Metrostation 2
Станциа Метро II
Mein Gott,
ist sie schön! Sie wird jeden Tag schöner, wenn das
überhaupt möglich ist. Jeden Tag sehe ich sie aus
ihrem Haus kommen und die Straße überqueren. Sie
geht zur Petrogradskaya Metrostation - jeden Tag um die gleiche
Uhrzeit! Seit ich sie gesehen
habe, komme ich jeden Tag pünktlich zur Arbeit.
Heute
hat sie eine weiße Bluse, einen kurzen Rock und ihre
schwarzen Stiefel an. Wow, was für eine Figur! Ich gehe ihr
immer hinterher, und habe dabei natürlich einen
schönen Ausblick auf ihren Hintern – sie geht auf
irgendeine besondere Weise, die ihn verführerisch und
begehrenswert wackeln lässt. Sie hat lange, schwarze Haare und
Gesichtszüge, die trotz der hohen Wangen-knochen nicht sehr
russisch aussehen – dafür sind sie zu weich. Und
ihre Lippen – was für ein Traum! Es fehlen nur die
glänzenden Augen – die hat sie nicht. Sie sind grau,
durchaus hübsch, aber eben nicht glänzend.
Gestern
Morgen habe ich ihr die an der Station die Tür aufgehalten,
und sie hat mit mir geredet. „Спасибо“ hat sie
gesagt und ich habe versucht, sie in ein Gespräch zu
verwickeln.
„Du
hörst dich an, als wärst du heiser“, sagte
ich, doch sie meinte, sie hört sich immer so an.
In
der Metro stand ich neben ihr, und da es so voll war, musste ich mich
dicht an sie drücken – wogegen ich
natürlich nichts hatte. Als meine Station kam, musste ich
leider aussteigen, und ich sagte „Пока“. Sie roch
so gut, irgendwie nach Maiglöckchen – ach was, ich
kenne mich doch gar nicht mit Blumen aus und auf den Geruch von Blumen
kann man bei diesem Wetter auch noch lange warten.
„Привет!“,
grüße ich sie heute als ob ich sie rein
zufällig entdeckt hätte. Ich setze an, den Witz von
dem Mann in der Metro zu erzählen, den mir gestern ein Kollege
erzählt hat, lasse es aber dann doch. Er würde ihr
bestimmt nicht gefallen, er ist ein wenig zu schweinisch.
„Hast
du heute Abend schon etwas vor?“, traue ich mich
schließlich zu fragen, als wir auf die Metro warten.
„Muss
ich nachgucken. Warum?“, fragt sie, immerhin leicht
interessiert.
„Ach
vergiss es“, sage ich resigniert. Es klappt ja doch nicht.
Wie könnte so eine schöne Frau jemals zu einem Date
mit mir kommen?
Die
Metro kommt. Sie ist wieder so voll wie gestern. Ich darf wieder dicht
neben ihr stehen!
„Was
denkst du von dem Lenindenkmal in Krasnojarsk?“, fragt sie
mich plötzlich.
Wenn
sie schon so fragt, ist sie bestimmt nicht der Meinung wie alle
Anderen, oder? Außerdem mache ich mich bestimmt
interessanter, wenn ich es okay finde. „Ach, warum denn
nicht?“, sage ich deshalb.
Sie
verzieht ihr hübsches Gesicht. „Das ist ja wohl die
bescheuertste Idee überhaupt!“, meint sie. Wir
diskutieren ein wenig über das Thema, dann stimme ich ihr zu.
Schließlich hat sie ja Recht.
Meine
Station ist da. „Ich muss raus“, sage ich.
„Ich
weiß“, sie muss nicht raus.
Wie
gerne würde ich sie jetzt einfach auf ihre vollen Lippen
küssen! Ich reiße mich zusammen, so was kann ich
schließlich nicht einfach bringen. Ich drehe mich um und
lasse mich in der Menge raustreiben. Als ich aussteige, sehe ich
zurück, doch sie hat den Blick abgewendet. Bevor sie zu mir
sehen kann schließt sich die Tür und ich werde von
der Menge in Richtung der langen Rolltreppen geschoben.
