder die Ewigkeit?
Sie von Nahem zu sehen, toppt den Eindruck schon auf’s Ganze
Und bin ich sonst auch vorsichtig, brach ich für sie eine Lanze:
Denn ich nehm kein’ Cuba Libre. Ich mach’ mit Kuba Liebe!
Sie roch fantastisch und sah gut aus, wie ein feiner Single Malt

Die and’ren Frauen waren auch Single, aber neben ihr mehr old
…Timer /an: sonst siehst du nicht wie schnell sie sich bewegen kann,
Du brauchst sie nur zu sehen und schon fängt ein neues Leben an
Man sagt, Kubaner können alles reparieren: guapa du flickst mein Herz.
Die Jungs im Club geiferten, ihre Blicke sagten “die fickst du derbst”,
Doch du weißt dir schon zu helfen, wie man sich gegen solche Wichser wehrt
Du blickst verklärt, nix versehrt, über sie alle hinweg.
Und hast so ganz nebenbei mit Neid die ganzen Chicks ernährt,
sie haben alle gecheckt:
Mit deiner Person kam Trinidad in die Stadt, einer Heiligen gleich –
Dreeinigkeit: Körper, Seele und der “heilige Geist”
Ich brauch nicht fragen, wie ich dich auf Facebook finde; denn es ist klar:
Du brauchst kein Social Club. Chica du BIST Buena Vista!

Aber obwohl ich dachte, dass ich sie grad massig verführ’
Ist ihre eisig kalte Schulter alles was ich berühr’…

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