Thomas Mann: "Der Tod in Venedig"
Referat von Jesko Habert
Thomas Mann schrieb seine Novelle „Der Tod in Venedig“ kurz nachdem er selbst mit seiner Frau Katia Mann in Venedig Urlaub gemacht hatte. Die Stadt hatte ihn scheinbar genug beeindruckt, um seine Novelle dort stattfinden zu lassen. Auch begegnete er dort einem schönen jungen Polen, den er immer wieder gern beobachtete, wie seine Frau später berichtete. Die Geschichte eines älteren Schriftstellers, der ein Interesse an einem jungen Mann findet, ist also in gewisser Weise autobiographisch.
Kapitel I.
Gustav von Aschenbach, ein etwa 50 Jahre alter Schriftsteller, der bisher immer nach apollinischen Gesetzen lebte, (Seite 21) die Ordnung liebte und Durchhaltevermögen schätzte, begegnet, als er mit einem Spaziergang seiner (zu großer Wichtigkeit stilisierter) Schreibblockade entflieht, einem fremden Reisenden, der in ihm die lang unterdrückte Reise- und Abenteuerlust und eine gewisse dionysische Gefühlsstimmung erweckt. Diese Begegnung findet an der Straßenbahnstation vor einem Friedhof in München, gegenüber einer Leichenhalle statt – all dies sind natürlich Hinweise auf den Tod Aschenbachs (Seite 10/11), der ihn nach einer unglaublichen Persönlichkeitsänderung in Venedig heimsuchen wird. Auch der Reisende selbst ist ein „Todesbote“, wie es sie noch häufig in der Novelle geben wird. Er ist mager, hat ein totenkopfähnliches Grinsen und rote Haare (was ein Hinweis auf Hermes ist, den griechischen Boten zwischen Göttern wie Dionysos und Apoll – ebenso wie zwischen der Welt der Lebenden und der Toten)
und er trägt gelbe Kleidung, die für den Tod, die Seuche (Gelbsucht) usw. steht. (Seite 12)
Doch Aschenbach verliert sich in einem Traum vom indischen, chaotischen und urwüchsigen Dschungel und er nimmt sich vor (u.a. auch aufgrund seiner Schreibblockade) auf Reise zu gehen.
Kapitel II.
Das zweite Kapitel greift zunächst zurück auf Aschenbachs Biographie. Thomas Mann stellte sie mit Absicht weiter zurück, um einen direkten, für den Leser interessanten Einstieg zu erreichen. Die Biographie zeigt viele Ähnlichkeiten mit der von Thomas Mann selbst, z.B. als seine Werke aufgezählt werden. Auch die Herkunft beider Personen ist ähnlich. Was als eine gewisse Kritik angesehen werden kann, ist die Beschreibung Aschenbachs Wandels: Während er zu Jugendzeiten noch provozierende Werke schrieb und sich nicht darum kümmerte, was man über ihn redete, achtet er später mehr darauf und nimmt Rücksichten – dies wird als Fortschritt geschildert, obwohl dies gerade bei Schriftstellern bezweifelt werden kann. (Seite 26)
Kapitel III.
Aschenbach fährt, nach einem knapp beschriebenen kurzen Aufenthalt an der Adria, weiter nach Venedig. Unterwegs begegnen ihm zwei weitere Todesboten, einmal der Zahlmeister auf dem Schiff (Ähnlichkeit mit dem Tod (Gebiss) und Hermes (rote Haare) und Charon, dem Fährmann, der die toten Griechen über den Styx brachte) (Seite 33) und später der alte Geck, welcher sich durch Schminke, falsches Gebiss und ähnliches „verjüngt“ hat, um sich unter die Jugendlichen auf dem Schiff zu mischen. (Seite 35) Das erscheint ihm zwar noch widerlich, später aber greift er zu denselben Mitteln, um sich für Tadzio interessanter zu machen. (~ Seite 127)
Als er in Venedig ankommt, erwartet ihn ein trübes Wetter, im Gegensatz zu früher, was wohl auch für den negativen Ausgang der Novelle spricht. Der nächste Todesbote ist ein Gondelfahrer, der ihn statt zum San Marco Platz direkt zum Lido bringt (wo Aschenbachs Hotel steht), da der Vaporetto, den Aschenbach nehmen wollte, kein Gepäck befördert. Dessen Aussehen und der Satz „Sie werden bezahlen“ (Seite 45) (Wie beim Styxfährmann Charon, der durch eine Münze unter der Zunge der Toten immer bezahlt wurde.) sprechen für einen weiteren Todesboten. Als Aschenbach, auf dem Lido angelangt, allerdings geht, um sein Geld schnell zu wechseln, damit er den Gondelfahrer trotz des Streites bezahlen kann, findet er ihn, als er wiederkommt, nicht mehr vor, da dieser wohl aus Angst (er hat wahrscheinlich keine Fährerlaubnis) verschwunden ist.