Auf dem Weg nach oben vorbei an den Plakaten mit der Aufschrift ‚60 лет победи’ muss ich feststellen, dass ich mich mit ihr hätte verabreden sollen. Ich würde mich so gerne mit ihr treffen. Dabei weiß ich ja noch nicht mal ihren Namen.
Abends um die 12 Uhr rum sitze ich an meinem Wohnzimmerfenster und blicke zu ihrem Haus schräg gegenüber. In ein paar Zimmern brennt Licht. Ich hole mein Fernglas und checke, ob sie irgendwo zu sehen ist. Da habe ich sie, sie sitzt auf ihrer Couch vorm Fernseher. Sie hatte also nichts vorgehabt heute. Ich hätte sie doch fragen sollen. Als ich gerade das Fernglas weglegen will, kommt sie in Richtung des Fensters doch sie schaltet nur den Fernseher aus. Moment – oh wow, sie zieht sich aus! Was für ein Körper! Dank des Fernglases habe ich sie direkt vor mir, ihre glatte Haut, das Haar, dass sie sich leicht verwuschelt hat und ihre perfekten runden Brüste! Sie zieht sich ein türkis-durchsichtiges Nachthemd an, das locker um ihren Körper fällt. Meine Güte, weiß sie, dass ich zusehe oder ist sie einfach immer so sexy? Sie macht das Licht aus und verlässt das Zimmer. Schade. Ich sollte jetzt auch langsam schlafen gehen – schließlich will ich morgen pünktlich an der Metro sein!
Ich bin es und ich sehe sie wieder auf dem Weg zur Metro. Sie beginnt kein Gespräch und ich auch nicht, denn ich weiß nicht, was ich sagen soll. Heute ist die Metro etwas leerer und sie setzt sich auf den einzigen freien Platz, so dass ich ein Stück entfernt von ihr stehen muss. Wenn ich nur einfach so nah an ihr stehen dürfte wie gestern! Sie blickt ein paar Mal zu mir herüber, wahrscheinlich weil ich sie so angestarrt habe. Ich will weggucken, aber ich kann meine Blicke einfach nicht von ihr reißen. Sie redet kein Wort mehr mit mir, bis ich wieder aussteigen muss.
Seit
dem habe ich sie jeden Tag in der Metro beobachtet, sie hat nicht mehr
mit mir gesprochen. Vorgestern bin ich an ihrer Station ausgestiegen
und ihr bis zu ihrem Arbeitsplatz hinterhergelaufen, aber entweder hat
sie mich nicht bemerkt, oder sie wollte es nicht. Die
Öffnungszeiten stehen auch dran, der nach dem Design eher auf
Touristen ausgerichtete Laden hat nur bis 5 Uhr geöffnet. Ich
bin später noch einmal hingefahren und ihr um viertel nach
fünf gefolgt, als sie zur Metro ging. Ich habe mir keine
Mühe gegeben, mich zu verstecken, aber sie hat mich nur einmal
gesehen, denke ich. Als wir an der Petrogradskaja ausstiegen, hat sie
mich, glaube ich, aus den Augen verloren. Ich sie aber nicht, und ich
bin ihr bis nach Hause gefolgt, bis hoch zu ihrer Wohnung am oberen
Ende des
stinkenden Treppenhauses. Jetzt weiß ich genau wo sie wohnt.
Ich
habe ihr einen Brief geschrieben, in dem ich ihr gesagt habe, dass ich
sie liebe und ihren Körper begehre. Ich habe alles rein
geschrieben, was ich gerne mit ihr machen würde, und dann habe
ich ihn abgeschickt. Ich habe natürlich nicht unterschrieben.
