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The Wilderness

Die bewaldeten Huegel erstrecken sich soweit das Auge reicht, das Wasser kraeuselt sich und unser Kanu schiebt sich gemuetlich durch die von Waeldern (und Privatgrundstuecken) gesaeumten Seen. Wir kommen an eine Verbindung zwischen zwei Seen, wo das Wasser sich zu Stromschnellen verbindend uns ueber eine Vielzahl von Steinen entgegenstuerzt. Ich steige aus und schiebe das Kanu durch das flache, schnelle Wasser, bis wir die Schnelle durchquert haben und zu einem weiteren, ruhigen Streckenabschnitt kommen. Das Kanu ist eine herrliche Abwechslung, die Beine danken die Arbeitsuebergabe an die Arme. Dabei ruhen unsere Fahrraeder tatsaechlich nun schon eine Weile in einen Kofferraum gequetscht auf dem wunderschoenen, ruhigen Campingplatz in Newcomb.
Nachdem das Maedchen mit Hut uns bis Saratoga Springs gebracht hatten, waren wir erstmal ein wenig dort geblieben und goennten uns die mehrtaegige Pause, die wir eigentlich schon in Hudson hatten haben wollen. Das Hotel war alles andere als unsere uebliche Preisklasse (es gibt einfach keine guenstigen Hostels hier…), und wir fuehlten uns ein wenig fehl am Platz, wie wir mit unseren Raedern vorfuhren, aber es sicherte uns immerhin den Ecology-Bonus, der urspruenglich fuer Gaeste mit Elektro-Autos vorgesehen ist. Saratoga ist ein angenehmes Staedtchen, wenn auch groesser und wuseliger als das beschauliche Hudson, und sehr viel touristischer. Einmal abseits der Hauptstrasse finden sich aber kleine verwinkelte Buchlaeden und Bars mit Open Mics und Billardtischen, wo wir mit gegen eine ihren 50. Geburtstag feiernden Dame spielten und einen sympathischen jungen Mann kennenlernten, der waehrend der Unterhaltung ueber unsere Reise ein paar Drinks spendierte und uns am Ende des Abends ein paar Geldscheine zusteckte, die die teure Hotelnacht ziemlich gut kompensierten.
Irgendwann brachen wir aber dann doch aus Saratoga auf, und nach einigem hin und her ueberlegen entschieden wir uns, lieber weniger konsequent zu sein und dafuer mehr vom groessten Nationalpark der USA sehen zu koennen, indem wir uns fuer eine Woche ein Auto mieteten. Damit konnten wir sehr viel weiter in die herrlichen Adirondacks vorstossen, als es uns mit Raedern (in der gegebenen Zeit) moeglich gewesen waere, und nutzten die gewonnene Zeit fuer besagte Kanutour ueber die Seen und in den hier noch jungen, schmalen (aber schon schnellen) Hudson sowie fuer eine anstrengende, aber lohnende Wanderung auf den Mount Goodnow, auf dessen Gipfel ein Feuerwachturm (bis in die 80er benutzt, um Waldbraende zu entdecken) trohnt – der weitlaeufigste Ausblick ueber die Berge und Seen der Upstate New York-Wilderness belohnte unseren Aufstieg. Was wir ausserdem dort erlebten:
– Drei hilfsbereite, wenn auch uebermaessig dem Alkohol froehnende Nachbarn, die uns in der ersten Nacht (nachdem wir lange verzweifelt im stroemenden Regen nach einer Unterkunft gesucht hatten und schon im Auto schlafen wollten) im Gaestebett schlafen liessen
– Von denen einer uns seine sammlung von 1970er Superheldencomics praesentierte (darunter die erste Ausgabe in der Wolverine auftaucht)
– Streifenhoernchen, Rehe und jede Menge Eichhoernchen auf den Wegen
– Den eher unfreundlichen Besitzer eines Privatsees, der uns zu den angeblich eine halbe Meile entfernten Cascade Lakes verwies
– Einen einstuendigen Fussmarsch und die Erkenntnis, dass die doch etwas weiter entfernt waren
– Die wunderschoenen Cascade Lakes
– Zu viele Muecken und Black Flies

