Am Ende des Tunnels
Als es geschah war ich im Zimmer nebenan. Ich hörte es knallen, ein schallender, die Stille durchdringender Laut, im Zimmer nebenan, in dem mein Vater sein Arbeitszimmer eingerichtet hatte. Ich rannte sofort zu ihm um nach ihm zu sehen, und fand ihn auf dem Boden liegend. Ich kann mich nicht mehr an viel davon erinnern, nur dass ich neben ihm zu Boden fiel, mein Gesicht nah an seinen starren, kalten Augen, meine Hände ungläubig auf sein nicht mehr schlagendes Herz gelegt, während die Blutlache neben seinem Kopf meine Kleidung durchdrang. Voller Unglauben starrte ich auf den Revolver in seiner eigenen, starren Hand.
Damals
war ich dreizehn
gewesen. Das ist lange her, doch der Schmerz ist nie vergangen, egal
wie viele
Leute mir sagten, die Zeit heile alle Wunden. Es ist nie passiert.
Heute lebe
ich in einer kleinen Mietwohnung in einem dreckigen Hochhaus in
Ostberlin, doch
ich verbringe nur wenig Zeit darin. Tagsüber verbringe ich
meine Zeit auf dem
Campus, wo ich Philosophie studiere, und abends bin ich bei
verschiedenen
Freunden und Freundinnen. Ich habe viele, es ist fast jeden Abend
jemand
anders, doch keinem von ihnen würde ich auch nur meinen
Wohnungsschlüssel
anvertrauen, und von persönlicheren Dingen ganz zu schweigen.
Man kann gut mit
ihnen Zeit verbringen, doch ich könnte sie nicht
öfters als einmal im Monat
sehen.
Ich hatte keine wirklichen
Freunde mehr seit Alán. Das war vor vier Jahren. Damals
wohnte ich noch in
München. Ich erinnere mich nicht gerne daran. Die neblige
Nacht. Der alte,
klapprige Fiat Punto auf der Landstraße. Der Lastwagen ohne
Licht. Es war ein
Rot-Kreuz-Transportwagen, mit irgendwelcher Medizin drin. Was
für eine Ironie.
Natürlich konnten sie nichts mehr tun, so wie Alán
zugerichtet war.
Manche
haben seit dem
gesagt, ich sei vom Pech verfolgt oder so. Zwei unglückliche
Zufälle halt. Die
meisten Leute glauben nicht ans Schicksal. Denn es kann doch kein
Zufall sein,
dass jeder, mit dem ich wirklich gut auskam, ums Leben kam. Manche
haben auch
versucht, mir weiß zu machen, Gott hätte sie mit
Absicht aus dem Leben geholt.
Diese Leute habe ich gleich zur Hölle geschickt, denn welcher
Gott könnte so
ungütig sein, dass er das einem Menschen antut. Ich habe mit
vielen Leuten
darüber gesprochen, auch wenn ich sie nur flüchtig
kannte. Ich habe immer einen
Gesprächsstoff. Viele haben mir geraten, Gras darüber
wachsen zu lassen und
weiter zu leben, als wäre nichts geschehen. Doch wie kann ich
das, wenn ich
mich andauernd frage, was aus ihnen geworden ist? Warum sie so
früh gehen
mussten.
Was war mit den tausenden
von Tsunami-Opfern? Konnte es denn irgendeinen Grund geben, warum so
viele
Menschen sterben müssen? Oder die U-bahnbombe dieses Jahr. Und
dabei sind das
gerade einmal die Menschen gewesen, die ich nicht kannte. Was war mit
meiner
Oma, die gerade dann starb, als ich an ihr Krankenbett kam? Was war mit
meinem
Vater, der den Ruin nicht einmal ertragen konnte, wenn er an seinen
Sohn
dachte? Was war mit Amélie, dem Mädchen aus der 9.
Klasse, mit dem ich mal
gegangen war? Wir waren gerade einen Monat zusammen, sie war wirklich
süß. Wir
waren sozusagen das Pärchen der Klasse. Es war ein
Samstagnachmittag als sie
die Abkürzung übers Feld zu mir nahm. Wir fanden nur
ihren leblosen, nackten
Körper mit den grauenhaften Striemen überall auf
ihrer sanften, blassen Haut.
Und dann Alán. Und letzten Endes auch noch Andy. Ich kannte
ihn nicht einmal
persönlich. Es war mein Brief, den er beantwortete, als er zum
Briefkasten
ging. Auf dem Rückweg hatte er eine Herzattacke. In seinem
letzten Brief teilte
er mir seine Hochzeit mit.
Heute ist der 7. September, jener verhängnisvolle Tag, an dem die Hochzeit hatte stattfinden sollen. Dank eines bösen Zufalls ist es, was mir noch viel wichtiger ist, auch der Tag an dem Alán und ich das letzte Mal zusammen unterwegs waren. Ich habe mir vorgenommen, heute mit keinem Menschen Kontakt aufzunehmen, oder auch nur anzusehen, aus Angst vor dem bösen Schicksal dieses Tages. Ich habe meine Wohnungstür verriegelt und zum ersten Mal seit langem bin ich nun für länger als ein paar Stunden in der staubigen, dunklen Dachwohnung, in der ich sonst nur schlafe. Ich sitze in der kleinen Küche und denke nach. Ich denke dauernd nach, auch wenn nicht viel dabei herumkommt. Doch heute ist etwas anders. Aus irgendeinem Grund gehen mir nun alle Details durch den Kopf, an die ich mich am liebsten nie mehr erinnern würde. Und ich frage mich wieder einmal, wo sie alle sind. Warum mussten sie nur gehen? Gibt es irgendeine Möglichkeit für uns, herauszufinden, was nie für die Lebenden bestimmt war? Irgendeine Möglichkeit, zu sehen, zu fühlen wie es ihnen geht? Was mit Amélie passiert ist, und mit meinem Vater. Und Andy. Und wo ist Alán? Wie konnte er mich nur allein lassen? Er allein wusste, wie es mir ging. Er allein konnte mich verstehen.
