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Ein Schweizer Kreuz, eine Insel und ein Gastautor

Im kommenden Oktober werde ich zu einer neuen Reise aufbrechen – gänzlich anders als zuvor. Ziel ist die griechische Insel Lesbos, kaum 30 Kilometer vom türkischen Festland entfernt. 30 Kilometer – das ist weniger als der Höchststand einer meiner Tagesetappen auf dem Camino del Norte letztes Jahr. Doch statt als von Freiwilligen umsorgter Sinnsucher-Pilger werde ich nun auf der anderen Seite stehen, für Menschen, die diese so viel schwierigeren 30 Kilometer so viel nötiger haben. Dort, auf diesem kleinen Vorposten der Festung Europas, stranden Tag für Tag Flüchtlinge oder werden von hoher See gerettet. Die private Organisation SchwizerChruez hat es sich zum Ziel gesetzt, dort eine wahre Hilfe zu leisten: Medizinisch, organisatorisch, menschlich. Zwei Wochen werde ich dort meinen Beitrag zu leisten versuchen, und bin dabei nicht alleine. Neben den vielen anderen Freiwilligen ist es vor allem ein Mensch, der mir den nötigen Arschtritt verpasst hat und mit mir zusammen die Reise antreten wird.

Darf ich vorstellen – zukünftiger Gastautor in diesem Blog, unverbesserlicher Gutmensch und fantastischer Vater: Michael.

Wir gehen nun in die Vorbereitungen und halten euch auf dem Laufenden!

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Fast wahre Großstadtmärchen Ton und Bild

Straßenmusik Video

Ich habe da kürzlich nochmal einen Text hervorgeholt, den ich selbst schon fast vergessen hatte. Aber ich mag ihn immer noch:

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Englisch Naive Metapoesien der Einsamkeit Texte

Finisterra

 

When I left I fell asleep and no one turned the light back on
Set off to walk 600 miles on the day the night begun
Sorpresa took my hand, while we walked across the Land
through the sand of Donostia, understand now what she meant
Leave your plans out, stand out, take the extra route
Accept what’s coming forward, set your inner guide on mute
The days smelled like black berries the nights sounded like waves
as we climbed the cliffs of coastlines and discovered empty caves
The brushing sound of bagpipes in our backpacks and some blisters in our boots
The roots on the road. Loose shoes and a coat
The mood’s on our hope thanks to food from a bloke.
The late days of summer were the last days of spring
Surprise was a fling that the basque mountains could bring

When in 60 naps a million steps a hundred different faces
From mountain tops to fountain shops through arrowpointed mazes
I arrived at the end of the world in misty weather
The seashore shines golden and red in Finisterra

 

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Fabeln vergangener Kalenderblätter Ton und Bild

Video: Rauchpartikel

Die wunderbare Wort-Akkord Band hat musikalisch meinen Text “Rauchpartikel” mit Cello, Gitarre und Keyboard unterlegt:

Und, wer das Ganze in besserer Aufnahme-Qualität, dafür ohne Musik hören möchte:

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Der Camino del Norte in Bildern

 

Für alle Lesefaulen und Fotofreunde: die letzten zwei Monate in Bildern. Wer mehr sehen und lesen will muss in den Beiträgen zurückgehen. 🙂

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Am Ende der Welt

Eigentlich ist es gar nicht so spektakulär. Ein Leuchtturm, ein Stein mit der 0 Km Angabe, ein paar Felsen die zum Meer abfallen. Ein Mann der Gitarre spielt, eine Gruppe Pilger, die Wanderstöcke und Nachrichten mit Überwundenem verbrennen. Ein Sonnenuntergang, der deutlich weniger beeindruckend ist als jener, den ich am folgenden Tag vom kleinen, halbvergessenen Strand zehn Minuten hinter meiner Herberge betrachte (siehe Fotos). Eigentlich ist es nur ein Kap, das genaugenommen nicht einmal das westlichste Europas ist.
Aber zugleich ist es auch das Ende einer langen äußeren und inneren Reise. Die letzten Schritte nach über tausend Fußkilometern von Frankreich bis an die spanische Westküste.  Der letzte  Schlag meines Bambusstockes Salvador auf den steinigen Boden. Das Ende der Erde: Kap Finisterre.

