Chapeau Claque

art brut
Melancholisch
Romantisch
Autobiographisch
Storytelling
Gesellschaftskritik
Agressiv
Party
Entspannt

"Fabelweiß"


Sprache: Deutsch, Englisch
Veröffentlicht: 2008
Tracks: 13
Genre: Pop/Electropop

Kurz: Musikalisch und poetisch anspruchsvoller deutscher Electropop
Für Fans von: Dido, Björk, Tori Amos, 2raumwohnung





Chapeau Claque ist wahrscheinlich die beste deutsche Popgruppe, die unsere Musiklandschaft in den letzten Jahren hervorgebracht hat. In meine Musiksammlung hat die Band um Maria Antonia Paula Schmidt durch einen Freund gefunden, dem ich zuvor nie den Besitz einer Pop-CD zugetraut hätte - was in Bezug auf andere Bands wahrscheinlich auch stimmt. Doch "Fabelweiß" ist mehr als einfacher Pop, und auch mehr als die selbstgewählte Kategorisierung Electropop: Fabelweiß ist Poesie auf Deutsch und Englisch, oft im selben Song gemischt, auf anspruchsvoller, gut gemischter Musik, die gleichzeitig ins Ohr, ins Herz und ins Tanzbein geht.
Der erste Song, mit dem die Erfurter Gruppe beim Bundesvision Song Contest leider nur den sechsten Platz eroberten, ist eine solche Mischung: "Pandora (Kiss Miss Tragedy)". Hier darf man sich nicht von den ersten paar Zeilen irritieren lassen - sie sind noch recht unverständlich und ungewohnt und klingen zu Beginn noch zu sehr nach durchschnittlichem Deutschpop - doch dann kommt der Refrain: Just kneel down and kiss Miss Tragedy asleep - She'll melt under your lips gefolgt von einer fantastischen zweiten Strophe und einem noch besseren dritten Teil, der von einer Steigerung in der Musik begleitet wird.
Eine noch außergewöhnlichere Mischung erwartet den Hörer mit "Rot". Eine Minute lang prescht Schmidt mit einem tanzbaren Abschnitt unter dem Motto "Rot" voran, leicht vorwurfsvoll und sehr selbstbewusst - doch dann kommt der Refrain: Ist es das Vakuum, das dich umhüllt, ist es die Leere, die deinen Atem füllt? Ist es der feilchenweiße Schnee in deinem pflaumenweichen Nackenhaar? Ist es der Mond, ist es das Meer, oder ist es gar dein Herz, das friert?, in einer zum Hinschmelzen sanften Melodie aus Gitarre und Keyboard und einer unglaublich sehnsüchtig-sanften Stimme. Und dann, als wäre nichts gewesen, folgt eine weitere, energiereiche Strophe über rote Rosen, Herzen, Lippen, Sonnenauf- und -untergänge.
Wie man nach den ersten zwei Songs gemerkt haben dürfte, sind die Refrains Chapeau Claques Stärke, indem sie sich auf stets besondere Weise von den Strophen abheben - das ist nicht anders bei "Unsere Liebe - ein Storch" (Unsere Liebe ist wie ein Storch, der im Spätsommer sein Nest verlässt / Mit etwas Glück kehrt er im Frühjahr zurück), dem kindlich-verträumten "Karussell", dem von einer Ziehharmonika begleiteten Beziehungsdrama "Mikesch & Milou" oder auch dem fröhlichen Großstadtnachtleben-Song "Zum Tanz". Eine große Abwechslung aus Gitarren und Klavier, Streichern und Schlagzeug umhüllen die Poesie, die alle Facetten abdeckt - bis zum unglaublich melancholischen "Last Dance", das in nur acht Zeilen und einer Symphonie aus dezenten Streichern und einem Klavier so viel Trauer ausdrückt, wie es andere Künstler in wortreichen Texten nicht zusammenfassen können.
Auf "25 Grad im November" richtet sich Schmidt gesellschaftskritisch gegen den Klimawandel und stellt damit nicht nur inhaltlich, sondern auch lyrisch und musikalisch "36 Grad" der im Vergleich unglaublich flachen 2raumwohnung um Meilen in den Schatten: 25 Grad im November / machen mir mehr Angst / als dass ich mich über die Knospen freuen könnt.
Wer bis zu diesem Song noch nicht vom unglaublichen Können der 2006 gegründeten Band überzeugt ist, dem ist eigentlich kaum noch zu helfen - wäre da nicht der letzte Song, eingeleitet von der "Kleinen Grünen Fabel" offenbart der "Froschtod" nach einem eigentlich recht uninteressanten, an moralische Fabeln erinnernden Einstieg einen gigantisch, wiederholten Vers, der einen leicht aus dem Album herausträgt und ein fantastisches Duo hervorbringt:

Dass wir uns im Himmel wiedersehen / Verrate mir ist davon auszugehen? / Dass wir uns im Himmel wiedersehen / Sage mit ist davon auszugehen?

Fazit: Man kann nur hoffen, in Zukunft mehr von Chapeau Claque zu hören - eine absolute Bereicherung deutscher Popmusik!