Wolkenwagen
„Die
Wolken“, sagte Parwels Mutter immer, „sind die
Streitwagen
der Engel Gottes. Es gibt kleine und die ganz großen,
dunklen“, er fragte, wie sie sich denn fortbewegten.
„Lieber Parwel, schau doch hoch! Siehst du nicht die
Streitrösser, die davor gespannt sind? Und spürst du
denn
nicht den Wind, der sie antreibt?“
Parwels
Mutter versuchte immer, ihm alles zu erklären. Dabei wusste
sie
doch nichts, sie war doch arm, wie hätte sie je etwas lernen
können?
Von
allen Rätseln Gottes auf dieser Welt beschäftigte
dieses ihn
am Meisten: was machten die Engel dort in den Wolken, und wohin fuhren
sie? Wäre nicht eines Tages der Fremde im dunklen Mantel
gekommen,
hätte er wohl nie die Wahrheit erfahren. Und hätte
dieser
Fremde sich nicht als ein Ordensmönch offenbart,
hätte er ihn
wohl für einen Ketzer halten müssen, bei dem, was er
erzählte. Wer wusste, warum er gerade zu diesem Haus kam und
gerade Parwel unter den anderen Brüdern auswählte und
ihn
bat, mitzukommen. Er versprach der Mutter, gut für ihn zu
sorgen
und gab ihr einen Sack voll Gold als Entschädigung
für die
fehlende Hilfe bei der Ernte und bei den Tieren.
„Ich
brauche einen Gehilfen bei einer Arbeit, die das Weltgeschehen
ändern wird, und ich denke ihr Sohn ist genau der Richtige
dafür, denn er besitzt die notwenige wissenschaftliche
Neugier“, sagte er ihr und nahm den Jungen kurzerhand mit.
Seltsamerweise
gingen sie nicht zu seinem Ordenskloster, sondern zu einem
großen
Schuppen auf einem verlassenen Feld. Von außen schien dieser
wie
jeder andere, doch als der Mönch seinen Schlüssel
nahm und
ihn öffnete, glaubte Parwel seinen Augen kaum. Der ganze
Schuppen
war voll mit metallenen Geräten, Zahnrädern und
Streben,
einem großen Bottich mit einer Flüssigkeit darin und
vielem
Anderem, das sein Auge noch nie gesehen hatte.
„Dies
ist mein Labor, junger Parwel und hier ist der Plan von dem, was ich
versuchen werde“, verkündete der Mönch und
holte ein
großes Pergament hervor, dass voll mit Skizzen, Zeichnungen
und
Formeln war. Er drehte es um, und auf der Rückseite war eine
Zeichnung zu sehen, die Folgendes zeigte: eine gerade Fläche
unten, die den Erdboden zeigte, darüber die Wolken und
dazwischen
eine ovale Kugel, mit drei Segeln wie bei einem großen
Schiff,
die davon herausstaken. „Diese Kugel will ich bauen und damit
in
den Himmel fliegen. Mit diesen Segeln, die den Wind einfangen, will ich
mich durch die Wolken tragen lassen. Sie müssen von innen
verstellbar sein, falls der Wind sich dreht, und ein kleines
Fähnchen brauch ich auch, um zu sehen, von wo der Wind
kommt“, erklärte er von seiner eigenen Idee
fasziniert.
„Aber
wie kommt sie hoch in die Luft? Am Boden ist doch nicht genug Wind,
sonst würden Segelschiffe doch auch fliegen“,
bemerkte
Parwel nachdenklich.
„Oh,
mein Assistent denkt mit! Dafür brauche ich ein weiteres
Gerät, worin die Kugel steckt. Mit einem großen
Blasebalg
wird Luft hineingepumpt, soviel wie möglich ist, und dann wird
der
Verschluss oben geöffnet und die Kugel schießt
heraus,
angetrieben von der Luft, die dann herausströmt. Dieses
Gerät
muss sehr groß sein, um viel Luft aufzunehmen“,
fuhr der
Mönch fort. „Das Material ist auch vorhanden, doch
es muss
eben noch gebaut werden, und dabei benötige ich deine
Hilfe.“
Noch
am selben Tage begannen sie mit der Arbeit. Die Kugel sollte aus
Eisenstreben gebaut werden, die dann mit Holzlatten verkleidet wurden.
