Das Immaterielle Manifest
Von Jesko Habert
Die Zeit der Materie neigt sich ihren Ende zu. Der Sozialismus
versuchte dies in der ökonomischen Welt zu verdeutlichen und
erlitt dabei ein tragisches Schicksal, da die ökonomische Welt
noch nicht bereit ist für einen solchen Wandel. Doch aus der
gesellschaftlichen Sicht wird es mehr und mehr offensichtlich:
materielle Werte treten immer mehr in den Hintergrund, auch wenn die
Konzerne uns das Gegenteil vermitteln wollen. Ein geistiger Ersatz hat
allerdings in der westlichen Welt noch nicht stattgefunden –
der größte Teil der westlichen Bevölkerung
ist mittlerweile atheistisch eingestellt, ein paar wenige geben das
sogar zu. Wir befinden uns also in einer Zeit des Übergangs,
in dem die materiellen Werte an Wichtigkeit verlieren, die geistigen
Werte diesem Verlust aber noch nicht aufgeholt haben.
Gerade in der Kunst lässt sich dieser Prozess seit einiger
Zeit beobachten. Die handwerklichen Aspekte, der Stoff der Kunst,
werden zunehmend unwichtiger, die Form hingegen, die Idee, ist das, was
von Bedeutung ist. (Weitere Erläuterungen zu Stoff und Form in
der Kunst siehe Schillers Briefe über die ästhetische
Erziehung des Menschen.) Wir sehen es in der Minimal Art, in den Formen
der abstrakten Kunst, im Dadaismus und besonders in der Aktionskunst,
welche nur im einzigen Moment sichtbar wird, in dem die Kunst
ausgeführt wird. Treibt man nun diese Tendenzen auf die Spitze
und schlägt den bereits begonnen Weg der Entwicklung ein, so
kommen wir letzten Endes zu der Immateriellen Kunst.
Die wichtigsten Aspekte der Immateriellen Kunst sind
- die Nichtexistenz von Materie und
- die reine, ursprüngliche Idee, die sich zu dem
Betrachter über den Gedanken überträgt.
Da der reine Gedanke des Kunstwerkes jedoch nicht direkt vom Kopf des Künstlers zum Kopf des Betrachters übertragbar ist, muss er sich eines Hilfsmediums bedienen um den Gedanken des Kunstwerkes zu übermitteln: das Wort, die Schrift, oder eine Skizze. Hierbei sind erstgenannte Hilfsmedien zu bevorzugen, was ich weiter unten noch ausführen werde.
Der Vorläufer der Immateriellen Kunst ist
zweifellos die Konzeptkunst, welche jedoch noch immer im Ziel der
Ausführung endet. Wenn Sol LeWitt beispielsweise die Skizze
für eine Wandzeichnung, bestehend nur aus vier Arten von
Linien, erstellte, so stand am Ende des Prozesses noch immer die
Ausführung durch einen Assistenten, der dieses Konzept auf
eine Wand übertrug. Diese Ausführung ist bei der
Immateriellen Kunst nicht mehr nötig, da sich die Kunst nur
im Kopfe des Betrachters abspielt – eine Materialisierung ist
nicht gewollt und nicht gebraucht. In der modernen Musik haben wir ein
mit dieser Definition übereinstimmendes Werk namens
„4:33“ von John Cage, bei dem Minuten lang ein voll
besetztes Orchester vor leeren Notenblättern saß und
diese Sitiuation zusammen mit der inneren und
äußeren Reaktion der Zuhörer das
eigentliche Kunstwerk darstellte. Es ist somit das erste Stück
Immaterieller Musik.
In der Immateriellen Kunst wird auf ähnliche Weise
verfahren, nur nicht mit einer Musik der Vorstellung, sondern mit einem
Objekt.
Als Beispiel möchte ich die „Schiefrunde
Perle“ anführen.
„Schiefrunde Perle“ Jesko Habert, 15.10.06
Das Immaterielle Kunstobjekt namens
„Schiefrunde
Perle“ ist von eiförmiger Gestalt und hat eine
glatte Oberfläche. Durch sie hindurch ist ein Loch
gehöhlt, welches mit einer leichten Krümmung einem
Tunnel gleich durch dieses Objekt führt. In dieses Loch
lässt sich hineinpusten.
Die Vorstellung dieses Immateriellen Objektes fällt bei
jedem Betrachter anders aus, da der Gedanke sich zwar
übertragen hat, bei jedem Betrachter jedoch eine eigene,
individuelle Interpretation erhält. So empfindet jeder Mensch
dieses Objekt in gewisser Weise vollkommen anders in
Größe, Form und vor allem Sinn. Denn der Sinn eines
Immateriellen Objektes lässt sich kaum aus dem Hilfsmedium
ermitteln. Das ist gewollt. Nur so lässt sich die
Interpretationsfreiheit herstellen. Bei der jeweiligen Interpretation
können letztendlich vollkommen unterschiedliche Ergebnisse
herauskommen. Der Sinn des Objektes kann wissenschaftlich, physisch,
geistig oder unterbewusst sein, oder er kann auch vollkommen
unnachvollziehbar sein, so dass die Reaktion auf das Immaterielle
Objekt an sich das Ziel ist. Die Immaterielle Kunst konzentriert sich
also vollkommen auf das, was schon immer einer der wichtigsten
Bestandteile der Kunst war: die Wirkung auf den Betrachter. Die
wertvollsten Momente hierbei sind erstens die Entstehung des Gedankens
im Kopf des Künstlers und zweitens die Interpretation des
Gedankens im Kopf des Betrachters. Alle dazwischenliegenden Schritte,
die bei jeder bisherigen Kunst benötigt wurden sind hiermit
beseitigt, da sie lediglich eine Verdeutlichung durch die Materie
darstellen, die nicht mehr von Nöten ist, wenn der Gedanke
sich ohne sie vermitteln kann. Die benutzten Hilfsmedien werden deshalb
so spärlich wie nötig benutzt um erstens die
nötige Freiheit zu ermöglichen und zweitens sich der
direkten Gedankenübertragung so nah als möglich zu
nähern.
