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Das Reisetagebuch von Jesko Habert

5.9.2003 – Flug und Ankunft in Amerika

// Erste Tage / Schule / Vegas / Football / Glen Arbor / Niagara / Halloween / Detroit / Thanksgiving / Abschied / Review



Der Flug ging um 11:25 Uhr. Nachdem ich mich von allen verabschiedet hatte, musste ich in Frankreich durch mehr als drei Kontrollen, ob ich auch ja keine Waffen mit mir führte. Seit 2001 waren die Kontrollen natürlich noch extrem verstärkt worden, immerhin hätte es ja schließlich sein können, dass ich zwei Handgranaten in meinen Socken versteckt habe. Falls das (unwissentlich) der Fall gewesen sein sollte, haben sie seltsamerweise nichts davon gemerkt. Das recht große Continental Flugzeug brauchte circa 7 ½ Stunden bis zum Newark International Airport in New York. Auf dem Weg dahin überquerten wir Grönland, was mir eine wunderschöne, wolkenlose Aussicht auf Schnee, Eis und Berge gab – aber so schön, dass einem die Landschaft aus Narnia wie der Schrebergarten von Nebenan vorkommt. (Übrigens verwunderlich, dass Grönland auf Englisch Greenland heißt – von grün kann da wirklich keine Rede sein!)
Außerdem flogen wir über Kanada, was mir eine ebenso wunderschöne, wolkenlose Aussicht auf grüne Äcker, Felder und Wälder gab. Bei der Landung konnte man dann wie auf Kalenderfotos die Skyline von Manhattan sehen. Nachdem ich durch den Zoll war und auch die (ziemlich komplizierten) Einwanderungsformalitäten hinter mir gelassen hatte, konnte ich dann eine Stunde vor einem "I can't believe it's Yoghurt!" shop warten, bis ich endlich in die wesentlich kleinere Maschine nach Detroit dufte. 


Von dem folgenden Flug habe ich kaum etwas mitgekriegt, weil ich erst einmal eingeschlafen bin. Auf dem Flughafen "Detroit Wayne County" musste ich gleich eine Wanderung zu den Koffern unternehmen, welche noch nicht da waren. Also wartete ich. In so einem Moment gehen einem natürlich alle Geschichten von verlorengegangenen Koffern durch den Sinn, doch das nur so nebenbei. Ich brauchte nämlich nicht lange zu warten, als ein Mädchen und eine Frau mit einem Schild kamen, auf dem "JESKO" stand. 


Anni und Dianna, mit denen ich die nächsten drei Monate verbringen würde. Wir umarmten uns zur Begrüßung (was mir direkt den ersten Eindruck amerikanischer Freundlichkeit gab) als Diannas Handy klingelte. Wie sich herausstellte, war es mein Vater Michael, der sich mal wieder (total überflüssig) Sorgen gemacht hatte. Hier in Detroit, Michigan war es gerade 6PM, in Deutschland demnach 1 Uhr Nachts. Na, wenn er sonst nichts Besseres zu tun hatte, ich könnte jetzt auf jeden Fall eine gute Portion Schlaf gebrauchen. Ich konnte ihm gerade erzählen, dass es keine Probleme gegeben hatte, da kamen auch endlich die Koffer an (und ja, meiner war auch dabei). Leo, der Vater der Familie Fox, hatte draußen den (Volks-)wagen geparkt, so dass ich den Koffer nicht sehr weit tragen musste. Während der Fahrt erzählte (oder besser erstammelte) ich ihnen dann alles Mögliche über den Flug, bis wir in der Main Street Ann Arbor ankamen, wo ich in einem Restaurant endlich etwas zu essen bekam. (Tipp: Bestell nie in Amerika ein Sandwich, wenn du nicht weißt wie groß es ist!) 


Gegen 9PM kamen wir dann bei ihnen zuhause an. Es liegt weder in der Universitätsstadt Ann Arbor noch im kleinen Ort Dexter und selbst "auf der Webster Church Road" wäre nicht richtig. Ich würde es eher "nahe der Webster Church Road in der Umgebung des zu Ann Arbors Umkreis gehörenden Dexters" bezeichnen, denn der größte Teil der Straße geht (ganz gerade natürlich, wie in den Staaten üblich) durchs freie Land. Und Ann Arbor ist mehr als 12 Kilometer entfernt. Auf jeden Fall ist das Haus der Familie Fox ziemlich groß, um nicht zu sagen riesig, es hat zwei Garagen und selbst die reichen nicht für alle Autos aus (also um das klarzustellen, es gibt drei). Abends wurde mir dann das Erdgeschoss und der erste Stock gezeigt. Unten befinden sich Küche und Esszimmer, das Wohnzimmer, die Waschküche, Leos und Diannas Schlaf- und Arbeitszimmer und ein Bad. Die steile Treppe führt in den 1. Stock, wo sich ein weiteres Bad befindet, das Schlaf- und Arbeitszimmer von Anni und das Gästezimmer in dem ich von nun an leben sollte. Ein kleiner Schreibtisch, eine Kommode mit Kompaktanlage, ein Sessel und ein geradezu riesiges Bett füllen das Zimmer. Eine kleine Tür führt zur "Garderobe", einem extra Raum mit Stange und Bügeln (manche werden jetzt sagen, das ist ein begehbarer Kleiderschrank, aber das ist es nicht. Ich kenne die Dimensionen von begehbaren Kleiderschränken). Anschließend war ich so totsterbendsmüde, dass ich innerhalb von fünf Minuten eingeschlafen war.

6.9.2003 – der erste Tag in Amerika

Flug// Schule / Vegas / Football / Glen Arbor / Niagara / Halloween / Detroit / Thanksgiving / Abschied / Review

Ich war so müde, dass ich bis 12 Uhr Mittags schlief (es war Samstag). Um 1PM "frühstückte" ich dann. Nachdem wir ein paar Fotos ausgetauscht hatten, fuhren wir Katheryn besuchen, wo Sandra, eine Klassenkameradin von mir, ihren Austausch verbringt (sie ist schon etwas länger da). Anni durfte fahren, denn sie ist in der Führerschein Probezeit (NEID!) und ich muss sagen, das kann sie ziemlich gut. Als wir da waren, war es schon irgendwie erleichternd, mit Sandra deutsch reden zu können. Sie wohnt in einem weitaus kleineren Haus (in Dexter) und schläft im selben Zimmer wie Katheryn. Wir hörten ein wenig Sportfreunde Stiller (was natürlich nur Sandra und ich verstehen konnten) und redeten etwas. Was erstaunlich ist, ist dass ich nicht nur mit Katheryn gut auskam (was sich später noch verbesserte, und heute gehört sie zu meinen guten aber leider selten gesehen Freunden), sondern auch mit Sandra, mit der ich in Deutschland bis jetzt gar nichts zu tun hatte. Mittlerweile bin ich der Meinung, dass alle aus unserer Schule, die an der Waldorf School Ann Arbor waren, sich da ziemlich anders verhalten haben als hier – irgendwie netter und sozialer. Hmm... das gibt einem doch an Deutschlands sozialem System zu denken...

