Sol LeWitt: "Wall Painting #263"
Minimalistische Konzeptkunst
Kunstreferat von Jesko Habert

Das Bild „Wall Painting #264“ ist eines von Sol LeWitts konzeptionellen Kunstwerken, welches zusätzlich auch noch minimalistische Elemente beinhaltet. LeWitt machte den Entwurf des Bildes und übergab diesen zusammen mit einer Lizenz und einem Plandiagramm einem Assistenten. In dem Konzept ist jede Kleinigkeit festgelegt, ganz besonders die Dicke der Striche und die Abstände zwischen ihnen sind z.B. von Wichtigkeit. Der Assistent führt die Anweisungen dann aus, um das Kunstwerk letzten Endes sichtbar zu machen. Wenn ein Museum (wie die Bonner Kunstgalerie) das Bild ausstellen will, bekommt sie die Lizenz dafür, muss das Kunstwerk nach dem Ende der Ausstellung jedoch wieder vernichten. Es wird mit speziellen Stiften direkt auf eine Wand gemalt, wobei das ganze Bild ungefähr vier Mal vier Meter groß sein dürfte, möglicherweise auch größer. Dadurch, dass sowohl die Wand, der umgebende Raum als auch besonders der Assistent bei jeder Ausführung anders sind, variiert das Kunstwerk in jeder Ausstellung ein wenig und ist für sich vollkommen individuell und einmalig.
„Wall Painting #264“ besteht aus vier minimalistischen Bestandteilen, die, auf kombinierte Weise, die ganze Fläche füllen.
Diese vier Bestandteile sind ein vertikaler, schwarzer Strich, ein horizontaler, gelber Strich, ein von links unten nach rechts oben gehender diagonaler, roter Strich und ein von links oben nach rechts unten gehender diagonaler, blauer Strich.
Wie im Diagramm, welches im rechtesten unteren Kästchen auch im Originalbild enthalten ist, zu sehen ist, sind diese vier Elemente auf jede mögliche Weise miteinander kombiniert: das mit 1 betitelte Feld ist nur mit den schwarzen Strichen gefüllt, die Nummer 2 mit den horizontalen Strichen, das dritte Feld mit den roten Linien und das letzte in der Reihe mit den blauen Linien. Im Feld „12“ sind dann die ersten beiden Felder übereinander gelegt, was ein gelb-schwarzes Karomuster ergibt. An den folgenden Ziffern sieht man die jeweiligen Kombinationen. Durch die verschiedenen Farbkombinationen ergeben sich dabei die verschiedensten Farbfelder, die schwarzen Linien bringen noch einen Hell-Dunkel Kontrast hinzu, und die verschiedenen Linienrichtungen ergeben in jedem Fenster ein neues Muster, bei dem jeweils andere Linienrichtungen hervortreten.

Wenn man sich das Originalbild in der vollen Größe auf der Wand aus mehreren Metern Entfernung ansieht, entsteht ein geradezu harmonisches Gesamtbild, bei dem die Farben und Linien sich gegenseitig ergänzen, so dass man, wenn man nicht länger hinsieht, vermuten könnte, es sind einfarbige, aufeinander abgestimmte Flächen. Geht man näher an das Bild heran, so erkennt man zwar die Linien, erliegt aber immer noch einigen Täuschungen. Bei den Kombinationen „24“ und „124“, welche als Gesamtbild hellgrün und dunkelgrün erscheinen entsteht ein interessanter Effekt: egal wie nah man an dem Bild steht und die Linien sieht, man erliegt immer noch dem Eindruck, die Linien wären tatsächlich grün – was sie natürlich nicht sind, da nur ihre Schnittpunkte eine grüne Farbe ergeben.