Die letzten Tage von Santiago nach Finisterre waren wie ein neugemischtes Kartenset –  Pilger vom Camino Francés, Portugués und Norte treffen plötzlich aufeinander, man tauscht die unterschiedlichsten Erfahrungen aus, während der Höhenweg über die letzten Berge führt. Ab und an treffe ich jemanden aus dem Norden wieder, wie den österreichischen Ökonomen, den ich erstmals in Colombres traf (noch in Asturien,  vor über 300km) oder die Hippiedame aus den ersten Tagen in Galizien, neue Leute tauchen wieder und wieder auf, wie der Tschechische Programmierer oder das Schweizer Paar. Nach einer langen Etappe mit Christiana (der ersten nicht-polnischen Pilgerin die  zumindest teilweise aus katholischen Gründen läuft) komme ich in Cee an, einer Stadt in der nicht mal die Schritte der Fußgänger und das Klacken von Wanderstäben die allgegenwärtige Stille stört. In der Herberge an der Quelle  spielen wir Durak, die Herbergseltern verwöhnen uns mit Selbstgekochtem und Abschiedsumarmung, die Schokolade mit Kondensmilch schmeckt bereits nach Schlussetappe. “Hast du mit deinem camino erreicht was du wolltest?”  fragt Christiana, weil sie selbst keine Antwort weiß.
Als wir am nächsten Tag die letzten Kilometer am Strand entlang laufen, antworte ich “Ja” und schreibe die Namen der Menschen, die diesen Camino zu dem machten, was er war, in den Sand. Wir essen mittag in “la Familia del mundo”, eine Empfehlung von Esperanza, Punks und Hippies mit Linsensuppe auf den Tellern, bunte Wände, laute Musik. Neben uns sitzt ein weinendes Mädchen. Sie ist aus Berlin und auch den Norte gelaufen, bringe ich sie schließlich zum reden, der Teller vor ihr ist voller Linsensuppe und Probleme, die hier nicht hingehören. Hat sie mit dem Camino erreicht, was sie wollte? Ja, deswegen weint sie. Ich bleibe zwei Tage in der Herberge da Sol y Luna, hinduistische Wandmalereien und Lagerfeuer, das beste Frühstück seit zwei Monaten, gemeinsames Abendessen im Garten, an der Wand steht “Das ist nicht das Ende, es ist der Anfang”. In den Straßen des kleinen Ortes am Ende der Welt treffe ich Canto wieder, Sorpresa ruft zufällig an, während die Sonne hinter dem Strand versinkt und die Wellen sich im Rot brechen. Ob ich erreicht habe, was ich vom Camino erwartet habe, fragt sie, aber was sind schon Erwartungen. Das räumliche Ziel zu erreichen, das ist leicht. Ein paar Berge, ein paar Landstraßen, Baskenland, Kantabrien, Asturien, Galizien, irgendwann ist es normal morgens aufzustehen, die Füße zu tapen  und loszulaufen, bis man eben am nullten Kilometer ist. Verändert man sich dabei? Kehrt man anders zurück? “Nur wenn man kein Schmalspurpilger ist”, würde Canto sagen. “Das werde ich erst zuhause wissen”, würde Busqueda vermuten. “Hoffentlich” meinte Esperanza.
“Ja”, antworte ich, schreibe “gracias” in den Sand und lasse das Ende der Welt hinter mir.

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Highway nach Santiago

 