Das Eisengitter fiel ein wenig klein aus, zu zweit konnte man gerade
darin sitzen und höchstens noch die Hände bewegen,
aber das
würde reichen. Die Bretter ließen sie sich von einem
Schreinermeister bringen, der den Schuppen natürlich nicht
betreten durfte. Gegen die Luft brachten sie Leder an, damit die Kugel
luftdicht abgeschlossen war. Nur an einer Stelle brachten sie mehrere
Schweinsblasen übereinander an, um hinaussehen zu
können.
Parwel wurde immer vor die Tür geschickt, um die Waren, die
sie
vorbeigebracht bekamen, abzuholen, und es erstaunte ihn, wie viel Geld
der Mönch zur Verfügung hatte, um all das Material zu
bezahlen. Wochen vergingen über dieser Arbeit, der
Mönch
brachte meist die ersten Teile an und überließ
alles, was
einfacher vom System zu verstehen war, seinem Assistenten.
Als
eines Abends wieder die Frau vorbeikam, die ihnen das Essen brachte,
wollte sie ihm beim hineintragen helfen.
„Nein,
lasst nur, ich mache das schon!“, sagte Parwel schnell und
nahm es ihr ab.
„So
lasst mich doch freundlich sein!“, bot die Frau an.
„Was
ist denn los?“, rief die Stimme des Mönches von
innen und er
kam hinausgeschlurft, die Kutte dreckig von der vielen Arbeit.
„Verzeiht,
Meister, ich wollte dem Jungen nur zur Hand gehen“,
entschuldigte die Frau sich.
„Das
ist nicht nötig. Vielen Dank“, meinte der
Mönch, nahm
die Schüssel und ging kurzerhand mit Parwel in den Schuppen
und
schloss die Tür. „Diese neugierigen
Weiber!“, fluchte
er und stellte das Essen auf den Tisch. „Greif zu,
Junge.“
„Danke,
Meister.“
„Du
kannst mich ruhig auch Martin nennen. Bei dieser Arbeit sollten wir
keine Geheimnis voreinander haben“, bot der Mönch
ihm an.
„Danke,
Meister!“
Beide
aßen eine Weile schweigend.
„Meister,
ist Euch auch schon aufgefallen, dass der Dampf von dem Essen immer
nach oben aufsteigt?“, fragte Parwel plötzlich und
deutete
auf den Dampf.
„Natürlich,
aber was soll das bringen?“
„Woraus
besteht denn Dampf?“
„Nun,
aus heißer Luft, sonst nichts“, sagte Martin
selbstverständlich.
„Wenn
wir also heiße Luft in unserer Kugel produzieren, durch ein
einfaches Feuer beispielsweise…“
„Ich
verstehe!“, unterbrach Martin ihn. „Dann steigt
diese
heiße Luft auf. Wenn wir die in einem Beutel auffangen, zieht
es
diesen Beutel mit der heißen Luft nach oben – mit
uns!
Schlau nachgedacht! Aber wie können wir ein Feuer in dieser
kleinen Kugel machen?“
„Dann
müssen wir es vorher schon anmachen und in einem
luftgeschützen Kasten über der Kugel anbringen,
worüber
wiederum der Heißluftbeutel befestigt ist.“, schlug
Parwel
vor.
„Sehr
schön, sehr schön! So machen wir es!“
Und
so brachten sie an der ansonsten fast fertigen, leicht
fassförmigen Kugel vier Seitenwände oben darauf an
und legten
viel Holz hinein. Darüber befestigten sie vier
Metallstäbe,
an denen ein Stück weiter oben der Leinbeutel hing, der den
Rauch
auffangen sollte.
„Was
hätte ich nur ohne dich gemacht?“, fragte Martin
seinen
jungen Helfer, als die Kugel schließlich fertig war.