Das Bild stellt natürlich eigentlich nichts dar, denn es beschäftigt sich mit den entstehenden Ergebnissen aus kleinen Bestandteilen. In der minimalistischen Musik (z.B. bei Steve Reich) nennt man dies die „resulting patterns“, auch wenn sie dort selbstverständlich anders entstehen. Insofern sind die oft bestrittenen Zusammenhänge zwischen Minimal Art und Minimal Music doch nicht so weit voneinander entfernt.
An „Wall Painting #264“ fällt zwar besonders der minimalistische Aspekt auf, doch Sol LeWitt lag zweifellos mehr an dem konzeptionellen Aspekt, den er auch bei anderen, nicht minimalistischen Werken benutzte. Auch wenn LeWitt anfangs minimalistischer Bildhauer war, zählte für ihn später das Konzept mehr als die Form. In seinem Frühwerk beschäftigte er sich viel mit Skulpturen in geometrischen Formen und Gitterkonstruktionen, später erstellte er, wie gesagt, die Konzepte für die verschiedensten Arten von Kunstwerken (wie z.B. auch das auf der Außenseite dieser Kunstmappe umgesetzte Konzept) wobei die Abschaffung des Außergewöhnlichen zugunsten einer objektgebundenen (also nur auf sich selbst bezogenen) Ausdruckskraft das Ziel darstellt. Ebenfalls ist in fast sämtlichen seiner Werke das Durchspielen aller Varianten ein wichtiger Bestandteil (wie in „Wall Painting #264“, in dem alle Kombinationen durchgeführt werden.)
Sol LeWitt wurde am 9.9.1928 in Hartford, Connecticut (USA) geboren, ging von 1945 bis 49 an die Syracuse University und zog 53 nach New York, wo er an der Cartoonist and Illustrator School weiterstudierte. In den folgenden Jahren war er als Grafiker und Designer tätig und unterrichtete an diversen Kunstschulen und der New Yorker Universität. Zwischen 1967 und 69, zu dieser Zeit ist er bereits berühmt und mehrere seiner Werke sind in modernen Museen zu besichtigen, schreibt er „Paragraphs on Conceptual Art“ und „Sentences on Conceptual Art“, in denen er seine Arbeitsweise der Konzeptkunst und seine Kunsttheorie der Loslösung vom Individualismus zu einer objektiven Sichtweise darlegt. „Wall Painting #264“ konzipierte er 1975 und ließ es das erste Mal in demselben Jahr im Hause des Grafen Panza di Biumo in Varese von einem Assistenten ausführen.
Was mir bei der Kopie von „Wall Painting #264“ auffiel, war eine weitere Komplikation, die wohl auch durch das fest fixierte Konzept gelöst wurde, was mir für die Kopie selbstverständlich nicht zur Verfügung stand: welche Linien kommen in den Hintergrund, und welche in den Vordergrund? Bei einer Kombination aus zwei Mustern gibt es zwar nur zwei Varianten, bei der Kombination „1234“ aber kann es 24 Varianten geben, in welcher Reihenfolge die Muster übereinander angelagert sind. Und diese Varianten sehen natürlich jeweils in gewissem Maße anders aus. Die Anordnung spielt also auch eine wichtige Rolle in der in sich geschlossenen, da bis in jede mögliche Variation durchgeführte, Gesamt-komposition.
„Wall Drawing #264“ ist mit schwarzem, gelbem, rotem und blauem Stift gemalt, wobei die Linien mit Hilfe von Linealen gezogen werden. Im Vergleich zu der Größe des Bildes sind die Striche zwar eher dünn, so dass sie aus einiger Entfernung nicht mehr einzeln auszumachen sind, tatsächlich sind sie aber gut zwei bis drei Millimeter breit – dies wurde für mich bei der Kopie zu einem Problem, da ich die Striche nicht so dünn zeichnen konnte, dass sie im gleichen Größenverhältnis zum gesamten Bild stehen konnte, wie das beim Original der Fall war, weshalb die einzelnen Linien bei meinem Bild viel mehr auszumachen sind als bei dem Originalbild von LeWitt.