Anschließend fuhren wir nach Dexter in ein Shoppingcenter namens Meijers. Anders als in St. Petersburg (siehe Russland Reisebericht. Allerdings wusste ich das damals nur von meiner Schwester) waren die CDs hier gleich teuer, was mich ein bisschen enttäuschte - dafür kosten Chips nur die Hälfte.
Mein erster Fotofilm musste schon heute dran glauben, weil ich sämtliche Fotos, die ich noch nicht beim Flug verschossen hatte, mit Bildern des Hauses, der Foxens und der Umgebung füllte. Sehr schön ist es übrigens hier, sie besitzen einen Teil des angrenzenden Waldes, der im Indian Summer (ist gleich Altweibersommer) besonders schön zu genießen ist. Nebenbei wurde mir auch noch der Keller gezeigt: ein riesiges Zimmer gefüllt mit Fernseher, Couch, Tischtennisplatte, Boxsack und jeder Menge Sessel und Stühle. Erst später fand ich heraus, dass sich noch zahlreiche andere Kellerräume hinter diversen Türen verbargen.


Abends grillten wir, was für mich der erste Abend meiner beginnenden Passion für echte amerikanische Hamburger und Hot Dogs war – für die meisten meiner Freunde und Verwandte immer noch nicht nachvollziehbar, weil sie diese einfach nicht kennen, aber ich rede hier nicht von braungebratener Pappe in brotähnlicher Papper sondern von einem wirklichen Hauptgericht. Am späten Abend sahen wir uns noch „Oceans Eleven“ an, da der ja in Las Vegas spielt und wir in einer knappen Woche eben dahin fahren würden. Ich denke der Film war sicherlich ganz gut, nur leider bekam ich nicht viel davon mit, weil mich spätestens jetzt die volle Wucht des Jetlags traf und ich nach wenigen Minuten einschlief.

 7.9.2003 – der zweite Tag in Amerika

Heute war ich erstaunlicher-, ja geradezu unnachvollziehbarer Weise schon um 9 Uhr wach. Das lag allerdings hauptsächlich daran, dass wir zum Frühstück in ein Restaurant wollten, wo wir uns mit Annis Freunden Alix und Wess trafen. Auch wenn Wess eine seltsame Art hat sich zu kleiden und sein Musikgeschmack (Rammstein, Marilyn Manson usw.) nicht wirklich mit meinem übereinstimmt, ist er doch ein netter Typ. Alix ist einfach klasse, sie ist zwar total abgedreht, aber daran habe ich mich mittlerweile auch gewöhnt. Alix sollte von da an ebenfalls mit zu meinen besten Freundinnen gehören - interessanterweise scheinen Freundschaften zwischen Jungen und Mädchen hier viel unkomplizierter zu funktionieren und nicht zwangsläfig in eine Beziehung überzugehen...


8.9.2003 – mein erster Schultag in Amerika

Flug / Erste Tage // Vegas / Football / Glen Arbor / Niagara / Halloween / Detroit / Thanksgiving / Abschied / Review

Ich stand um halb sieben auf und war hoffnungslos müde. Die besten Vorraussetzungen für meinen ersten Schultag an der Waldorf High School Ann Arbor. Erschwerend hinzu kam dann noch, dass der erste Unterricht, Physiology (Bio), von einer Lehrerin unterrichtet wurde, die zwar nett, aber total chaotisch war und dermaßen nuschelte, dass ich mich schon wahnsinnig auf die nächsten drei Monate Unterricht freute und mir überlegte, ob ich mir nicht einen Laptop kaufen sollte, um im Unterricht meinen Roman weiter zu schreiben. Es ging noch besser weiter, weil ich einen Mathetest machen durfte, den die Austauschlehrerin Mrs. Amrine mir gegeben hatte um zu überprüfen, in welchen Mathekurs ich am besten gehen sollte. Dann besuchte ich die „Spanish II class“, was ausreichte, dass ich mir klar wurde, entweder Spanish I oder French zu nehmen. Da es von Zweiterem allerdings nur einen Kurs auf dritter Stufe gab und ich aus naheliegenden Gründen nicht Deutsch als Fremdsprache nehmen durfte, ging ich von heute an in „Spanish I“, was mir sehr gefiel. In Musik entschied ich mich für Steeldrums, was seit dem meiner Meinung nach das beste Musikinstrument ist, dass es seit dem Saxophon je gegeben hat – dumm nur, dass es so was in Deutschland in etwa genauso häufig gibt wie echte amerikanische Riesenhamburger. Gegen Anfang der Stunde passierte mir noch etwas lustiges, denn der Lehrer kam zu spät, und ich unterhielt mich mit einem Jungen, von dem ich erst später herausfand, dass er ebenfalls ein deutscher Austauschschüler bei der Familie Amrine war.

Was mich am Schulalltag hier in Amerika auch noch faszinierte, war nicht das Nationalhymne singen vor der Flagge, was es hier nämlich nicht gab, weil es eine Privatschule ist, sondern der Schulchor. Der ist Pflicht für alle Schüler und macht erstaunlicherweise richtig Spaß. Ich hätte vorher zwar nie gedacht, dass ich so etwas einmal sagen würde, aber das Gefühl, knapp 300 Schüler in vier Tonlagen "Baby it's cold outside" singen zu hören, ist irgendwie in einer gewissen Form beeindruckend.


Ähnlich sah es auch am zweiten Schultag aus, bis auf die Tatsache, dass ich die Biolehrerin jetzt besser verstand und Anni und ich nach der Schule mit Katheryn und Sandra mit dem gerade mal 50 Cent teuren Bus in die Stadt fuhren um Eisgesöffs zu trinken und ihren (ein wenig einem Crashtest-Dummy ähnelnden) Freund besuchten. Dessen Mutter sprach übrigens wie ein Mädchen aus der Schule ziemlich perfektes Deutsch – und ich gewann mehr und mehr den Eindruck, dass so gut wie jeder hier in der Gegend irgendetwas mit Deutschland zu tun hatte – ob es nun Vorfahren, immer noch dort wohnende Verwandte oder einige Sprachfetzen waren. In Ohio besuchten wir sogar ein ganzes Deutsch-Holländisch stämmiges Dorf, doch dazu später.