Durch diese Minimierung des Übertragungsmaterials
erhält der Betrachter in jeder Möglichkeit eine
Interpretationsfreiheit. Das Objekt wird so über
Gehör, Tastsinn, Optik, Geschmack und Geruch ebenso analysiert
wie auf geistiger Ebene (wobei die Analyse durch die fünf
Sinne sich natürlich ebenfalls auf einer geistigen Ebene der
Vorstellung äußert) – und das vollkommen
individuell. Während das Objekt für den einen
Betrachter von selbst schweben kann, könnte es für
einen anderen Betrachter versehentlich herunterfallen und zerbrechen
– was für den ersten Betrachter vollkommen
irrelevant wäre.
Diese Minimalisierung der Medien ist bei Schrift und Wort
natürlich sehr viel einfacher als bei einer gezeichneten
Skizze. Diese muss deshalb ebenfalls so simpel wie möglich
ausfallen, um den Anforderungen zu entsprechen.
Doch bereits bei einer sehr simplen Skizze wird die Vorstellung des
Künstlers schon in gewissem Maße zur Pflicht
gemacht. Trotz Verzicht auf Längenangaben, Farbgebung,
Materialien etc, ist die Position des Loches (der
Durchhöhlung) ziemlich festgelegt – eine
Durchhöhlung vom unteren zum oberen Ende wäre durch
eine solche Zeichnung bereits ausgeschlossen. Andererseits
würde hier eine ganz andere Sinnvorstellung beim Betrachter
entstehen, denn wie sollte er auf die Idee kommen, durch das Loch zu
pusten? (Es sei denn die Zeichnung wird erweitert, was wiederum
Freiheitseinbußen in der Größendimension
zur Folge hätte.) So hat eine Zeichnung nicht nur eine
stoffliche Festlegung zur Folge, sondern auch eine vollkommene
Änderung der Form der „Schiefrunden Perle“
an sich. Während das Objekt durch eine Zeichnung oder eine
Skizze eine größere äußere
Übereinstimmung zwischen zwei Betrachter oder zwischen
Betrachter und Künstler bewirkt, führt diese
Zeichnung andererseits zu einer Entfernung beider Vorstellungen in
innerlicher, also formbetreffender Hinsicht. Da diese aber bei der
Immateriellen Kunst nicht nur von größerer
Wichtigkeit, sondern der eigentliche Zweck ist, sind Wort und Schrift
einer Zeichnung als Hilfsmedium vorzuziehen.
Man könnte nun natürlich fragen, warum die
schriftliche oder wörtliche Fixierung der Gedanken zwecks
Übertragung nicht ausgeprägter sein soll, wenn es
doch auf mehr Übereinstimmung innerer Werte ankommt. Die
Antwort ist leicht: jeder klar definierte Zweck eines Gegenstandes hat
eine bestimmte Äußerlichkeit zur Folge. In der
Biologie kann man dies an folgendem Beispiel sehen: Damit der Mensch
denken kann, muss er seine körperlichen Bedürfnisse
schneller befriedigen können, um sich dem Denken widmen zu
können. Dies wird durch Werkzeuge und andere selbst gemachte
Hilfsmittel ermöglicht, die der Mensch nur dann herstellen und
nutzen kann, wenn er die Hände zur Verfügung hat. Die
äußerliche Folge: der Mensch geht auf zwei Beinen,
um die anderen beiden Extremitäten für oben genannten
Zweck zu nutzen.
Wenn also ein Zwecks eines Objektes definiert wird, entsteht damit
zwingender-maßen die logischste äußerliche
Gestaltung. Ein anderes Beispiel: benötigt man ein Objekt, das
auf dem Wasser schwimmen kann, fallen mehrere Materialien aus.
Der Künstler wählt also eine Eigenschaft, eine Idee
aus, die er als von besonderer Wichtigkeit für das Objekt
erachtet und setzt sie fest. Alle anderen Eigenschaften
überlässt er der Interpretation des Betrachters.
Wenn man also als das wichtigste in der Kunst die Idee sieht, wie es
seit einigen Jahren immer stärker akzeptiert wurde, so ist der
Immateriellen Kunst nichts entgegenzusetzen, da sie genau dies zur
Wirklichkeit macht: die vollkommene Auflösung des Handwerkes
zugunsten der Form eines Kunstwerkes.
Da die „Schiefrunde Perle“ als Immaterielles
Objekt nicht mehr im ursprünglichen Nutzen zu gebrauchen ist,
da ich in diesem Manifest einige meiner persönlichen
Denkansätze ausgedrückt und somit festgelegt habe,
möchte ich nun ein weiteres Immaterielles Objekt vorstellen:
"Die weiche Pyramide" Jesko Habert, 19.10.06
„Die weiche Pyramide“ ist ein pyramidenförmiges, Immaterielles Objekt und hat eine weiche Oberfläche. Diese Pyramide kann sich drehen, wofür man lediglich einen kleinen Anstoß benötigt.