Da wir nun einmal das Auto hatten, packten wir die Gelegenheit beim Schopf und machten einen Abstecher nach Boston. Hier konnten wir eine Schulfreundin aus meiner Zeit in Ann Arbor treffen und im pompoesen Pool der Eltern eines Freundes von ihr die Sommerhitze vertroedeln, bevor wir abends nach Boston reinfuhren und uns den Bauch mit thaiwanesischem Essen vollschlugen. Da sie noch am selben Abend zurueck nach New Haven fuhr, mussten wir uns noch irgendwo eine Unterkunft suchen, und die sind in Boston erstaunlicherweise aehnlich teuer wie in New York City… wir landeten mit ein bisschen Handeln im kleinen Fairington Inn, wo das Doppelzimmer guenstiger war als die Dormbetten in der Jugendherberge. Eigentlich wollten wir die letzte Nacht dann weitaus guenstiger (sprich: umsonst) bei einem Couchsurfer verbringen, doch nachdem wir ihn gestern nachmittag getroffen hatten, entschieden wir uns doch fuer die teure Variante ohne creepige Kerle im Nachbarzimmer (er gab sich wirklich Muehe und vermutlich ist er einfach nur sehr einsam… aber es war auch wirklich ein sehr seltsamer Typ). Ansonsten sahen wir Harvard und die Innenstadt, kaempften uns durch die Metro und den abendlichen Strassenverkehr und haben heute vormittag ziemlich lange ein Internetcafe gesucht (die Dinger sind echt ausgestorben, viele wussten nicht mal, was wir meinten). Gleich geht es dann weiter in Richtung Burlington, Vermont, wo wir das Auto zurueckgeben werden und von da aus mit dem Rad weiter ueber den Lake Champlain fahren werden. Was uns dort passieren wird, erfahrt ihr spaetestens nach unserer Ankunft in Montreal.

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New York to Hudson: Fotos!

Hier endlich die versprochenen Fotos nachgeholt:

New York
New York TaxiChili @ Time SquareTime SquareIch @ Time SquarePosing auf der Brooklyn Bridge IIPosing auf der Brooklyn Bridge IBlick auf Manhattan (Empire State Buildung) IBlick auf Manhattan (Empire State Buildung) IIMiss Liberty aus Legosteinen
Beweisfoto New YorkIn der MetroTropical Island Manhattan Central Park

Unterwegs
Fahrraeder am ersten StoppDie SeenCrossing HudsonStanding at the Hudson-OverviewDie wohl kleinste BahnstationBad im HudsonAusruhpauseSchoener, aber anstrengender TrailStrassenstandardUnique Exceptional Beauty-IslandDas Hotel in Germantown