„Danke
Meister“, antwortete dieser ergeben, doch er konnte seine
Freude über dieses Kompliment kaum verbergen.
„Nun
fehlt nur noch unser Abschussapparat. Ist der besser aus Holz oder
Metallen gebaut?“, fragte der Mönch ihn um Rat.
Parwels
Brust schwoll an vor Stolz. „Wenn genügend Geld
vorhanden ist, so würde ich Metalle nehmen, denn die Luft muss
ja
wirklich drinnen bleiben“, gab er dann zu bedenken.
„Um
das Geld brauchen wir uns keine Gedanken machen, denn ich habe einen
äußerst hoch stehenden Unterstützer, der
ein Interesse
daran hat, zu erfahren, was sich hinter den Wolken befindet.“
Parwel
maßte sich nicht an, zu fragen, wer dies sei, doch die Art,
in
der Martin von ihm sprach, ließ ihn vermuten, dass es jemand
wirklich Wichtiges sein musste.
Fünf
Wochen später war der Schussapparat vollendet, und sie
begannen
damit, mit dem Blasebalg Luft einzupumpen. Sie wechselten sich ab in
dieser Arbeit und sie pumpten zweiundzwanzig Stunden am Stück.
Als
letzter pumpte Martin, während Parwel das Feuer über
der
Kugel anmachte, und eine kleine Flamme entstand.
„Nun,
Parwel, der Apparat wird gleich zum Platzen voll sein. Ist das Feuer im
Gange?“, rief Martin zu seinem Assistenten hoch.
„Ja,
Meister!“
„Dann
öffne die Luke und steig hinein, ich komme sofort
hoch!“,
rief er, während er weiter auf dem Blasebalg sprang. Dann
kletterte er schnell die Leiter hinauf und sprang zu Parwel in die
Kugel. „Schließen!“, befahl er und
während
dieser die Luke zuzog und verriegelte, öffnete Martin mit
einem
Hebelzug die Verschlüsse, die die Kugel in dem Schussapparat
hielten.
Es
knallte laut, als die Kugel von dem Druck der Luft hinaus
gestoßen wurde und durch die Öffnung im Dach in die
Höhe raste.
„Hoffentlich
brennt das Feuer gut!“, meinte Martin, während sie
aus dem
Schweinsblasenfenster hinaussahen und den Erdboden unter sich
verschwinden sahen.
„Sollten
wir die drei Flügel nicht mit der Fläche nach unten
drehen?“, fragte Parwel besorgt.
„Natürlich,
natürlich!“, bemerkte Martin seine Vergesslichkeit
und
drehte die drei Hebel um 90 Grad. „Gut so?“, fragte
er,
denn Parwel saß am Fenster und konnte einen der
Flügel sehen.
„Perfekt.“
„Haben
wir den Proviant mit?“
„Drei
Päckchen.“
„Was
haben wir sonst noch dabei?“
„Schreibmaterial.“
„Kannst
du etwa schreiben?“
„Unser
Nachbar hat es uns beigebracht.“
Martin
war beeindruckt.
„Sieh!“,
sagte Parwel kurz darauf und deutete auf das Fenster.
Martin
sah hinaus, wie die Erdlandschaft immer kleiner und kleiner wurde.
„Es ist wunderschön!“, stieß er
hervor.
„Ja…“
Sie
saßen da und sahen zum Fenster hinaus, wie die Erde, auf der
sie
ihr ganzes Leben verbracht hatten, sich immer mehr entfernte. Ab und zu
drehten sie die Flügel ein wenig, wenn der Wind wechselte, und
sie
stiegen und stiegen immer weiter.
Und
dann kamen sie, die Wolken. Erst sah es aus wie Nebel, doch dann sagte
Martin, dass es die Wolken sein müssten. Sie wurden immer
dichter,
so dass man bald nur noch weiß sah. Parwel saß wie
gebannt
am Fenster und starrte auf das weiß vor seinen Augen.
„Meine
Mutter sagte immer, die Wolken sind die Streitwagen der Engel Gottes,
die von himmlischen Streitrössern gezogen werden.“,
erzählte Parwel dem Mönch.