Chicago Street

Chicago Birdview

Chicago Night

Chicago Skyscraper

11.9.2003

Entgegen all meiner Erwartungen gab es keine Gedenkminute für den 11. September 2001. Ich hatte das erste Mal Kunstunterricht bei der sehr begabten russischen Kunstlehrerin, bei der ich es das erste und einzige Mal schaffen sollte, ein Bild zu malen, von dem nicht nur alle anderen begeistert waren sondern mit dem auch ich zufrieden war. Außerdem könnte man behaupten, dass ich heute sozusagen die erste Freundschaft geschlossen habe, nämlich mit John Burnett, einer der wenigen, mit denen ich auch später noch in Kontakt stand. Abends packte ich dann wieder meine Sachen, denn am nächsten Tag fuhren Leo, Dianna, Anni und ich nach Las Vegas, wo ein Verwandter von ihnen (von wem genau er was war, habe ich noch nicht herausgefunden und sollte ich auch recht bald wieder vergessen) dort seine Hochzeit feierte.


12.9.2003 – Las Vegas, Nevada, Amerika

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Wir flogen morgens von Detroit - Wayne County, welcher mir ja mittlerweile bekannt war, nach Las Vegas. Auf dem gut zwei Stunden währenden Flug konnte ich (während ich meine Uhr erneut auf die neue Ortszeit einstellte) die Rocky Mountains bewundern und ein paar meiner Lieblingsfotomotive fotografieren – Aussicht auf viel Landschaft und Himmel mit Flugzeugflügel im Bild.
Kaum waren wir aus dem Flugzeug ins Flughafengebäude gegangen stachen uns auch schon die ersten Beweise unserer Ankunft in Las Vegas entgegen – Ein Spielautomat war buchstäblich das Erste was wir sahen als unsere Füße wieder festen Boden berührten. Entsprechend ging es während des ganzen Vegas-Aufenthaltes auch weiter aber Entwarnung, ich behielt all mein Geld, weil ich als unter 21jähriger noch nicht spielen darf. Ein Schild wies sogar darauf hin, dass es uns nicht einmal erlaubt war, in der Nähe der Automaten „herumzulungern“.


Nach einer viertel Stunde Schlange stehen in brechender Hitze bekamen wir endlich ein Taxi dass uns zu unserem Hotel fuhr: dem „Mirage“! Mit vier Worten gesagt: diese Stadt ist beeindruckend! Überall wohin man auch den Kopf dreht und wendet Werbeplakate und -bildschirme für Glücksspiele, Restaurants und Stripshows. Und die Hotels sind ein Wunder!
Mehrere Wunder sogar, von einer riesigen Pyramide inklusive Sphinx über „Cesars Palace“ – was den Namen echt verdient – bis zum „Paris“ - inklusive einem zwar nicht lebensgroßen, aber doch beachtlich hohen Eiffelturm- und dem „New York New York“ (was das darstellt verrät der Name ja schon).

Unser eigenes Hotel war fast genauso aufregend mit einem Casino was mindestens die Hälfte des Erdgeschosses einnimmt, dem „Siegfried & Roy Secret Garden“ mit weißen Tigern und Löwen (von denen einer knapp zwei Wochen später einem der beiden Showmaster in den Arm biss), einer Menge Delphine und einer Lounge in der jede Menge Wasserfälle vor sich hin fließen (wohlgemerkt fließen, nicht plätschern!).
Nachdem wir unsere Zimmer eingeräumt hatten trafen wir uns mit ein paar Familienmitgliedern und aßen Lunch mit ihnen, bevor Leo, Anni, ihr Onkel und ich uns auf den Weg machten, ein paar Hotels anzugucken. Ein besonderer Höhepunkt ist meiner Meinung nach das „Venetia“. Von außen sieht es wie ein recht normales Hochhaus umgeben von ein paar Kanälen aus, , doch innen eröffnet sich einem - was wohl? - ein riesiges Casino und im zweiten Stock der beste Einfall eines Hotelbesitzers, den es je gab: man geht durch ein großes Tor und findet sich augenblicklich auf Venedigs Straßen wieder. Mitsamt Kanaälen und Geschäften und singenden Bootsfahrern unter freiem Himmel – bis auf die Tatsache, dass der „freie Himmel“ eine gewölbte, bemalte Decke ist, was man allerdings ert nach geraumer Zeit bemerkt. Und das Beste war, dass es gar nicht mehr aufhörte! Man ging um die nächste Ecke und wieder erwarteten einen Kanäle und Statuen imitierende Künstler und Geschäfte und und und. Unglaublich!


13.9.2003– Hochzeit in Las Vegas, Nevada, Amerika

Bevor es heute Abend zur Hochzeit gehen sollten, hatten wir noch ordentlich was vor – wir wollten den Hoover Dam sehen, der sich nach amerikanischen Verhältnissen in der Nähe befand. Also fuhren wir um neun Uhr los, (frühstückten bei einem „Jack-in-the-box Drive Thru“) und kamen um halb 11 bei einer Temepratur von 120°Fahrenheit am Hoover Dam an. Seit dem ist mir klar, dass jeder Begriff, den man in Deutschland von „riesig“ haben kann, geradezu lächerlich erscheint, jegliche Fotos können nicht einmal annähernd dieses gigantische Bauwerk darstellen.


Zurück in Las Vegas besuchten wir noch das „New York New York Casino Hotel“, wo wir eine fantastische Achterbahnfahrt genießen konnten und uns (mittags) in einem abendlichen Central Park ausruhen konnten. Wenn es eine Stadt auf der Welt gibt, die unwirklicher ist als Las Vegas, dann... ach was, das gibt es nicht. Auch das „Bellagio“ ist nicht viel anders – nur edler: riesig, luxuriös und extravagant. Alle weiteren Details kann man nur mit Bildern beschreiben.
Zurück im „Mirage“ wollte ich noch kurz in den Secret Garden gehen, doch nachdem ich fünf Minuten an den defekten Aufzügen warten musste, schloss so ein Schnösel fünf Sekunden bevor ich den Eingang erreicht hatte eben diesen und ließ auch nicht mit sich verhandeln. Eine spätere Gelegenheit, die weißen Tiger zu sehen, bekam ich leider nicht mehr.


Um ca. 6PM fuhren wir dann zur Hochzeit im „MGM Grand“. Dass an diesem Abend in diesem Hotel zeitgleich ein großer Boxkampf stattfand, war einerseits ein unglücklicher Umstand, da dadurch alles überfüllt war, andererseits aber auch faszinierend, da eine Limousine nach der anderen vor das Hotel vorfuhr. In einer kleinen Kapelle mitten im Gewühl des überfüllten Hotels gaben Ted und Betsy sich dann das Ja-Wort (was in Las Vegas übrigens schon mit 14 Jahren möglich ist, auch wenn die beiden genannten schon etwas älter waren. Generell ist Las Vegas eine ziemliche Ausnahmestadt, denn auch das Glücksspiel ist in vielen Staaten der USA verboten. Von vielen anderen Geschäften, die allerdings auch hier verboten sind, ganz zu schweigen).