Auf der Plaza vor der Kathedrale strahlt die Sonne auf das Kopfsteinpflaster, einzelne Pilger und Touripilger-gruppen durchschreiten die Pforte. Jeder erreicht Santiago auf eine andere Weise. Dutzende, hunderte Menschen kreuzen den Blick, das allübliche “Buen Camino”  wird durch ein “Bienvenidos”  abgelöst. Da sind jene mit den kleinen Rucksäcken, die die letzten 100 Kilometer in Turnschuhen abliefen, das Gepäck im Taxi transportiert, “We are the Champions” singt eine Gruppe vor der Kathedrale. Da sind die Radfahrer, die einen zum ersten Mal nicht aus dem Weg klingeln, sie steigen kurz ab für ein Selfie. Und da sind jene trotzdem noch viele, die den Camino Frances, und wenige, die den Camino del Norte durchpilgerten, besonnen an die schattige Mauer gegenüber gelehnt, den Rücken an den kalten Stein, verloren in ihren Erinnerungen an die letzten Wochen und Monate. Als ich mit Canto und den Gutgelaunten die Plaza betreten, höre ich ein schrilles Aufrufen vom anderen Ende. Colín, die nach dem ersten gemeinsamen Abend im Bisonte weiterzog, kommt auf mich zugerannt, der kleine Rucksack-Berg, den sie mit sich rumtrug, liegt an der Wand. “Ich will gleich nach Finisterre weiter”, erzählt sie, gestern sei sie angekommen, sie ist das am längsten bekannte Gesicht was ich in Santiago treffen soll. Wir essen überteuerte Churros in einem Luxuscafé, in Santiago kennt man selbst hier den Geruch frisch-angekommener Pilger, auch wenn ich seit gestern das Gefühl hatte, inzwischen zu einer Minderheit zu zählen: In Arzua bogen wir auf den Highway der letzten 100 Kilometer Frances ein, “Schmalspurpilger”, lästert Canto, “Tourigrinos” (angelehnt an “Peregrino” = Pilger) betiteln Graffitis auf Wegsteinen sie. Mein leichtgepackter Rucksack zählt plötzlich zu den Schwergewichten, pfeifend laufen Canto und ich den einfachen Weg an sich voranschleppenden, geführten Reisegruppen vorbei, nichts gegen Wandertourismus, aber von Pilgern hat das nichts mehr. “Buen Camino!”, flöte ich, eine Gruppe japanischer Touristen macht ein Foto von uns, ein paar Leute hassen uns für unser Schritttempo. (Aber sicher nicht so sehr wie die laut klingelnd, rücksichtslos an einem vorbeizischenden Mountainbiker.) “Soll ja jeder seinen eigenen Camino laufen,” gesteht Canto ihnen zu, “aber wer ihn so läuft, hat sich nachher wahrscheinlich nicht verändert.” Nach 20 Kilometern steigen die “Partypilger” mit Boombox und Schnapsflasche in privaten Herbergen in Pedruzo ab, wir laufen weiter, der Weg ist plötzlich wieder leer. Nach 36 Kilometern kommen wir in Monte de Gozo an, wo wir die letzte Nacht vor Santiago mit den Gutgelaunten verbringen.
Und dann also Santiago. Für viele ist der Weg hier zu Ende, ich verabschiede mich von dem ein oder anderen bekannten Gesicht. Wir gehen in die Pilgermesse, der Weihrauch schwenkt neblig über unsere Köpfe, irgendwo unter uns liegt angeblich ein Apostel begraben.  Eine Nonne singt, es ist der ansprechende Teil der Messe, der Priester redet über Katholizismus.*

Was bedeutet es, in Santiago angekommen zu sein? Die plötzliche Erleuchtung beim Anblick der Kathedrale? Die Befreiung der Sünden beim Durchschreiten eines Tors? Das langerkämpfte Ende einer Reise? Was macht das mit einem?

Die Erleuchtung war ja viel mehr in der Suche als im Ziel, würde Busqueda vielleicht sagen. “Erwarte nicht zu viel von Santiago, der Weg geht ja noch weiter”, meinte Esperanza. “Lass dich überraschen”, schreibt Sorpresa, und Canto singt den passenden Ohrwurm dazu, während die Gutgelaunten uns Wein auf der Terrasse der Ferienwohnung in der Rua do Franco einschenken. Die Souvenirverkäufer verkaufen Jakobsmuscheln und der Turm der Kathedrale verschwindet hinter einem Baugerüst. In einer engen Seitenstraße hinter der Plaza leuchtet ein kleiner gelber Pfeil auf dem Pflaster, immer Richtung Westen. Wo es weiter geht. Zum Ende der Welt.