„Nun,
wie du siehst, ist das wohl Unsinn. Oder siehst du hier oben
Streitrösser?“, erwiderte dieser.
„Wofür
sind sie dann gut?“
„Ich
kann es dir nicht sagen, aber vielleicht werden wir es ja noch
herausfinden.“
Mittlerweile
stiegen sie nicht mehr so schnell auf, und manchmal ruckte es, als
wäre weniger Luft da. Außerdem begannen Parwels
Ohren stark
zu schmerzen, je höher sie stiegen.
„Was
ist das für ein Horror?“, rief er unter Schmerzen
aus.
„Du
musst dir die Nase zuhalten und dann durch sie ausatmen. Es ist wie
beim tauchen!“, rief Martin und Parwel befolgte den Rat.
„Besser?“
„Ja,
danke.“
„Da,
die Wolkendecke wird wieder dünner!“, rief Martin,
der aus
dem Fenster sah. Und tatsächlich, so langsam konnte man schon
mehr
sehen, als nur noch weiß. Klares, helles Sonnenlicht und
pures
Blau überall, und unter ihnen die weißen Wolken wie
ein
weicher Teppich. „Jetzt weiß ich, warum das
Paradies im
Himmel ist!“, flüsterte er ergriffen und auch Parwel
starrte
hinaus in die pure Schönheit des Himmels, der sie umgab.
Irgendwann
schlief Parwel ein, und dann aß er, denn er hatte seit
Ewigkeiten
nichts mehr gegessen. Er bemerkte nicht, dass Martin vor dem Fenster
saß und starr, wie im Bann hinausstarrte. Erst als er fertig
war,
fragte er ihn, ob er auch etwas zu essen wolle.
„Martin?“,
fragte er, als er keine Antwort erhielt, und stieß den
Mönch an.
„Ich
habe Gott gesehen!“, flüsterte Martin und fiel vom
Fenster
zurück, als ob ihm jemand auf den Kopf geschlagen
hätte.
Parwel
drängte sich sofort ans Fenster und sah hinaus. Und er sah die
Sterne. All die Sterne, ungezählte Massen vor einem tiefen
Schwarz
der Unendlichkeit. Er blickte direkt in das Angesicht der zeitlosen
Ewigkeit, und er verstand, was Martin gemeint hatte. So etwas
Unglaubliches konnte nichts anderes als Gott selbst sein, dessen
Anblick ja zu hoch für jedes Menschenauge ist, wie es schon in
der
Bibel geschrieben steht. Die Wolken waren also ein Schutz, damit die
Menschen nicht in das Angesicht Gottes sehen konnten, da es sie in den
Wahnsinn treiben würde. Denn dieser Anblick war nicht
für
einen normalen Sterblichen gedacht. Was war schon ein kleiner,
unbedeutender Mensch gegen die allmächtige Unendlichkeit des
Allwissenden? Wie sollte der Verstand eines gewöhnlichen
Menschen
diese Ewigkeit begreifen, die schon vor ihm existiert hatte und noch
bis in alle Zeiten da sein würde? Wie, nur wie konnte etwas
derartig Gigantisches existieren?
Parwels
Gedanken kreisten um sich selbst und er bemerkte, wie unbedeutend seine
und die Existenz jedes Menschen, ja selbst des Papstes war. Wie wenig
sie waren, in etwa wie eine Zecke im Vergleich zu einem Löwen
oder
gar der ganzen Welt selbst. Und während die Luft in der Kugel
immer dünner wurde und sein Verstand immer wirrer, bemerkte
er,
dass er nie zurückkommen würde, um jemand davon zu
erzählen, denn die Kugel schwebte davon und
hinterließ die
blaugrüne Scheibe der Erde ihrem eigenen Schicksal ohne die
Zwei,
die das Schicksal und Gott selbst herausgefordert hatten, um in das
Angesicht Gottes zu sehen. Dieses Angesicht der schwarzen Unendlichkeit
mit den unzählbaren, glänzenden Sternen.“