14.9.2003 – Der Rückflug

Leider blieb uns an diesem Sonntag nicht mehr viel Zeit in der verrückten Stadt, da wir schon nach dem äußerst leckeren Frühstück wieder zum Flughafen fuhren. Es lief auch alles glatt beim Flug, wohlgemerkt beim, denn danach bemerkte Anni, dass sie ihre (zum lernen mitgenommene) Schulmappe im Flugzeug vergessen hatte. Wir fuhren also zurück zum Flughafen, wo sich Leo die allergrößte Mühe gab, das Teil wieder zu finden, bis er es schließlich aufgab und ein „Vermisst“-Formular ausfüllte. (Bereits am nächsten Tag tauchte die Mappe glücklicherweise wieder auf.) Mittlerweile war es Mitternacht oder zumindest mitten in der Nacht und ich war froh, wieder zuhause zu sein – schon nach einer guten Woche und wahrscheinlich hauptsächlich durch den Las-Vegas-Trip war „Woods End“ tatsächlich mein zweites Zuhause geworden und die Familie Fox so etwas wie meine zweite Familie.


19.9.2003

Die Tage nach Las Vegas waren eigentlich nicht nennenswert, aber gerade deswegen wichtig zu erwähnen. Denn ohne dass es mir wirklich auffiel, begann ich mich langsam einzuleben. Okay, der Biotest am Montag war miserabel ausgefallen, aber dafür war der Mathetest ganz gut, und mit dem Rest der Stunden kam ich auch klar. Ich traf mich einmal mit John, wir hingen so rum und ärgerten seinen Hund dessen Namen ich zwar weiß, von dem ich aber keine Ahnung habe wie man ihn schreibt. Kurz, der Alltag begann – und das bereits nach einer Woche. Na gut, ich sah immer noch ständig jeden Tag etwas neues, lernte mehr Leute kennen und entdeckte immer mehr, entwickelte mein Englisch weiter lernte für die Schule – aber alles auf einer irgendwie normalen Basis.

Heute nach der ausnahmsweise etwas kürzeren Schule fuhren Annis (ziemlich) ältere Schwester Suzanne, Anni selbst, ihr Freund Erik und ich in eine Videothek, wo wir uns für heut Abend „Psycho“ und „Anger Management“ ausliehen, was somit die ersten Filme waren, die ich wirklich auf Englisch verstand. Also großteils zumindest.


20.9.2003 –amerikanische Überraschungsparty

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Der heutige Samstag verlief relativ cool, weil wir, nachdem wir in der Stadt Essen waren und Anni Karate hatte, zu einer Überraschungs-Geburtstagsparty von Erik (also nicht Annis Freund sondern ein anderer Erik) gingen. Die Party an sich war vielleicht nichts großartig besonderes, eben einfach ne Menge Leute, gutes Essen, Musik hören und durch den Park laufen. Aber etwas ist eben doch anders bei den Partys in den USA. Mag sein, dass es nicht bei allen so ist, und es daran liegt, dass wir Waldorfschüler sind, aber im Gegensatz zu deutschen Partys und amerikanischen Teenyfilmen war kein bisschen Alkohol im Spiel - was ja schließlich unter 21 auch noch verboten ist...


Baseball1



Baseball2



Bseball3

27.9.2003 –american Footballgame

Auch dieser Samstag war wieder ein Highlight! Anni, John und Zac, ein weiterer Freund aus der Schule, machten uns um 10AM auf die Beine, um in Ann Arbor ein Footballgame zu sehen. Dazu gehörte natürlich, dass wir uns, bevor wir reingingen, noch Michigan Pullis holten, denn bei einem Spiel von Michigan gegen Indiana musste man einfach die Farben Blau-Gelb (für Michigan) tragen. Zu schade dass ich keine Kamera mithatte, denn vergleichbar ist das nur mit dem Baseballgame, zu dem ich und meine zwei Familien im Jahr 2005 gehen sollten. (Siehe Fotos) Und tatsächlich trug der größte Teil des Publikums blau-gelb, da es ja schließlich ein Heimspiel für unsere Mannschaft war. Der typisch-amerikanische Patriotismus zeigte sich also auch hier, doch mehr im Staaten-Patriotismus als wie sonst üblich für die USA insgesamt. Von unseren super Plätzen hatten wir eine grandiose Aussicht auf ein Spiel, dessen Regeln ich noch immer nicht ganz verstanden habe, wichtig war ja nur, dass wir 31 zu 17 gewannen - eigentlich ziemlich erstaunlich, denn zu den besten Teams kann man das von Ann Arbor nicht wirklich zählen...


29.9.2003 – Poetry

Ab heute haben wir im Hauptunterricht nicht mehr Physiology sondern Epic Poetry mit Mrs. Emery. Das sollte äußerst lustig werden, weil Mrs. Emery einen ausgesprochen guten Sinn für Humor hatte. Was aber noch viel interessanter war, war dass wir selber Gedichte schreiben sollten – im Stil der jeweiligen behandelten Epoche und natürlich auf Englisch. Anfangs hatte ich damit zwar noch meine gute Not, doch im Laufe der Epoche wurde ich immer sicherer und traute mich sogar, die Gedichte vor der Klasse vorzulesen. Diese englischen Gedichte waren überhaupt die ersten Gedichte, die ich je geschrieben hatte, und von da an wurde das dichten wie auch das Geschichtenschreiben zu einer meiner Leidenschaft. So gehört neben der Verbesserung meines Englischs, der Herausbildung und meiner malerischen Künste auch das Schreiben mit zu den Dingen, die ohne diesen Austausch nicht ein Teil von mir wären.


4.10.2003 – „Up North in America“

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Wir entschieden uns wegen neuester Wetternachrichten (eine tolle Erfindung der Menschheit!) nicht zu den Niagara Fällen, sondern zum Ferienhaus der Fox in Glen Arbor am Lake Michigan zu fahren. Wir fuhren also um 7:30AM los und kamen nachmittags (demnach also eine weitere beträchtlich lange Entfernung – und das liegt immer noch in Michigan! Okay, sie dürfen da nicht mehr als 100 Miles per hour fahren, aber trotzdem) an. Kaum angekommen gingen wir dann in den wahrhaftig einzigartigen Laden „Cherry Republic“, in dem man so gut wie alles bekommt, was irgendetwas mit Kirschen zu tun hat – Kirschholzlöffel, Kirschkaffe, Kirscheis, Kirschmarmelade, Kirschgelee, getrocknete Kirschen in Marmelade, Kirschwein, Kirschgummibärchen, saure Kirschdrops… wichtig für den Zusammenhang ist dabei natürlich auch, dass in Nordmichigan die meisten Kirschen ganz Nordamerikas geerntet werden.


