Torch
Romantisch
Autobiographisch
Storytelling
Gesellschaftskritik
Agressiv
Party
Entspannt
"Blauer Samt"
Sprache: Deutsch
Veröffentlicht: 2000
Tracks: 20
Genre: Hip Hop
Kurz: Nachdenklich-emotionaler Sprechgesang der deutschen Oldschool
Für Fans von: Freundeskreis, Advanced Chemistry, Thomas D. ...
Es ist bezeichnend, dass Torch im Allgemeinen hauptsächlich mit dem Track "Wir waren mal Stars" bekannt geworden ist. Das ehemalige Mitglied der Heidelberger Hip Hop Crew "Advanced Chemistry" gehört nicht zu den bekanntesten Rappern, die als "Popstars" bezeichnet werden könnten und hat (bisher) auch lediglich das vorliegende Soloalbum "Blauer Samt" eingespielt. Mit Advanced Chemistry war er zuvor durchaus in der Szene bekannt, die heutige Popularität der Hip Hop Szene hat er jedoch nicht mehr miterlebt. Dabei ist das Album ein starkes Stück deutscher Hip Hop Geschichte, das jedem ein Begriff sein sollte, der sich für die Szene interessiert - undzwar eben wegen seiner Andersartigkeit. Torchs Stärken sind eindeutig die autobiographischen sowie die oft melancholischen Romantik-Songs - wenn man Freundeskreis als das Gewissen und den Kopf des deutschen Hip Hops bezeichnen möchte, so ist der unter dem Namen Frederik Hahn geborene Heidelberger sein Herz.
Eine mir persönlich widerfahrene Szene zeigt die Wirkkraft dieses Albums: auf einer Reise erzählte ich einem Kommilitonen von meinen Lieblingsalben und spielte ihm dabei ein paar Torch-Tracks auf dem MP3-Player vor. Besagter Kommilitone hört sonst fast ausschließlich Metal und Hard Rock und übt sich in Gutturalem Gesang, aber mit Hip Hop hatte er bisher nicht viel zu tun - doch "Blauer Samt" zählt mittlerweile auch zu seinen Lieblingsalben und er schwärmt noch heute von Torchs Musik. Wie so oft bei gutem Sprechgesang lebt die Musik des von Afrika Bambaataa zum "Zulu-Nation King Deutschlands" ernannten Heidelbergers hauptsächlich von den guten Texten, bei denen man einfach zuhören muss. Doch auch die musikalische Untermalung setzt Maßstäbe und unterstützt stets passend die hervorragend gereimten Texte.
Neben der Single "Wir waren mal Stars" mit seinem Heidelberger Crewkollegen Toni L. existieren zahlreiche heimliche "beste Songs", von denen es jeder Wert wäre, erwähnt zu werden. In "Wer bin ich" setzt sich Torch auf frische Art mit seinen Charaktereigenschaften und Vorurteilen über ihn auseinander, während dies in "Kapitel 29" auf sehr viel poetischere, übertragene Weise geschieht. In "Ich habe geschrieben" wird dies auch noch mit einer verflossenen Liebe verbunden. Romantisch wird es vor allem auch bei "Hey Mädel" und "In deinen Armen", letzteres ein Liebeslied, wie man es sich nur wünschen kann. (Liebe ist Frankreich - und Paris, das bist du!). Ein sehr eindrucksvoller Track ist "Heute", der es einem trotz seiner kurzen Einfachheit kalt den Rücken herunterlaufen lässt:
Es war ein Tag wie jeder andere - zumindest war es das, was man von einem Tag wie jedem anderen hält. Aber heute Morgen stand ich auf und nahm meine Welt irgendwie nicht mehr wahr. Aber dafür sah ich sie zum ersten Mal richtig klar. ... Aber diesmal fragte ich mich: warum ist dies so?
Und nun weiß ich nicht, ob ich Morgen noch aufstehen will.
Der Titelsong "Blauer Samt" ist ein flüsternd vorgetragener, halb schauerlicher Track; ein Gedicht, das zu beschreiben schlicht unmöglich ist. Gesellschaftskritisch wird es in "Gewalt oder Sex" und teils in "Auf der Flucht"; außergewöhnlich ist auch der mittelalterlich gerappte Disstrack "Der flammende Ring" - eine Leistung, von der andere Rapper nur träumen können.
Doch auch die hier unerwähnten Songs des Albums sind keineswegs schwache Tracks zum überspringen - ein eindrucksvolles Album zum zuhören und nachenken und mitfühlen, das den Beweis dafür antreten kann, dass Hip Hop keineswegs inhaltlose Selbstbeweihräucherung ist und einen entsprechenden Platz in der anspruchsvollen Musikszene verdient hat.
Fazit: Reinste Poesie!