Im Hotel begegnet Aschenbach zum ersten Mal Tadzio und dessen ordnungsbewusste (apollinische) Familie. Seine Schwestern werden nur als „herb und keusch“ (Seite 51) beschrieben, während Tadzio als unglaublich schön (u.a. Seite 50) beschrieben wird. Aschenbach rechtfertigt sein Interese als rein künstlerisch und beobachtet ihn häufig. Als Kontrast zur positiv geschilderten, apollinischen, polnischen Familie wird eine russische Familie, die auf lebendige Weise miteinander umgeht, eher negativ beschrieben. (Seite 59)
Gegen Ende des Kapitels (Seite 77) schafft er es erstmals, sich von seiner apollinischen Lebensweise zu lösen („Öffnen und Ausbreiten der Arme“), was als Umschwungspunkt gesehen werden kann – von nun an tendiert er immer mehr und mehr zum dionysischen.
Kapitel IV.
Die Sehnsucht Aschenbachs nach dem Jungen wird immer größer, er versäumt kaum eine Stunde, in der er ihn bewundern kann. Doch er traut sich nicht, ihn anzusprechen, denn nach Anläufen bemerkt er, dass dadurch der Schein der Göttlichkeit, die er dem Jungen gegenüber empfinden, von der Realität abgeschwächt werden könnte. (Seite 94) (Nach dem Prinzip, Schönheit wirkt nur aus der Distanz.) Zum Ende des Kapitels gesteht er sich ein, was der Leser lange schon ahnt: Es ist kein künstlerisches Interesse mehr, sondern ein rein privates – dies beweist er mit den Worten „Ich liebe dich!“ (Seite 97), selbstverständlich nur für sich selbst.
Kapitel V.
Langsam bemerkt Aschenbach eine gewisse Veränderung in seiner Umgebung – abreisende Touristen, Geruch nach Desinfektionsmitteln usw. Nach einer fallengelassenen Bemerkung eines Hotelangestellten über „Das übel“ (Seite 98) versucht Aschenbach, parallel zu seinen mittlerweile zu einer Verfolgung ausartenden Beobachtungen Tadzios (er gibt einem Fährmann ein Trinkgeld, um Tadzios Gondel zu folgen – seine Gondel ist eine weitere Anspielung auf den Tod, was daran zu erkennen ist, das die Beschreibung derselben einem Sarg ähnelt.)(Seite 104), herauszufinden, um was es sich handelt. Er findet sogar Gefallen daran, die am Bleiben der Touristen interessierten Venezianer zur direkten Lüge zu provozieren. (Seite 108)
Erst durch ein englisches Reisebüro erfährt er, dass die Seuche Cholera aus Indien (Hinweis auf das Chaotisch-Dionysische) in Venedig umgeht. (Seite 119) Im Hotel begegnet Aschenbach ein letzter Todesbote, ein Sänger einer dort auftretenden Gruppe. (~Seite 113)
Nachdem Aschenbach die Wahrheit erfahren hat, fühlt er sich zwar „eingeweiht“ (Seite 123), doch er warnt Tadzio trotzdem nicht, da dieser sonst mit seiner Familie fortfahren würde, was Aschenbach nicht ertragen könnte. Die Beschreibung des Wissens selbst ist eine Anspielung auf die Krankheit: „In fiebriger Erregung…“
Er selbst wird mittlerweile nur noch als „der Einsame“ oder „der Enthusiasmierte“ geschildert, was den Verlust seiner ehemaligen Identität zeigen soll. Er „erwägt“ zwar (allerdings nicht wirklich ernsthaft), die Mutter Tadzios zu warnen (er überlegt sich schon den genauen Wortlaut: „Gestatten sie…“), fühlt aber, dass er „unendlich weit davon entfernt war“, dies aufgrund der oben genannten Auswirkung zu tun. Seine Liebe zu Tadzio ist nun rein egoistisch, denn sonst würde er ihn warnen um ihn vor der Seuche zu retten. In diesem Moment denkt er sogar an die ernüchterte Heimreise, erinnert sich jedoch an seinen dionysischen Traum zu Anfang seiner Reis und bringt es nicht mehr über sich, weiter an Heimreise zu denken. („Er erinnerte…“) Hier wird der Gedanke an die Abreise aus der Heimat mystifiziert, in dem Worte des 1. Kapitels aufgegriffen werden („gleißende Inschrift“, „durchscheinender Mystik“…), die Heimkehr hingegen vollkommen nüchtern und kalt beschrieben („Besonnenheit, Nüchternheit…“).