Lake Michigan




Cherry Republic

5.10.2003 – Dunes in Glen Arbor, Michigan, Amerika

Nachdem wir den Vormittag am Lake Michigan verbracht haben (wo es leider zu kalt war zum baden, weil es verdammt windig war, aber trotzdem schön war weil man eine wunderschöne Aussicht auf einen See hat, der tatsächlich bis an den Horizont geht) und noch ein bisschen durch Glen Arbor gegangen waren, fuhren wir zu den in der Nähe liegenden Dünen namens Devils Pit. Hier gab es dann das sandüberflutete Äquivalent zum Lake Michigan, weil auch ihre Grenzen (hauptsächlich wegen der Hügel) nicht zu sehen sind.

Am frühen Nachmittag mussten wir uns dann leider auch schon wieder aufmachen, um rechtzeitig zurück zu sein, die Zeit reichte nur noch für einen kurzen Mittagsstop in der Altstadt von einem kleinen Fischerdorf namens Leland.


12.10.2003 – „Guys and dolls“

Michigan im Herbst ist wie deutscher Spätfrühling, nur mit Früchten, die man ernten kann und mit bunten Bäumen. Und schöner.“ Dieser Satz findet sich für den 12.10. als Randnotiz in meinem Reisetagebuch, und deshalb möchte ich ihn an dieser Stelle auch noch mit einbringen. Soweit ich mich erinnere war ich an diesem Tag unter anderem im Fox’schen Wald spazieren, was wieder einmal enormen Eindruck bei mir hinterlassen hatte. Bis dahin hatte ich immer gedacht, Frühling wäre meine Lieblingsjahreszeit, doch seit dieser Zeit ist meine Standardantwort „Herbst. Aber nur in Michigan.“


Aber zurück zum chronologischen Verlauf. Alix Dad hatte uns allen Eintrittskarten für eine Theatervorführung des Stückes „Guys and dolls“ in der U of M (University of Michigan) besorgt, was wir natürlich nicht ungenutzt verstreichen ließen. Auch wenn ich nur mit einem begrenzten Verständnis des Stückes herauskam, war es doch durchaus eine interessante Erfahrung. Apropos Sprache - Wie zu erwarten hatte die sich natürlich schon verbessert (wenn auch nicht so sehr, dass ich das ganze Theaterstück verstehen konnte). Ich weiß nicht mehr genau, wann es angefangen hatte, aber irgendwann begann ich tatsächlich, auf Englisch zu denken. Immer noch mit Fehlern wahrscheinlich, doch ich dachte tatsächlich die Dinge auf Englisch, was den Schritt zum Aussprechen natürlich verkürzte. Nur die Sache mit dem Englisch träumen habe ich in den drei Monaten leider nicht geschafft, dazu hätte ich wohl weit mehr Zeit für benötigt. Das Denken in einer anderen Sprache ist nichtsdesotrotz eine faszinierende Erfahrung!

Oldimer


16.10.2003

Da es mir bis jetzt hier und bei den Fox sehr gut gefallen hat, und ich das wahrscheinlich (warum sollte ich auch) nicht verheimlicht hatte, sprach Mrs. Amrine mich heute an, ob ich denn nicht länger bleiben wolle, und zwar bis zum 20. Dezember (gut zwei Wochen mehr). Dafür spricht die Tatsache, dass ich dann mehr eine Art „Abschluss“ erreicht haben würde, nämlich den Basar, das Halbjahreszeugnis und Annis alljährliche Christmas Party – und natürlich, dass es mir hier wirklich gefällt. Dagegen spricht hauptsächlich, dass es gut 100 Euro kostet, was natürlich eine gewisse Überlegung zulässt, weil ich ja auch nicht unbedingt Krösus bin, auch wenn das Haus, in dem ich momentan lebe, es vermuten lässt. Ich glaube aber, dass ich es machen werde. Am liebsten wäre ich natürlich für immer geblieben, wären da nicht diese dummen Probleme mit Leuten und Dingen, die man in der Heimat eben doch mag. Perfekt wäre es natürlich, die beiden Dinge zu vermischen, so dass ich beide Familien zusammen hätte, die viel schönere Schule Ann Arbors (wo auch der Kontakt zu den Lehrern viel besser ist) ein paar Freunde aus Deutschland, die amerikanischen Partys, aber die deutschen Fußgängerzonen und Straßenbeschilderung, das amerikanische Selbstbewusstsein aber die deutsche Pünktlichkeit usw. Immer diese Utopien, man kann sie einfach nicht abschütteln, auch wenn sie noch so offensichtlich unmöglich sind.


 23.10.2003

Nur eine kurze Ergänzung: Ich habe den Flug auf den 15. Dezember umgebucht, weil am 20. und drum herum schon alles voll war. Heut Abend fuhren Leo und ich in den Ann Arbor Country Club, wo es meiner Meinung nach die besten Hamburger der ganzen Welt gibt - zumindest in so weit, wie ich sie bis jetzt probiert habe.


Niagara Falls



Niagara Falls



Niagara Falls



Niagara Falls


25.10.2003 – Niagara Falls, Kanada

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Für heute hatten wir uns endlich den Trip vorgenommen, auf den ich schon die ganze Zeit mit Vorfreude wartete: die Niagara Fälle im (nach amerikanischen Verhältnissen) nahegelegenen Kanada. Wir fuhren also um 9AM los und kamen schon kurz nach Detroit (nämlich nach der Brücke) innerhalb kürzester Zeit und ohne einmal anzuhalten über die kanadische Grenze. Erst um 2:30PM erreichten wir die Stadt Niagara Falls, Canada. Damit waren wir leider genau eine viertel Stunde zu spät für die letzte Fahrt der Saison (und damit diesen Jahres) der berühmten „Maid of the Mist“. Mit diesem Schiff wäre es uns möglich gewesen, bis an den Fuß der Fälle zu fahren, und ich war logischerweise ziemlich enttäuscht und wäre es auch heute noch, wenn ich und meine Familie im Jahr 2005 dieses Erlebnis nicht nachgeholt hätten.


Also wanderten wir ein wenig durch die ziemlich touristisch aufgebaute Stadt (mit vielen blinkenden Lichtern und Attraktionen und Gruselhäusern und Restaurants und Bars und Hotels), und wenn ich nicht bereits in Las Vegas gewesen wäre, würde ich diese Stadt als total verrückt bezeichnen. Den Hauptteil der Zeit aber verbrachten wir natürlich an den Fällen selbst, wo wir auch jede Menge Fotos loswurden (an den Niagara Fällen werden die meisten Fotofilme der ganzen Welt verbraucht!). Der Grund, warum ich in der Pluralform von Niagara Falls spreche, ist das der Niagara River sich ein Stück vor den Fällen teilt und geteilt um eine Insel herum herunterstürzt (mehrere Dutzend Meter tief). Der eine Teil davon nennt sich „Horseshoe falls“ weil er aussieht wie ein Hufeisen, und ist auf der kanadischen Seite. Er ist ein ganzes Stück höher und man kann so nah daran herangehen, dass man mit einem Sprung über die brusthohe Mauer die beste und letzte Wildwasserbahn seines Lebens erleben könnte. Der andere Teil der Fälle ist auf amerikanischer Seite, genaugenommen im Staat New York. Diese Fälle sind zwar kleiner, aber dafür ein ganzes Stück schöner (und gefährlicher), weil etliche von Felsbrocken im und unter den New York-Fällen versteckt sind.