Hudson und die Muellhalde
Pride in HudsonMuellhalde Hudson IMuellhalde Hudson II

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Kojoten auf dem Muellberg

Das Heulen der Kojoten beginnt mit der untergehenden Sonne vom Rande
des Waldes, nur kurze Rufe und nicht allzu nah, doch wir lauschen ein
bisschen angespannt in unserem Zelt auf ihr Verklingen. Als die Sonne
hinter den Catskills verschwand und es frisch wurde, verabschiedeten
wir uns von der Wanderin, die zufällig unseren Weg gekreuzt und für
einen angenehmen Abendplausch gesorgt hatte, und ließen die ins
sonnenuntergangsrot getauchte Müllhalde hinter dem verschlossenen
Reißverschluss unseres Zeltes zurück. Aber keine Angst: wir schlafen
nicht zwischen Autoreifen und Elektroschrott, sondern auf einem von
violetten Wildblumen überwachsenen, hügeligen Grasland, aus dem nur
vereinzelte weiße Rohre hinaufstaksen und von der Schrott-
Vergangenheit der Hügel zeugen. Wir sind keine 10 Minuten von der
Hochburg der Antiklädchen, Hudson, NY, entfernt, wo wir gestern Mittag
ankamen. Nachdem wir am Donnerstag vom Motel in Poughkeepsie
aufgebrochen waren, hatten wir eine gute Strecke bis zum Norrie
Nationalpark zurückgelegt und dort auf einem Campingplatz unser Lager
aufgeschlagen. Auch wenn die zurueckgelegte Strecke nicht so weit war, hatten wir recht lange gebraucht – beim Roosevelt-Haus hatte ich vorgeschlagen, einen Wanderweg abseits der lauten und vielbefahrenen Strasse zu nehmen, der ein Stueck parallel und hinunter bis zum Hudson ging. Das war zwar sehr schoen, aber leider nicht nur sehr bergig, sondern auch nur fuer Wanderer ausgelegt, und so wuchteten wir unsere Raeder durchs mueckengeplagte Land – zwischen Auto- und Wanderwegen liegt offenbar nicht so viel Moegliches. Entsprechend fertig waren wir auf dem Campingplatz, und froh, uns dort in Ruhe entspannen zu koennen und endlich unseren Kocher einzuweihen. Am Freitag machten wir uns ohne wirkliches Ziel auf den Weg, folgten der Strasse (und der ein oder anderen kleineren Route, zB in Rhinebeck, wo man tatsaechlich ernstzunehmende Radrouten auszuzeichnen in der Lage war) und erreichten schliesslich Tivoli, ein huebsches kleines Staedtchen, dessen Ende man schneller erreicht hatte, als es zuerst geschienen hatte. Da sich direkt an den Ort ein grosser Nationalpark anschloss, machten wir uns dorthin auf, um vielleicht einen Platz fuer unser Zelt zu finden. Nun, Plaetze haette es gegeben, legale leider nicht, und der Park wird zum Sonnenuntergang geschlossen. Da wir ausserdem schlauerweise keine Lebensmittel fuer ein Abendessen besorgt hatten, war die Aussicht auf eine dortige Nacht nicht so famos. Nach einigem Ueberlegen (zurueck nach Tivoli, doch hier bleiben und hungern?) entschlossen wir uns, noch ein kleines bisschen weiter zu fahren, etwa drei Meilen weiter sollte das Village mit dem uns beinah