Ich bin doch nicht blöd. Wenn sie tatsächlich
antworten will, kann sie mich ja in der Metro ansprechen, da sehe ich
sie ja immer noch jeden Morgen. Doch sie hat noch nicht reagiert. Beim
nächsten Brief habe ich mit meiner Adresse unterschrieben,
doch es hat nichts geholfen. Aber ich gebe nicht auf.
Ein
paar mal habe ich sie in den letzten zwei Wochen im Laden besucht, aber
sie war entweder nicht an der Theke, oder nicht alleine. Ich habe auch
schon viele Fotos von ihr gemacht, auf dem Weg zur Metro und in ihrer
Wohnung – mein Zoom hat gerade so ausgereicht. Gestern noch
habe ich nachts auf den Bürgersteig vor ihrer Wohnung in
großen Buchstaben ihren Namen geschrieben, und dass ich sie
liebe. Und jetzt das!
Ich
saß in meinem Zimmer und hatte nichts zu tun, habe
abwechselnd den Култура-Kanal und auf die Straße gesehen.
Heute ist wenig los, nur ab und zu ein Trolleybus und die
übliche Menge Autos, aber nur überschaubar viele
Fußgänger. Ich gucke, ob ich irgendwen kenne, der
gerade nichts tuend dort entlang schlendert aber hier aus dem 3. Stock
kann ich nicht ganz so viel sehen. Ich könnte gerade in den
CD-Laden ЕисБerg um
die Ecke gehen, mal sehen, ob es eine nette CD gibt. Habe ich meinen
Schlüssel und mein Geld? OK, also los. Ich gehe auf die
Straße ins Getümmel. Eine Weile sah ich niemanden,
der mir bekannt wäre, aber dafür kurz darauf jemand,
den ich mittlerweile nur allzu gut kenne. Sie war es. Ich ging in ihre
Richtung und ärgerte mich, dass ich keine Kamera mit hatte,
denn sie sah heute sehr chic aus. Doch dann sah ich, dass sie nicht
alleine war.
„Vielleicht
ist es nur ihr Bruder“, sage ich zu mir selbst, doch ich kann
mich selbst nicht richtig überzeugen, während ich
beobachte, wie sie Hand in Hand mit einem Mann in Marineuniform auf
mich zukommt. Wie kann sie es wagen? Es ist doch nicht normal, dass er
sie so streichelt, wenn er ihr Bruder oder so etwas ist! Oh verdammt,
das kann doch nicht wahr sein – er küsst sie auf den
Mund! Schlag ihn, Schätzchen, los! Warum wehrt sie sich nicht?
Das kann nicht ihr Bruder sein. Und dann auch noch von der Marine!
Jetzt sind sie an mir vorbei, sie gehen in Richtung Metrostation. Ich
stapfe wutentbrannt nach Hause. Wie kann sie mir das antun? Ich
stürme in mein Schlafzimmer und fange an zu heulen. Ich nehme
Papier und Stift und schreibe ihr einen Brief. Sie soll ruhig wissen,
dass ich sie gesehen habe. Ha!
Ich
schreibe ihr, wir sauer ich bin und frage, was sie sich dabei gedacht
hat, dann bringe ich den Brief vorbei und stecke ihn in ihren
Briefkasten.
Einen Tag später erhalte ich eine Antwort – der erste Brief, den sie mir beantwortet! Ich merke erst, als ich den Brief lese, dass er in einer Männerhandschrift, noch dazu einer hässlichen, geschrieben ist.
„Hey du dreister Schwachsinniger. Ich wollte nur sagen, dass mein Mädchen nichts mit dir hat und nie hatte. Es ist ihr gutes Recht, einen Freund zu haben, falls du das vergessen hast. Ich bin gerade von Nowgorod rechtzeitig zu unserem 1jährigen wieder gekommen und erfahre, dass du sie verfolgst! Warte bis ich weiß, wer du bist. Lass sie in Ruhe! Niklas.