Abends aßen wir in einem Restaurant mit wunderbarem Blick auf die bunt beleuchteten Niagara Fälle und gingen (im Rückblick muss ich sagen erstaunlicherweise schon) um 11PM im Travellodge Hotel ins Bett.


 26.10.2003 – Niagara-on-the-Lake

Als Leo und ich um 8 Uhr aufwachten merkten wir, dass letzte Nacht Zeitumstellung gewesen war und es also erst 7 Uhr war. Um 8 Uhr neuer Zeit gingen wir dann frühstücken, und zwar Pancakes, was meiner Meinung nach mit zu den leckeren Mahlzeiten gehört, die man so nur in Amerika bekommt (neben Hamburgern, Hot Dogs, Eiscreme, Fudge (siehe unten) und getrocknete Kirschen in Schokolade). Um halb zehn als dann auch Dianna und Anni aufgewacht waren, gingen wir „behind the falls“, also erst mit dem Aufzug runter an den Fuß der Horseshoe falls und dann durch einen Tunnel hinter die Fälle, wo man aufgrund des „mists“ (übersetzt in etwa Nebel) leider nicht sehr viel sehen konnte. Dann sahen wir uns im ortsansässigen IMAX einen Film über die Daredevils an den Fällen an bevor wir ins Rainforest café essen gingen, was ganz lustig und lecker war, auch wenn man sich fragt, was ein Rainforest Cafe in Kanada zu suchen hat. Dann fuhren wir noch zum kleineren Städtchen Niagara-on-the-Lake (wobei mit dem Lake der Lake Erie gemeint ist). Dort bummelten wir noch ein wenig durch die Gegend um gegen 3 Uhr wieder ganz zurück zu fahren – mindestens 30 Minuten aufgehalten von dem Typ an der amerikanischen Grenze, der auch aufs genaueste kontrollieren musste, ob unsere Ausweise denn nicht gefälscht waren und wir nicht zu viel Alkohol aus Kanada einschmuggelten (oder Ahornsirup) und nicht möglicherweise böse kanadische Terroristen waren.

31.10.2003 – amerikanisches Halloween

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Schon die ganze Woche über hatte sich jeder Gedanken über sein Halloween-kostüm gemacht und die Läden platzten geradezu vor gruseligen oder pseudogruseligen Sachen, Süßigkeiten, Dingen, Kostümen, Zeug und anderem Kram. Tatsächlich hatte in der Highschool auch die Hälfte aller Schüler (und Lehrer!) ein Kostüm an, was ziemlich lustig war. Ich selbst war als Neo aus Matrix verkleidet (wofür ich mich schon die Woche vorher eingedeckt hatte, hauptsächlich aus Second-Hand Läden, die es hier wie Sand am Lake Michigan gibt). Man muss bedenken, dass besonders in jugendlichen Kreisen Halloween hier ungefähr so gefeiert wird wie in Deutschland Karnevalmontag, Schwerdonnerstag und Schulabschluss zusammen. Und das wird in gewisser Weise tatsächlich ernst genommen. Das ist für uns Deutsche natürlich etwas ungewöhnlich, weil wir Halloween ja nur aus den Läden und von kleinen Süßes-sonst-gibt’s-Saures-Kindern kennen. Die (also auf Englisch Trick-or-Treat) gibt es hier zwar natürlich auch, wie sich aber am Abend herausstellte (als ich bei John den Tag verbrachte und wir etwa alle 15 Minuten von ihnen gestört wurden) , in einer sehr merkwürdige Variante – sie werden von ihren Eltern mit dem Auto zum nächsten Haus gefahren, klingeln und fordern (ganz böse natürlich) ihre Süßigkeiten während die Eltern grinsend im Hintergrund stehen und ihre Kinder dazu bringen, sich anschließend ganz nett zu bedanken. Dann geht’s wieder zurück ins Auto und auf zum nächsten Haus! Trick-or-Treat ist eben auch nicht mehr das, was es einmal war. Um 2 Uhr Nachts wurden wir dann jedenfalls irgendwie ein bisschen müde und entschieden uns, nachdem wir John noch für die Halloweenparty morgen ein Kostüm rausgesucht hatten, wenigstens ein bisschen schlafen zu gehen.


1.11.2003 - Halloweenparty

Seltsamerweise wachten wir schon um 7AM auf und waren nicht mal wirklich müde. Um halb eins holte Leo mich dann netterweise ab, denn ich wollte Anni zuhause noch etwas bei den Vorbereitungen helfen. Ach ja, hatte ich das noch nicht erwähnt - die Party sollte selbstverständlich bei uns stattfinden. Alle Partys fanden bei uns statt.
Um 7:30PM kamen dann auch schon die Ersten und gegen halb neun war schon fast die ganze Klasse da. Viele Kostüme waren echt perfekt, weil die meisten sich ein ganzes Stück mehr Mühe gegeben hatten als wir Deutschen an Karneval (ich ja schließlich auch). Zwischendrin machten wir draußen noch ein Lagerfeuer, aber den größten Teil der Zeit waren wir im Basement, wo Rachel mit einer Videokamera sehr abstrakte Videos aufnahm, die ich leider bis jetzt nicht wieder entdecken konnte.


5.11.2003 - Pictureday

Da Anni heute um viertel vor sechs noch immer nicht gefrühstückt hatte, brachte Dianna mich ohne sie schon zur Schule. (Falls jemand sich wundert, dass sie uns immer brachten – es war die einzige Möglichkeit, denn von hier aus fuhr kein einziger Bus, und hätten wir Fahrrad fahren wollen, hätten wir ganz schon früh aufstehen müssen.) Um halb 10 wurde ich dann aus dem Unterricht geholt, weil ich an der Reihe war mit Foto machen. Diese hier und in manchen deutschen Staatsschulen übliche Tradition fand ich als das nicht gewöhnter deutscher Waldorfschüler natürlich ganz klasse, besonders für mich als Austauschschüler, weil ich so massig von Bildern meiner Mitschüler, meiner Klasse und der ganzen Schule (ja, die passten alle auf ein Bild) mitnehmen konnte. Wüsste nicht, was ich sonst gemacht hätte, denn außer Alix sind eigentlich die meisten, mit denen ich viel zu tun hatte, nicht sehr fotogen, und jetzt im Nachhinein bin ich doch schon froh, so eine weitere Erinnerung festgehalten haben zu können.