ironisch vorkommenden Namen Germantown kommen. Kam es auch, und es ist tatsaechlich von Deutschen gegruendet worden (es gibt „Ottos Groceries“), ist saubergeputzt und ordentlich wie das Klischee es will – und ein auesserst huebsches Hotel gab es auch. Das leider ausgebucht war. Der Besitzer war jedoch sehr zuvorkommend: unterrichtet ueber unsere Lage (und dass das Inn 5 Meilen suedlich nicht wirklich verlockend war) bot er an, dass wir im Garten des Hotels zelten koennten, und die Toiletten koennten wir selbstverstaendlich auch benutzen. Uebergluecklich schlugen wir unser Zelt auf, deckten uns bei Ottos mit den leckersten Veggi-Burgern ein die wir je hatten und sassen mit Bier im Garten des Hotels, den Blick auf eine weitlaeufige Wiese (nur ein Haus von der „Hauptstrasse“ entfernt).
Nachdem gestern dann der Weg leider wieder zurueck auf die grosse Route 9 fuehrte, fassten wir einen Entschluss: so machte das Radfahren schliesslich keinen Spass, wir wuerden in der naechsten Stadt, Hudson, eine Autovermietung suchen und zumindest das Stueck bis Saratoga Springs ueberspringen, um dann entspannter in den Adirondacks umher fahren zu koennen. Wir erreichten die Stadt just, als eine Gay Pride-Parade die Hauptstrasse hinablief, Alternative die Strassen bevoelkerten und sogar die oertlichen Kirchen ihre Akzeptanz zeigten. Kurzum, wir fuehlten uns wohl hier, und beschlossen, eine Nacht zu bleiben und dann unseren Autoplan zu verfolgen. Nachdem die Parade uns passiert hatte, fanden wir die einzige Autovermietung – die bereits fuer das Wochenende geschlossen hatte. Und zu allem Unglueck waren saemtliche Hotels und B&Bs ausgebucht, weil gerade eine grosse Hochzeit in der Stadt sei. Verzweifelt gingen wir an der Hauptstrasse zu einem Haus, von dessen Dach vorher bei der Parade ein paar gutgelaunte Menschen hinabgerufen hatten, wo wir hin unterwegs waren, und fragten, ob sie vielleicht einen Ort zum campen wuessten. Wussten sie, und das ueberfreundliche Maedchen mit Hut, das dort wohnt (und im Antikladen darunter arbeitet), schnappte sich kurzerhand ihr Rad und begleitete uns zu ebenjener ehemaligen Muellhalde, wo wir unsere letzte Nacht verbrachten. Aber damit nicht genug: als sie von unserem Plan hoerte, meinte sie: „nach Saratoga Springs, da kann ich euch morgen auch hinfahren, ich habe einen Fahrradtraeger“. Ob sie ohnehin dorthin fahre? Nein, aber das sei ja nur anderthalb Stunden mit dem Auto, wir sollten am naechsten Morgen vorbeikommen und unser Zeug dort abstellen, zum Nachmittag wuerden wir losfahren.
Nun, die Menschen sind eben gut, und das Maedchen mit Hut offenbar auch – jetzt sitzen wir in ihrer Wohnung, waehrend sie den Vormittag bei einer Baby Shower verbringt, und gleich freuen wir uns ueber eine auessert bequeme Fahrt weiter gen Norden ins schoene Saratoga Springs, wo wir planen, einen Tag Pause zu machen.