* was der Priester hätte sagen können : wie der camino uns gelehrt hat, aufeinander Rücksicht zu nehmen, wo alle mehr geben als nehmen. Wie wir uns auf das Wesentliche konzentrieren konnten, uns vom materiellen  verabschiedeten und den Wert freiwilliger Hilfe oder einer kleinen Geste erkennen. Wie fragil und schützenswert unsere Welt ist. Und wie schön es wäre, das alles, gelernt auf der Universidad de la Vida, in unser normales Leben mitzunehmen. Padre Don Ernesto hätte das vermutlich gesagt. Zum Glück gab es einen kleinen Pilgersegen, 20 Pilger in einer Seitenkapelle, nachdem die Massen die Hallen verlassen haben. Wir reden über all dies, übersetzen es uns in fünf Sprachen, vier polnische Pilger singen zum Schluss das Lied der Pilger. Ihre Stimmen verbreiten sich langsam unter der Kuppel wie zuvor der Weihrauch aus der Butafumeiro eine zweite Luftblase, die uns behutsam umfängt. Dass irgendwo unter uns ein Apostel begraben liegt, ist ihnen wichtig, aber irgendwie auch sehr unwichtig.

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Herbst

 

An dem Tag, als ich “O Bisonte” verließ, warfen die Bäume ihre Blätter von den Ästen. Wer weiß, wie viel Tage tatsächlich vergangen waren, für die Wälder und das Land um mich her müssen es Wochen gewesen sein: Plötzlich war es Herbst. Wenn ich morgens, geweckt von unverbesserlichen Frühaufstehern, die Herberge beim ersten Morgenlicht verlasse, hängt der kalte Nebel zwischen meinen Fingern, und bis die Sonne für die ersten angenehmen Temperaturen gesorgt hat ist der zweite Weg-Kaffee getrunken. Zusammen mit Canto und den beiden ewig Gutgelaunten* (die 15 Kilometer nach dem Bisonte auftauchten und seither für schwarzen Humor und umgetextete Lieder von Canto sorgen) erklimme ich den höchsten Punkt des Camino del Norte (eine unspektakuläre Landstraße auf 700 Metern) und unterschreite die 100-Kilometer-Marke auf dem Weg nach Santiago (ein unspektakulärer Wegstein dem man die goldene Plakette stahl), während um mich das Land zur herbstbraunen Hochebene wird. Der Name der Malerin vom Bisonte öffnet mir die Türe zum Atelier des Bildhauers Ché, der uns bei einem eingeladenen Wein von falschgeschriebenen Guidebooks erzählt, und sichert uns eine Unterkunft und geschenkten Schnaps in der familiären “A Lagoa”. Zu wenig Zeit für zu viel Garten. In der Gruppe der Gutgelaunten läuft es sich schneller, nach 33 Kilometern ist trotzdem abend. Aufstehen, Kaffee, weiterlaufen, verwundert die Pilger beäugen, die ihr Gepäck im Taxi transportieren lassen um die 100 nötigen Kilometer für die Compostela abzulaufen. Manchmal spüre ich das Gewicht meines Rucksacks gar nicht mehr, manchmal laufe ich wie in Trance, keine Gedanken, einfach den Pfeilen hinterher. Wir halten an und pflücken Brombeeren fürs Abendessen, Canto pfeift einen Schlager, er mag keine Schlager, “aber Udo Jürgens ist doch fast schon ein Chansonier”. In einem riesigen Kloster, in dessen Kathedrale sich der Hall eines gepfiffenen Liedes an den moosbewachsenen Wänden spiegelt, machen wir Pfannkuchen mit Schafskäse und Brombeeren, die sich außerdem hervorragend mit Guajada und Dulce de Leche zum Nachtisch mischen lassen, und genießen die Ruhe. Vielleicht zum letzten Mal. Denn der nächste Stopp ist Arzua, jene Stadt, in der der Camino del Norte für die letzten 40 Kilometer mit dem sieben-Mal so häufig bewanderten Camino Frances zusammenstößt. Es ist Herbst, ich ziehe meinen Fließpulli an und lasse Canto und die Gutgelaunten ein wenig voranziehen. Die letzten Schritte auf dem Kies der Nordroute verdienen ein paar Atemzüge Einsamkeit.