16.11.2003 – Detroit, Michigan, Amerika

Flug / Erste Tage / Schule / Vegas / Football / Glen Arbor / Niagara / Halloween // / Thanksgiving / Abschied / Review

Obwohl ich noch einigermaßen fertig von der Drama-Club Probe am Samstag war (wo ich und Ben die Backstagecrew waren) fuhren wir heute schon relativ los um uns Detroit-City anzusehen (weil ich der Meinung war, das irgendwann bevor ich wieder nach Deutschland fuhr auch noch machen zu müssen). Hier gingen wir u.a. ins Detroit History Museum und das Art Museum und fuhren ein bisschen durch die Stadt. Letzteres war eigentlich mehr schockierend als ein schöner Anblick, da (zumindest an diesem Sonntagnachmittag) die Stadt mehr wie eine Geisterstadt aussah. Vor den leerstehenden Häusern (verlassen im Zuge der Suburbisierung vor einigen Jahren) war keine Menschenseele auf den leergefegten Straßen zu sehen, aus deren Gullis weißer Rauch über den Asphalt waberte. Ein pretty much depressing Anblick. Die Sache kommt daher, dass nachdem Detroit, oder auch „Motor City“ nach der großen Zeit des Autobooms, der bis in die 60er andauerte, immer unattraktiver wurde, alle Leute sich auf die Vorstädte stürzten und eine leere und heruntergekommene Innenstadt zurück ließen. Wer Geld hatte, war schon längst in die sauberen und sicheren Vorstädte gezogen, und irgendwann blieben nur die Armen und Kriminellen übrig, die sich nichts besseres leisten konnten als eine Wohnung im Hochhaus in der Nähe der Fabrik. Ich weiß zwar nicht, wie das Ganze die Woche über aussieht, aber nach dem heutigen Anblick gehört Detroit wirklich zu den Orten, an denen ich echt nicht gerne leben würde – es lebe Ann Arbor!


 21.11.2003 – Hero’s Tattoo

Am Mittwoch, also vorgestern, hatte die Generalprobe von „Hero’s Tattoo“, unserem Theaterstück, ziemlich bad ausgesehen. Doch wie man das von Theaterstücken so kennt, lief dafür die Aufführung gestern Abend umso besser. Auch wenn ich „nur“ für Auf- und Abbau zuständig war (was eine ganze Menge war), und insofern nur begrenzt verantwortlich für das Gelingen des Stückes, war ich doch froh, als wir das ganze Werk mit nur ein oder zwei kleinen Fehlern hinter uns gebracht hatten. In der Schule wurden wir heute dafür natürlich erst mal von so gut wie jedem Lehrer ausführlich für das von Mrs. Emery geschriebene Stück gelobt. Auch heute Abend die Aufführung lief ganz gut, auch wenn wir mehr Fehler wieder in Ordnung bringen mussten als gestern. Am Schluss wurden auch Ben und ich auf die Bühne geholt und bekamen später sogar noch einen Geschenkgutschein von der Schauspielmannschaft als Dankeschön. Abends hatten wir noch eine kleine (etwa 50 Leute) Party in einem Restaurant Downtown, von der wir gegen ein Uhr Nachts wieder kamen.


27.11.2003 – Thanksgiving in Amerika / 

Flug / Erste Tage / Schule / Vegas / Football / Glen Arbor / Niagara / Halloween / Detroit // Abschied / Review

Zu Beginn der Thanksgivingholidays hatten wir ein typisches Thanksgivingessen mit Grandma Vi (der Mutter von Leo) und Uncle Witey- gar nicht überraschenderweise gab es natürlich Truthahn, was zwar schon ganz gut war, aber nicht vergleichbar mit dem Essen, das mich am nächsten Tag erwarten sollte.


29.11.2003 – Ohio, Amerika

Gestern um 3PM Uhr machten wir uns auf den Weg nach Ohio, wo Diannas Mutter und deren Mann leben, um mit ihnen Thanksgiving zu feiern. So hatten wir, kaum waren wir dort angekommen, natürlich nicht mehr viel Zeit, und im Grunde genommen kamen wir nur dazu, mit ihnen zusammen Abend zu essen – allerdings so lecker, dass ich die Frau am liebsten als Köchin engagiert hätte. Heute sahen wir uns dann das sogenannte „Amish Country“ an, eine Gegend in der Nähe, in der die Amish People leben – die meist deutsch-, schweizerisch- oder holländischstämmigen Leute mit ihrer konservativen Amishen Religion fahren noch immer in ihren schwarzen Kutschen durch die Gegend und haben auch an ihrem Kleidungsstil in den letzten hundert Jahren nicht sonderlich viel geändert, was ein wenig merkwürdig aussieht. In Berlin (und ja, so hieß der kleine, ein paar hundert Seelen beherbergende Ort tatsächlich) kauften wir den berühmten Fudge (was eine milch-käseartige Süßigkeit in den verschiedensten Geschmacksrichtungen ist) und hatten Lunch, anschließend fuhren wir zu zwei Häusern, die ihr umliegendes Land in eine Art Weihnachtspark umgewandelt hatten. Jede Menge kitschiger Schnickschnack mit den ausgeprägtesten Beleuchtungen durch unendlich viele Lichterketten konnten mich so schon auf den nächsten Stop vorbereiten: der Allyearchristmasshop „’Tis the season!“, was echt scary war. Auf vollen zwei Etagen verkaufen die da sage und schreibe das ganze Jahr über alles, was man irgendwie mit Weihnachten verbinden könnte, oder von denen irgendjemand behauptet, man könne das, und zurzeit, also knapp einen Monat vor Weihnachten, haben die natürlich Hochsaison. Seit dem kann ich nur noch mitleidig lächeln, wenn wir fünf Tage vor Weihnachten in Deutschland an einem Haus vorbeifahren, an dem drei verschiedenfarbige Lichterketten sich mit einem elektronisch bewegenden Rentier einen Aufmerksamkeitswettkampf liefern und alle mit mir fahrenden mit offenen Mündern den Kopf verdrehen und sich fragen wie man sich nur so einen Pimsch in den Vorgarten stellen kann. Leute, das ist nichts gegen den Horror, den ich erlebt habe. Es war wie bei einem Autounfall: man kann nicht hinsehen, aber wegsehen kann man auch nicht.


12.12.2003 – letzter Schultag in Amerika/ Freshmen dance

Die ganze letzte Woche über hatte ich mich immer wieder von allen möglichen Lehrern verabschiedet, bei denen ich die jeweils letzte Stunde hatte. Hier wurde noch einmal das andere Schüler-Lehrer Verhältnis dieser Schule klar, denn fast alle Lehrer verabschiedeten sich mit Umarmung von mir, was eine undenkbare Verletzung sämtlicher ungeschriebener Regeln in Deutschland wäre. Viele gaben mir ihre E-mail Adresse und ich bekam den ersten Eindruck, wie es wohl sein würde, wenn ich mich von Leo, Dianna und Anni verabschieden würde. Und heute war dann der letzte Schultag, und ich verabschiedete mich endgültig von allen, die nicht zu meiner Going-away Party kommen würden. Es gab eine Menge Umarmungen und es war richtig sad.

