Polarkreis 18

Polarkreis
Melancholisch
Romantisch
Autobiographisch
Storytelling
Gesellschaftskritik
Agressiv
Party
Entspannt

"Polarkreis 18"


Sprache: Englisch
Veröffentlicht: 2007
Tracks: 11
Genre: Indie/Pop/Rock/Synthie/Emo

Kurz: Ein gigantisches Debut-Album, das noch fern des Mainstreams steht
Für Fans von: Snow Patrol, Joy Division, Razorlight





Die Dresdner Band Polarkreis 18 dürfte mittlerweile alles andere als ein Geheimtipp sein, seit sie mit ihrem zweiten Album "The Colour of Snow" und dem Hit "Allein Allein" die Charts stürmten - so mancher konnte den auf allen Radiosendern gespielten Song bald nicht mehr hören und stempelte die Gruppe als langweiligen Emo-Pop der Mainstreamkultur ab. Umso erstaunter ist man, wenn man sich das Debutalbum der jungen Truppe anhört. Das selbstbetitelte Album ist fern der sich aufdrängenden "Allein Allein"-Art und lässt nachvollziehen, warum Radiosender schon vor dem Hit auf die junge Band aufmerksam wurden. Eine deutliche rockigere Musik mit aber genauso starker Pop-Melodik vermischt sich mit der dem Sänger Felix Räuber eigenen, melancholisch-hohen Stimme, die erstaunlich leise und sanft die Musik aus klassischer Rockinstrumentierung und intensiven Streichern bereichert. Tatsächlich ist er im Vergleich zu seinen fünf Bandkollegen so dezent, dass man oft nicht einmal den Text richtig versteht. Das mag schade um die Texte sein, tut der Musik als ganzes aber sehr gut, die nicht so Ohrwurm-lastig wird wie die neueren Songs der Band. Sphärisches Keyboard wechselt sich mit rockigen Gitarren ab und ein Ende wie in "Crystal Lake", das die Verstärker zum Schreien bringt, hätte man kaum von der weißgekleideten Truppe erwartet.
Einer meiner persönlichen Lieblingssongs ist definitiv "Dreamdancer", von einem herrlichen Retro-Intro eingeleitet eröffnet ein durchgängiges Schlagzeug die sanfte, von Streichern gespielte Melodie und trägt durch das ganze Stück. Gerade durch das Schlagzeug Christian Grochaus bewegt das Stück zum mitwippen trotz der Anfangs eher ruhigen Melodie, die dann jedoch in eine treibende Streicherpassage übergeht. Der Titel beschreibt das Stück so gut, wie es nur geht - das Stück ist träumerisch und leicht, doch so tanzbar, dass man selbst die wenigen Worte des Sängers in den Hintergrund drängt.
Auch "Stellaris" ist ein solcher Song, bei dem allerdings abwechselnd der Gesang und die Instrumente die Hauptrolle spielen. Hierbei stört auch bei längerem Hören nicht die hohe Stimme Räubers, die sich einfach passend in die Musik einpasst. Dass diese stets eine Vereinigung von Melancholie und sonniger Entspanntheit erreicht, macht den Charme des selbstproduzierten "Polarkreis 18" aus, auch wenn hin und ab ein wenig unpassende aggressive Schreie (wie in "Look") dem Gesamteindruck etwas schaden.
Ein schönes, instrumentales Interlude folgt allerdings auf dem Fuß mit "After All, He Was Sad", das mit zwei Minuten zwar eigentlich zu lang für ein solches ist, für einen Song aber einfach zu wenig Zusammenhalt bietet - was dem kurzen Stück keineswegs seine Außergewöhnlichkeit aberkennen soll!
Mit "Ursa Major" kommt Räuber dann anfangs wieder etwas deutlicher zu Wort, auch wenn hier am meisten die elektronisch verzerrten Beats begeistern, die in einer Welle von gedämpftem zu klarem Klang durch das Stück tragen. In der Mitte des Tracks tritt eine Eigenschaft der Dresdner hervor, die dieses Album auszumachen scheint: das leise Schreien. Es gibt wohl wenig Musik, bei der der Sänger offensichtlich aus voller Kehle ins Mikrofon schreit und dabei trotzdem nicht auf aggressive Weise aufwühlt, sondern immer noch hinter der Musik verschwindet - die keineswegs sehr viel aggressiver ist, sondern verhältnismäßig entspannt. Die Harmonie aus Gekratze und Gekreische macht den Song zum eigentlichen Hit der Band.
Der letzte Song, "Under This Big Moon", erinnert stark an Snow Patrol und ähnliche Größen - was aber tatsächlich an einer geringeren Experimentierfreudigkeit liegt. Der Song, der zweifellos ein romantisch-melodisches Meisterstück ist, setzt im Gegensatz zum Rest des Albums viel mehr auf Räubers Stimme, und eine balladenhafte Instrumentierung aus Klavier und Schlag, die gegen Mitte des Liedes einen Energieschub bekommen. "Under This Big Moon" ist gleichzeitig einer der besten und einer der schlechtesten Songs des Albums: der besten, weil er zeigt, dass Polarkreis 18 die Musik beherrschen wie die lange bekannten Stars im Musikgeschäft, einer der schlechtesten, weil er nicht, wie die anderen Songs, diese herrliche Mischung aus Melancholie und Tanzbarkeit, instrumenteller Feinarbeit und leisem Gekreische aufzuweisen vermag - und genau das weist auf die Art von Musik hin, die die 1999 gegründete Band ein Jahr später mit "The Colour of Snow" in den Mainstream katapultieren wird, wo eine pathetische Instrumentierung die leider ideenlosen Songs ausgleicht.

Fazit: Man kann nur hoffen, dass Polarkreis 18 in Zukunft zu ihren Wurzeln zurückkehren und sich mehr an ihrem Debut orientieren - denn das ist eine tatsächliche Bereicherung für die Popmusik.