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Der Tag, an dem wir den Hudson und die Apalachen (fast) überquerten

Dieser eine Moment war mehr als genug Lohn für die Strecke des
gestrigen vormittags. Unsere vollbepackten Rennräder rasten 6
Kilometer am Stück abwärts, fraßen all die Höhenmeter auf, die wir
vor der Mittagspause auf dem 7-Lakes-Driveway erstritten hatten, und
plötzlich lichtete sich der Wald nach einer Kurve der abfallenden
Apalachen-Ausläufer und gab den Blick auf den mächtigen, breiten
Hudsonriver frei. Überwältigt von der Schönheit hielten wir inne,
Freudentränen in den Augen, aßen einen Müsliriegel und machten uns
dann weiter an die Abfahrt.
Aber ich habe ein bisschen Zeit übersprungen – wie sind wir da hin
gekommen?
Die letzten Tage in New York vergingen schnell, die Freiheitsstatur
schleust einen durch Menschenmassen von Schlangen und Security, und
den Abend gönnten wir uns „Bullets over Broadway“, ein Woody Allen
Musical (mit Zach Braff) am selbigen Broadway.
Am Montag packten wir dann unsere Sachen, dankten unsrem Host in
Montclair mit Früchten und Schokolade und verzweifelten, als wir
feststellten, dass nicht mal der Outdoorladen in Montclair
Gaskartuschen für unseren Kocher hatte, und schafften es schließlich
am Nachmittag zur Bahnstation Bay Street. Der Plan war, mit Umstieg in
Secaucus die Metrolinie bis Sloatsburg direkt hochzunehmen, und noch
am selben Tag in den dort anschließenden Nationalpark Richtung
Nordwesten zu radeln. Nun, auf der ersten Bahn nach Secaucus war das
kein Problem, die Schaffner staunten über unseren Plan, eine Drei-
Generationen-Passagiergruppe zählte sich zu den Believern unseres
Vorhabens und half uns an der Station, die Räder rauszuheben. In
Secaucus mussten wir jedoch feststellen, dass wir in die Peak-Hours
gekommen waren, in denen die Fahrradmitnahme nur in Ausnahmen (= leere
Züge) mitgenommen werden dürfen. Man müsse den Main Conductor fragen
– oder eben bis 8 warten, wenn die Peak Hour vorbei ist. Nach einigen
vergeblichen Versuchen, hin und her Rennen zwischen den Bahnsteigen
(was bei dem Lärm der vermutlich zwei Jahrhunderte alten Bahnen kein
Spaß war) ließ der Schaffner der letzten On-Peak Bahn (um 7) uns in
die Bahn. Der Schaffner im hinteren Teil der Zug war allerdings, was
man landläufig ein gebürtiges Arschloch nennt – ließ uns die Räder
samt Gepäck hochkant stapeln damit auch ja keiner beim
Durchgehen behindert würde, und gab uns nicht etwa vorher, sondern
erst an der Station Sloatsburg zu verstehen, dass unsere Tür nicht
öffnen würde und wir die Räder quer durchs Abteil quetschen müssten.
Nun, wir waren in Sloatsburg, und der Lärm der Metopolregion lag
hinter uns. Mit etwas Hilfe entschieden wir uns und fanden den 7-Lakes
Driveway, der uns gleich in den Nationalpark führte. Kaum einen
Kilometer im Park hatten wir bereits einen Reiher und zwei Rege aus
nächster Nähe gesichtet (bisher zum Glück noch keinen Bären). Da es
bereits dunkelte, stoppten wir nach 3 km am Visitor center und
schlugen unser Zelt auf. Nach New York und der Straße am Haus in
Montclair war diese Nacht großartig, wir hörten nur das Rauschen
eines Baches, in dem wir uns am nächsten Morgen wuschen und gewöhnten
uns langsam an die Lichter der Glühwürmchen.
Gestern dann der hügelige Weg durch den Park, dann überquerten wir
den Hudson auf einer imposanten Brücke und ärgerten uns sehr über
den folgenden „Biketrail“, eine abgewrackte Straße mit zu schmalem
Seitenstreifen und zu vielen Autos. Irgendwann wollten wir nur noch
runter und zur Metrostation Manitou, von wo wir bis Poughkeepsie
kommen wollten. Als wir sie schließlich gefunden hatten (die wohl
kleinste Bahnhaltestelle die ich je sah) fuhr der Zug einfach an uns
vorbei. Und dann waren wir in der pm Peak Hour und wir wussten ja was
das bedeutet. Also sahen wir uns nach einem Platz zum campen um,
fanden aber nur Privatgrundstücke. In unserer Verzweiflung klingelten
wir und fragten beim dritten Haus, wo man uns öffnete. Erst wollte der
Bewohner uns eine Empfehlung zum campen geben, mit Blick auf unsre
erschöpften Gesichter wies er uns den Weg in den erstaunlichen Garten
mit Blick auf den Hudson (bestes Grundstück Ever).
Um es kurz zu machen, das hier namentlich nicht erwähnte Paar (die
nebenbei gesagt die Schwiegereltern des Paypal-Gründers waren) ließ
uns nicht nur im Garten campen sondern boten uns Essen und Trinken an,
plauderten mit uns im Garten bei Blick auf den abendlichen Hudson und
bereiteten uns zum Morgen (zu Chilis Freude) einen Kaffee. Die
Gefallen die sie uns taten aufzuzählen, würden den Rahmen des Blogs
sprengen. Sie waren unsere Rettung.
Heute brachen wir dann nach einem gemütlichen Morgen und Bad im Hudson
River auf und erklommen den Berg zur Route 9 zurück, die noch ein
genauso beschissener Trail war wie zuvor. Entsprechend froh waren wir,
das gemütliche Cold Spring zu erreichen, und dort gar Gaskartuschen
für unseren Kocher zu bekommen – und kurz darauf die von freundlichen
Schaffnern bevölkerte Bahn, die uns nach Poughkeepsie brachte: eine
unspektakuläre, zu große Stadt, in der wir nur mit viel Mühe ein
Motel fanden (dessen Hotelier sich nach unserer Geschichte vom viel zu
hohen Preis um gut 40$ auf ein akzeptables Niveau runterhandeln ließ).
Da sind wir also nun, genießen Dusche und Bett und überlegen, wie wir
die kommende Strecke meistern werden. Es wird sicher anstrengend –
doch die Trails sollen Radfreundlicher werden. Wir werden sehen – aber
jetzt sind meine Finger lahm.