Tatsächlich sah ich aber sogar noch an diesem Tag ein paar von ihnen wieder, weil ich mich kurzfristig entschied, mit Anni zusammen abends zum Freschman-Dance zu gehen. (Freshmen sind die Schüler der 9. Klasse, die so etwas wie eine kleine Disco veranstalteten.) Auch wenn ich mich Anfangs etwas gesträubt hatte, entschied ich mich dann schließlich doch dafür und obwohl ich der Meinung bin, dass ich zwar begrenzt Tanzen kann, aber auch wieder nicht der geborene Tänzer bin, wurde es doch noch ganz spaßig und gab mir die Möglichkeit, mich doch noch von einigen zu verabschieden, bei denen ich das noch nicht gemacht hatte.


13.12.2003 – Abschiedsparty - Abschied von Amerika /

Flug / Erste Tage / Schule / Vegas / Football / Glen Arbor / Niagara / Halloween / Detroit /Thanksgiving // Review

Um circa 2PM fingen wir nach ausgiebigem Langschlafen und wunderbarem Frühstück mit den Vorbereitungen für die Party an. Die Lichterketten im Partykeller sahen mächtig beeindruckend aus und gerade als wir mit allem fertig waren, kam auch schon Zac. Wir spielten ein bisschen Tischtennis, bis nach und nach mehr Leute kamen. Von den insgesamt 40 Leuten, die ursprünglich eingeladen waren, konnten 26 kommen, glücklicherweise aber eben die, die mir am wichtigsten waren, abgesehen von Alix, die leider nicht kommen konnte - sie würde ich aber im kommenden Frühjahr wiedersehen, da sie einen Austausch in Deutschland machen würde.
Als dann nach einer grandiosen Party schließlich alle weg waren, überkam mich dann schließlich die depressive Laune, mit der ich schon die ganze Zeit gerechnet hatte, denn in diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich viele dieser wunderbaren Menschen in meinem ganzen Leben vielleicht nie mehr wieder sehen würde. Zwar wollte es das Glück so, dass sich das bei einigen von ihnen änderte, aber das wusste ich damals ja noch nicht, und hätte ich es gewusst, so hätte es die Situation nicht besser gemacht, denn jeder Abschied von Menschen, die einem wichtig sind, ist nun einmal kein leichter.


/15.12.2003 – letzter Tag in Michigan, Amerika

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Thanksgiving
/ Abschied

Nachdem ich mich gestern noch von Suzanne und Grandma verabschiedet hatte, war es heute so weit. Wir sahen auf dem Weg zum Flughafen noch kurz an der Schule vorbei um meine Zeugnisse abzuholen (welche durchweg gut ausgefallen sind) um dann schließlich das dritte Mal das nun vertraute Bild des Detroit- Wayne County Flughafens zu sehen. Wir checkten das Gepäck ein und hatten noch eine gute Stunde Zeit, die wir nutzten, um ein letztes Mal gemeinsam essen zu gehen. Dann kam der Zeitpunkt, wo ich mich von ihnen verabschieden musste. Auch wenn ich weiterhin einen zwar nicht sehr häufigen, aber doch noch stattfindenden Kontakt mit ihnen habe, war es doch einer der traurigsten Momente in meinem Leben, weil Anni, Dianna und Leo einfach zu meiner zweiten Familie geworden waren. Als ich mich dann von ihnen losriss und vor meinem Gate feststellte, dass der Flug eine Stunde Verspätung hatte, ärgerte ich mich verständlicherweise, weil ich nun ohne jede Beschäftigung hier rumsaß und wartete.

Flug

Glücklicherweise bekam ich meinen Anschlussflug in Newark trotzdem noch in time und überlebte auch die den Flug darauf durchrüttelnden Luftturbulenzen. In Frankfurt musste ich dann wieder gefühlte dreiundsechzig Tage auf meine Koffer warten, bevor ich dann meine (erste) Familie wiedersah. Das Gefühl war schon irgendwie merkwürdig – ich bin froh und traurig zugleich, denn einerseits habe ich meine Familie wieder, und andererseits habe ich die intensivste Zeit mit meiner anderen Familie hinter mir gelassen.


29.12.2003 - Review des Amerika-Austausches

Jetzt bin ich also, seit etwas mehr als einer Woche, wieder zuhause. Ich vermisse die Staaten, Michigan und Ann Arbor, alle meine Freunde von der Waldorfschule und meine zweite Familie. Und es passiert mir noch immer, dass ich manchmal amerikanische Phrasen verwende.

Ich hatte, nachdem ich in Neuwied angekommen war, erst einmal alles ausgepackt, Mitbringsel verteilt, Fotos gezeigt und festgestellt, dass das Rootbeer für meinen Cousin in meinem Koffer ausgelaufen ist und unter anderem meinen Epochenhefte aus der Schule einen hübschen Rand verpasst hat. Am Mittwoch blieb ich zuhause, um mich auszuholen und mich von meinem Jetlag zu erholen und am Donnerstag ging ich dann wieder zur Schule, wo ich dann doch recht freundlich begrüßt wurde. Hab eine Menge erzählt, und im Englischunterricht durfte ich dann alles noch mal auf Englisch erzählen. Am Freitag war dann sowieso der letzte Schultag vor den Ferien. Sandra kam auch wieder und erzählte Alles noch einmal. Als Taisa (die dritte Austauschschülern) etwas später wiederkam, war es für die Anderen wahrscheinlich nicht mehr allzu interessant, zum dritten Mal von der tollen Schule dort zu hören. Die Ferien nutzte ich dann unter anderem dazu, meine über hundert Fotos in ein zu Weihnachten geschenkt gekriegtes Fotoalbum zu kleben.
So endete dann mein dreimonatiger Austausch, und ich bin froh, wenn ich zumindest einige meiner neugewonnenen Freunde wiedersehen kann. Anni, Alix und Katheryn werden im Frühjahr bereits zum Gegenaustuasch kommen, worauf ich mich wirklich freue.

Wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, würde ich den Austausch jederzeit wieder machen, und ich bin froh, dass ich dieses Erlebnis zu meiner Erinnerung zählen kann - wenn sich irgendjemand, der dies hier liest, im Zweifel befindet, so kann ich nur empfehlen, ebenfalls den Schritt zu einem Austausch zu wagen. Am Besten gleich für einen längeren Zeitraum, denn eine solche Erfahrung ist etwas einmaliges, auf das man, wenn man die Möglichkeit daszu hat, nicht verzichten sollte!

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