*die selbsttitulierte Lachhure und die stets angepisst Schauende, die aber eigentlich ganz gut drauf ist

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Das Haus der Malerin und der Regen

Der galizische Regen prasselt aus allen Wolken, die der Himmel hat aufbringen können, die Schuhe sind nass, feucht klebt das Regencape an den Beinen. Kaum hatte ich zusammen mit Daría auf der Autobahnbrücke Asturien verlassen und das westlichste Land Spaniens betreten, zogen die ersten Wolken auf und begleiten mich nun seit zwei Tagen mit vernebelten Aussichten und Shirts, die nun eben nicht mehr schweiß- sondern regennass sind. Als wir heute mit Colín, die mit ihrem übergroßen Zelt unter dem Regencape wie ein kleiner Berg aussieht, in Mondonedo ankommen, flüchten wir uns in das erstbeste Café gegenüber der eindrucksvollen Kathedrale. Puddingdicke heiße Schokolade mit unten abgesetzter, gezuckerter Kondensmilch schmeckt erst richtig nach Glück, wenn vor einem der Regen auf das Kopfsteinpflaster prasselt. Colín kauft sich einen Flummi im Automaten und lässt ihn so lange auf dem Tisch hüpfen, bis ein kleine Delle entsteht; sie ist einer dieser Menschen, die man gleichzeitig amüsant-sympathisch findet, während sie einem tierisch auf die Nerven geht.
Irgendwann haben wir uns genug gedrückt, und machen uns durch den Regen auf, die letzten (wenigen) Kilometer für heute zu bewältigen. Mitten in den Bergen, während der Fuß durch Pfützen und die Laune durch aufmunternte Lieder stapft, erreichen wir das Haus der Malerin, “O Bisonte”. “Gebt mal eure ganzen nassen Sachen her, ich hänge die mal auf”, begrüßt sie uns, ihr T-Shirt ist dreckig, ihr Gesicht offen, in der warmen Küche dampft Eintopf für den Abend. Auf dem Speicher ihres Steinhauses, wo uns dunkles Holz und harter Schiefer vor dem Regen schützt, erwarten uns heimelige Betten, ein Apfel zur Begrüßung auf der Decke, zwei schnurrende Katzen um die Beine. “Verzeiht die Splitter in der Treppe, das will ich noch renovieren”, entschuldigt sich die Malerin, sie entschuldigt sich für vieles, das uns nicht mal aufgefallen wäre. Seit wann sie das Haus Pilgern geöffnet habe, frage ich, “Schon immer, seit ich es vor drei Jahren gekauft habe,” kommentiert sie nebensächlich. Jeder spendet was er kann, Mosaike in der Dusche und selbstgemalte Bilder an den Wänden; ich fühle mich ein bisschen wie in der Hippiekommune in der ich einst zum Kindergarten ging, nur ohne die Hippies. Schade dass Bettwanzen-Bo* nicht hier ist, er würde erfreut feststellen dass die Biester hier noch nicht angekommen sind.
Die Malerin ist grummelig liebenswürdig, sie bietet mir an noch länger zu bleiben. Während die Wolken sich ausschütten, knistert drinnen der holzofen, ich helfe beim Ausbau des neuen Bads und der Übersetzung eines Begrüßungstextes, zwei Tage später ist eine kleine Familie geblieben, die Malerin, die spanische Pilgerin Esperanza und ein  italienisches Paar, dass vor einem halben Jahr für einen Tag und etwas Hilfe beim Ausbei vorbeikam, der bis heute andauert, und ich. Es sind zwei Tage mit vollen Tischen, Tee im Garten, auffliegenden Ascheflocken aus dem Ofen, italienischen Filmen, Besuche von Nachbarn mit Dudelsack, Schubkarren und Feuerholz. Als ich und Esperanza weiterziehen, lassen wir ein bisschen aufgestapeltes Feuerholz und das Gefühl von Zuhause zurück. In meinem Rucksack liegt der Apfel vom Bett und eine Flasche voller neuer Energie.