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New York, New York

Wir sind auf einer tropischen Insel gelandet. Manhattan trieft,
Morgendliche Regenschauer verdrängen die Hitze nur kurz, und die
Temperaturen lassen sich nur noch steigern, wenn man in die von
Maschinenmonstern des letzten Jahrhunderts belebten U-Bahnschächte
absteigt.
So langwierig und unkomfortabel die tägliche Fahrt mit dem New Jersey
Transfer gen Penn Station New York auch ist, wir sind doch ganz froh,
zum Abend diesen menschenwuselnden Moloch hinter uns zu lassen und
nach Montclair zu fahren – einer kleinen, lebendigen Stadt mit
hübschen Kaffeehäusern und Parks, irgendwo zwischen Suburbia und
Kleinstadt, an der Peripherie der Metropole gelegen, wo unser
Couchsurfing Host wohnt, der sich aus dem Weg geht um uns ein paar
Tage Unterschlupf zu gewähren. Der Drehbuchautor mit schier
unendlichem Wortstrom versorgt uns nicht nur mit Anekdoten und
Wegbeschreibungen, sondern nahm uns vorgestern auch mit zu seinen
irischen Eltern: der pensionierte Vater repariert alte Fahrräder und
verschenkt sie an bedürftige Kinder in der Stadt, und hatte zufällig
gerade zwei hübsche Räder im Garten stehen, die er uns für 100$
überließ – wir werden sie, seiner Idee gemäß, in Toronto an Leute
verschenken, die sie gebrauchen könnten.
Die Zeit auf Manhattan (die anderen, riesigen Teile New Yorks haben
wir nicht mal ansatzweise erforscht) verbrachten wir mit:
– Sich wundern, wie viel Geld man für wie wenig Dinge ausgeben kann
– aufs Empire State Buildung hochfahren
– kaum 25% des gigantischen Central Parks durchstromern und da ein
Softeis für 7$ genießen
– in einer Ausstellung von Nathan Sawaya aus Legosteinen gebaute
Dinosaurierskelette bewundern
– wegen meiner Kartenlesefähigkeiten und einer U Bahn die so selten
kommt wie ein Landbus in Mecklenburg Vorpommern die Möglichkeit
verpassen, beim Nuyorican Poetry Slam auftreten
– New York cheesecake essen
– das Geflacker auf dem Time Square versuchen, irgendwie bewusst
wahrzunehmen
– auf einer stillgelegten Hochbahn-Trasse, der Highline, zwischen
Bäumen und Beeten spazieren
– eine Wette abschließen, wer mehr Selfies-schießende Menschen
fotografiert
– von Brooklyn aus über die gleichnamige Brücke gen Manhattan
Downtown laufen, auf Autos herab gucken und die Skyline vor sich sehen
– in einem gut versteckten Geschäft für Zaubereibedarf von einem
Verkäufer mit Kartentricks beeindruckt werden
– Viertel von New York sehen, die so gar nicht dem stereotypen Bild
der Stadt entsprechen
– Amerikanisches Bier trinken und unsrem Host deutsches Bier mitbringen
– zwei Tage auf unser von Lufthansa verschlamptes Gepäck warten und
dann ohne angebliche telefonische Vorwarnung um 6 Uhr früh aus dem
Bett geklingelt werden
– das WTC Memorial zwischen Baustellenzäunen hervorblitzen sehen
– von freundlichen Menschen ein Busticket ausgegeben bekommen weil wir
mal wieder vergaßen die Karte aufzuladen

Zweieinhalb Tage haben wir noch in dieser riesigen Stadt, die wir
damit natürlich nicht mal ansatzweise kennengelernt haben, aber dann
wollen unsere Fahrräder getestet werden. Mehr (und Fotos) folgen,
versprochen.