Plötzlich erinnere ich mich an all die Geschichten von Nahtoderlebnissen. Ich habe nie besonders viel darauf gegeben, weil ich schon zu viel Kontakt mit dem Tod gehabt hatte, um mich noch freiwillig in diese Richtung zu begeben. Aber ist das nicht die einzige Möglichkeit, ein wenig zu erfahren, was hinter dem liegt, dass wir sehen?
Ich
brauche eine
Sauerstoffflasche und einen Verschluss, der sich mit irgendeinem
elektronischen
Gerät aufdrehen lässt. Dann eine Zeitschaltuhr und
zwei von diesen
Elektroteilen, die sie im Krankenhaus immer haben. Klebeband. Und
irgendeinen
Aufsatz für die Flasche, der sich problemlos in den Mund
stecken lässt.
Ich notiere mir die Punkte
auf einem Notizblock. Wie lange dauerten die längsten
Nahtoderlebnisse, bevor
man die Menschen wieder ins Leben geholt hatte? Das muss ich noch im
Internet
nachsehen. Und wenn ich die ganzen Geräte heute bestelle,
dürften sie nächste
Woche da sein. 13. September. Das war der Tag von Aláns
Beerdigung.
Es hat sich noch keiner Sorgen gemacht, obwohl ich jetzt schon vier Tage nicht mehr draußen war. Das spricht ja wieder für meine ganzen Freunde und Freundinnen. Aber das spielt so wie so keine Rolle, da ich nächste Woche um eine Erfahrung reicher wieder bei einem von ihnen sein werde. Und dann habe ich wirklich ein Gesprächsthema. Ich habe schon alles da, bis auf die Sauerstoffflasche, die müsste Morgen kommen. Das erste Mal hat mir eine der vielen Freundschaften tatsächlich genutzt, wie sonst hätte ich alle meine Extrawünsche bekommen können? Die Sauerstoffflasche kommt von einem Alexander, Hobbytaucher. Er ist der Verlobte von einer flüchtigen Bekannten aus der Uni, ich habe ihn ein, zwei Mal gesehen. Ich weiß nicht einmal seinen Nachnahmen.
Die Zeitschaltuhr ist eingestellt und angeschlossen, die Sauerstoffflasche liegt neben mir, der Schlauch führt in meinen Mund, wo er mit dem Klebeband befestigt ist. Mein Blick ist auf die Digitaluhr an meinem Armgelenk gerichtet. 17:14:36. Noch vierundzwanzig Sekunden. Meine Hand schließt sich um den Drehverschluss in der Mitte des Schlauches. 17:14:48. Um viertel nach fünf hatten sie den Sarg hinab gelassen. 17:14:54. Alán. Für Alán. Und für Amélie. Für Papa, und für Andy. Und für 20 000 Unbekannte. Doch vor allem für Alán.
Wie im Rausch merke ich wie mein Körper sich verkrampft, wie er alles aus den letzten Poren holt, was er an Luft bekommen kann. Dann wird er plötzlich starr. Doch ich bin noch immer da. Ich sehe wie der Wind vor dem Fenster die Blätter des hohen Baumes durchweht. Ich höre das leise Klicken der Zeitschaltuhr. Was kümmert mich das? Ich fühle, wie es dunkel wird. Der Raum verschwindet, in dem mein Körper leblos auf dem Boden liegt.
Ich nehme einen Geruch wahr, ein wenig wie Zimt. Warum Zimt? Ich fühle etwas Warmes durch mich sickern, fast wie wenn man im Dezember eine heiße Tasse Kakao trinkt. Wo sind die Bilder, das vorbeiziehende Leben? Müsste das nicht jetzt passieren? Stattdessen schwebe ich in diesem Tunnel, ohne zu wissen, ob ich stehe oder vorwärts rase. Da, was war das? Das war ein Bild. Viel mehr ein Gefühl, eine Erinnerung. Mein erstes Wort. Es war „Hilfe“ gewesen. Ich hatte die Gabel fallen gelassen und brauchte Hilfe. Sie hatten alle furchtbar erschrocken ausgesehen. Und da, schon wieder eins – Mein Bauch zieht sich zusammen und ich atme kalte Luft ein. Das Bild verschwindet. Nein! Ich bin doch noch lange nicht fertig! Ich will nicht zurück! Doch da kommt der Schlag und noch mehr Luft und ich reiße die Augen auf, Würgreize in meinem zugeklebten Mund. Ich reiße mir das Klebeband vom Gesicht, auch wenn er höllisch schmerzt. Ich lebe wieder.
Entschlossen
stehe ich an
der Autobahnbrücke. Es ist der Todestag von Amélie.
Ich muss das Ende dieses
Tunnels sehen, und das danach. Ich muss! Ich muss einfach. Für
Alán.