Und eins noch:

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“Ich schreite zehn Schritte voran, und der Horizont zieht zehn Schritte weiter.
So viel ich auch laufe, ich erreiche ihn nie.
Was bringt dann noch die Utopie?
Das bringt sie: voranzuschreiten.”
(graffiti in Ribadeo)

*Seit irgendein Pilger vor zwei Wochen die ersten Bettwanzen in eine Herberge einschleppte, verbreiten sie sich in den Rucksäcken der Pilger über die Schlafplätze. Wer bei Verstand ist, stellt seinen Rucksack nicht mehr aufs Bett, guckt vorher nach schwarzen Flecken und schmeißt seine Wäsche etwas öfter in die Maschine. Und dann gibt es da noch den kroatisch-deutschen Militärsanitäter und seit neustem Bettwanzen-Spezialist Bo. Nach seinem ersten Befall verbrachte er eine halbe Nacht an der Waschmaschine, in jeder Herberge wo ich ihn treffe inspiziert er 20 Minuten Bettrahmen und umgebende Wände. Nach Ribadeo läuft er Daría und mir über den Weg, “hatte sie im Rucksack”, sagt er zerknirscht, die Bugspray-Dose noch in der Hand. Jetzt hat er sich ein Zelt gekauft, und während die Regensturzbäche auf unser Dach prasseln, kuschelt er sich in sein bettwanzenfreies Zelt.

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Ciudad de Reencuentros

“Das ist eine gute Stadt”, sagen sowohl mein Gefühl als auch Reflection* neben mir. In einer neuen Stadt zu Fuß anzukommen, hat etwas Besonderes. Nach einer langen Etappe durch die Vorstädte und Gewerbegebiete gelaufen verdichten sich die Häuser, die Straßen werden enger, und plötzlich zeigt sich, von einem Hügel kommend, der fantastische Ausblick auf die Dächer der Hafenstadt Luarca. Ich habe ein gutes Gefühl, als wir zu den Klängen einer Feier eines Barrios an den Hängen die Stufen in die Kleinstadt hinabsteigen, Katzen neugierig unseren Schritten folgend. Auf dem Weg hierhin bin ich Reflection und seinem Arbeitskollegen begegnet, mit denen ich einen angenehmen Abend in der vorigen Herberge verbracht habe. Zusammen mit ihnen stromere ich durch die Stadt der Wiederbegegnungen: die amerikanischen Theologinnen vom Kaffee vor zwei Tagen, die immer größer werdende Gruppe von Spaniern, die leicht verrückte Tantra-Massagistin. Sogar Volver und constance, die ich längst Etappen weiter wähnte, laufen mir am nächsten Morgen über den Weg.

Was sonst noch geschah: einsame Küstenumwege verschönern die letzten Tage Asturien, bevor es nun bald ins Inland Richtung Santiago geht, die schönste Herberge mit Meerblick beim Wäsche aufhängen, Bettwanzen die sich seit knapp einer Woche mitsamt den Pilgern in sämtlichen Herbergen verteilen bleiben ständiges Gesprächsthema, meine Tastatur kann seit einer Wanzenbekämpfungs-Aktion kein c, o oder Leerzeichen mehr (verzeiht wenn ich es irgendwo vergesse zu ersetzen), und heute eine kleine….

Pepe

SoNDERNAcHRIcHT: Nach langen Vorbereitungen erscheint heute mein erstes Kinderbuch “Pepe und der Pupsroboter” im Willegoos-Verlag! Ich bin sehr aufgeregt, wie es anläuft und freue mich nach meiner Rückkehr über die ersten Lesungen. Ihr bekommt das Buch in jedem Buchhandel (bzw. bestellen die das, wenn ihr danach fragt), oder auf
http://willegoos.de/artikel/lesefutter/pepe-und-der-pups-roboter/

*Reflection verdient einen eigenen Absatz: nachdem er sein Ballon-Unternehmen verließ, bei dem er Party-Luftballons für Led Zeppelin und Kondome für die Rotlichtszene in Amsterdam vertrieb, arbeitete er eine Weile für Google als Fotograf und schulte die Fahrer für das Street View Programm. “Da bekommt man alles am Arbeitsplatz, vom Massageplatz zur 24h-Kantine”, erzählt der inzwischen 60-jährige. “Damit du möglichst lange arbeitest…” Inzwischen ist er Reki-Heiler. “Ich weiß selbst nicht so richtig, wie oder warum das funktioniert, aber solange es den Leuten nachher besser geht mach ich damit weiter…”. Letztes Jahr lief er den camino von Lyon bis Gijon und musste wegen einer Herzattacke und einer Nahtoderfahrung aufhören, jetzt will er den Rest noch laufen…