Mit den Worten „Man soll schweigen!“ und „Ich werde schweigen!“ (Stilmittel: Wiederholung) macht er klar, dass er sich der Verschwiegenheit der Einwohner aus seinen eigenen Gründen anschließt. Mit der Metapher des Weines wird die Fasziniertheit, Berauschtheit von seiner Mitschuld beschrieben, für ihn wird es damit fast zu etwas Positivem. Sein Gemütszustand kann hier als „dekadent“ bezeichnet werden, da er sich den Untergang Venedig, Tadzios und von sich selbst herbeiwünscht. („Das Bild der…“) Das „Bild“ zeigt auch, dass er die ganze Situation nicht mehr wie etwas Lebendiges, sonder etwas Starres, Unveränderliches sieht. Dieser Ausschnitt zeigt den Sieg des Dionysischen über die Vernunft („Was galt ihm noch…“), die Aschenbach letztendlich in den Abgrund der bisher verdrängten Gefühle wirft, der nachgeholte Ausgleich, der letztendlich den Untergang provoziert.
Doch auch in dieser Untergangssituation gibt er nicht auf und lässt sich bei einem Friseur (Seite 129) künstlich verjüngen, um Tadzio besser zu gefallen. Dies stellt nun den endgültigen Absturz dar, da er dies noch zu Beginn der Reise bei dem alten Geck verachtet hatte. Dass er danach auch eine rote Krawatte, gelbe Kleidung und einen Strohhut trägt, erinnert ebenfalls an den alten Geck.
Als er erfährt, dass die polnische Familie Tadzios abreisen will, beobachtet er ein letztes Mal Tadzio am Strand und stirbt dann, ob an Cholera oder ob an vorgegriffener Sehnsucht auf den, in seiner Vorstellung, ihn ins „verheißungsvoll-ungewisse“ (Seite 140) Wasser führenden Tadzio, weiß man nicht.
Ergänzungen zur Interpretation (Seite 123-124)
„flügelschlagend, einander verdrängend…“ – Aufzählung. Vielfältigkeit des noch Lebenden
„phantastische Grauen“ – Contradiction in adjecto. Nicht zusammenpassende Wörter, Erregung Aschenbachs durch seine eigennützige Schlechtigkeit.
„…eine reinigende…“ – Rest des Verstandes will ihn vom dionysischen Chaos reinigen.
„Diner“ – Fremdwort für Abendessen, Hervorhebung der edlen Gesellschaft.
„… die der Eigennutz…“ – hier über den Touristen anlügender Einwohner, später er selbst, weil er aus Eigennutz nur will, dass Tadzio dableibt, und deshalb nichts sagt.
„…dann dem Werkzeug…“ – Verdinglichung. Tadzio ist kein menschliches Wesen mehr (nicht mal wie Anfangs der „Gott“) sondern nur noch Objekt seiner Begierde.
„…diesem Sumpfe…“ – neues Wort für Venedig, wegen der Seuche.
Von „Er würde ihn zurückführen…“ bis „… in sich zu gehen.“ – erlebte Rede.
„die dem Alternden schweifende…“ – Anspielung auf seine eigene Verjüngung, die ihm jetzt positiv erscheint (nicht mehr wie beim alten Geck.)
„physischer Übelkeit“ – Fremdwort. Unsinn der Behauptung, Vernunft könne das hervorrufen, darum die Verwendung eines unerwarteten Wortes.
„seiner Mitwissenschaft…“ – Correctio und Wiederholung. Betonung der Schuld.