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Ich packe meinen Koffer…

Irgendwann juckt es dich wieder, denn irgendwie hat man ja nie genug gesehen. Da ist man die letzten Monate mit einem Gedichtbuch und einer Reisetasche quer durchs Land gereist und hat sich geärgert, dass der Käse im Kühlschrank schon wieder verschimmelt ist, während man auf Tour war; hat sich gerade noch gefreut darüber, ein paar Tage am Stück im gleichen Bett zu schlafen. Und plötzlich findet man sich wieder, wie man andere Taschen packt, Isomatten flickt und sich den ersten Kompass seines Lebens kauft. Die Aufregung lässt mich unkontrolliert auf und ab hüpfen wie ein kleines Kind nach dem Schuhe putzen am 5. Dezember, während ich Zwischenmietverträge unterschreibe, als wäre ich jetzt ein richtiger Erwachsener. Schön, wenn man irgendwo dazwischen sein darf. Chili und ich werden morgen das wenige, was wir mitnehmen werden, in die begrenzten Taschen, die wir zur Verfügung haben, stopfen, um am Dienstag die Stadt unter uns kleiner werden zu sehen. Die schönsten Dinge in unserem Gepäck:

Ein Kompass
Ein frisch geflicktes Zelt
Kein Laptop
Ein Tachometer
Selbstgedruckte Landkarten
Vorfreude
Eine Handvoll Rezepte
Notizbuch samt Füller
Beinkleider für 4 Zwecke
und ein Reiseplan, der gebrochen werden will.

Das klingt mehr nach Wildnis, als es sein wird. Es wird: anstrengend, stereotypebestätigend und streitprovozierend, aber es wird auch: Schönheit, Antistereotyp und Bereicherung.
Ich werde, wann immer sich die Möglichkeit bietet, auch dieses Mal wieder mit Freuden davon berichten, und vielleicht schaffe ich es diesmal sogar, mich kürzer zu halten. Die nächsten zwei Monate werden spannend.
Erster Stopp: New York City.

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6 Klimazonen auf 60 Kilometern

Locker sechs Klimazonen entdeckten Torben und ich auf unserer 10-Tage-Wanderung über die wunderschöne Ostseehalbinsel Fischland-Darß-Zingst. Gut, was das tatsächliche Klima betraf, war es meistens einfach nur kalt. (Zu sehen an den Schals.) Aber was die Vegetation betraf, die Aussichten, die Gerüche und Geräusche, hätten wir uns genauso gut durch sechs verschiedene Länder bewegen können – mit Grenzübertritten alle gefühlte halbe Stunde, vor allem im Darßer Ort. Dinge, die nicht auf Fotos passen: Der Geruch des Moors, die Anstrengung, gegen starken Küstenwind Fahrrad zu fahren, die Kälte der Luft auf einem Leuchtturm, das Erstaunen, viele große und kleine Tiere, der angenehme Effekt eines heißen Tees aus der Thermoskanne. Alles andere, ohne viele Worte, hier auf Fotos:

Die Steppe. (Hohe Düne auf Zingst)
Hohe Düne ZingstDünengras Zingst
Alaska. (Eingefrorene Aussichtsplattform und eisbedeckter Bodden auf Darß)
Gefrorene Plattform DarssEis-Bodden Darss
Der Morrast. (Moorwald auf Darß)
Moorlandschaft ZingstMoor-Laub-Wald Darss
Skandinavischer Nadelwald. (Darß)
Fruehling-Herbst DarssTorben Perrucho im Darsser WaldDarsser Nadel-Wald
Serengeti. (Darßer Ort)
Darsser Serengeti-PanoramaDarsser Serengeti
Englische Steilküste. (Okay, das war nicht auf Fischland-Darß-Zingst, sondern Rügen – daher auch das Nazi-Kurbad Prora dadrunter)
Kreidekueste RuegenKreidefels RuegenNazi-KurSchneekueste Darss
Antarktische Inseln? (Das ist schwer vergleichbar. Auch Darßer Ort)
Darsser Schneekueste PanoramaNationalparksgrenzeDarßer Ort

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Berge und britische Burgen

Jahrhundertelang mussten die Bewohner hinter Englands Steilküsten sich vor den französischen Feinden hinter dem Steilküsten-Äquivalent am anderen Ende des Kanals beschützen. In Abständen von nur ein paar Dutzend Kilometern reihen sich an der Kalkküste Südenglands mehrere Festungen, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umfunktioniert und neugenutzt wurden. Wie es die Freizeiten zwischen den Kursen ergaben, besuchten wir sowohl die Küste als auch ein paar der Burgen – die ehrlich gesagt ohne die Audioguides mit Überlänge spannender sind. Castle of DeanDas Castle of Dean steht keine zweihundert Meter vom Steinstrand entfernt, und ist deshalb so flach gebaut, wie es damals nur möglich war. Ein wenig in der Erde versenkt, mit einem Schutzgraben, und in runde, rosenförmige Mauern gehüllt. LandhausburgBurg-LandhausEin gutes Stück weiter westlich wurde ein weiteres Schloss mit der Zeit zu einem typisch britischen Landhaus eines lokalen Fürsten umfunktioniert. Läuft man durch das Innere, wähnt man sich zwischen Himmelbetten und holzvertäfelten Dinnersälen, bis man das Gebäude verlässt, und von dem der Queen gewidmeten Garten auf die alte Festung blickt. Ganz um die Ecke findet sich das kleine, hübsche Städtchen Sandwich, wo die Bürgersteige schmaler als ein paar Füße sind, und man nach einer Stunde Suche ein 5£-teures Sandwich bekommt, das aus ungetoastetem Toast und geraspeltem Cheddarkäse besteht. (Das Sandwich wurde übrigens tatsächlich dort erfunden, von Lord Sandwich, der sein Brot immer auf diese Weise orderte.) Zuletzt dann die Burg von Dover, einem herrlichen großen Bau, der über eine hässliche Hafenstadt blickt. Von der Römerzeit bis zum zweiten Weltkrieg wurde sie immer wieder belebt und genutzt, was sich in der gesamten Architektur widerspiegelt. Der römische Leuchtturm, das mittelalterliche Hauptschloss, die Renaissance- und viktorianischen „Neu“-bauten, die wartime-tunnels, in denen tausende von britischen und französischen Soldaten vor den deutschen Angriffen Unterschlupf nahmen.
Römischer Leuchtturm in DoverDover CastleDover Castle und Natur
Direkt daneben finden sich die White Cliffs von Dover, gigantische, weiße Kalkklippen, die teilweise bis zu 100 Meter zum Meer abfallen. In einem Natuschutzgebiet drumherum schlenderten wir die Küste entlang, nur wenige Fuß vom Abgrund, der aufgrund des porösen und untertunnelten Gesteins ständig in Abbruchgefahr schwebt. Das Bild mit mir am Abgrund ist allerdings bei Broadstairs entstanden, wo sich die Klippen in weniger weißer Form fortsetzen, mit ein paar weniger Tunneln und ein bisschen festerem Gestein. Dort verbrachte ich einen sonnigen Sonntag mit Meerspaziergang, Klippenfotos und Dichtung am/übers Meer. Was will man mehr.
Dover CliffsHundert Meter SteilkuesteJesko vor den CliffsJesko am AbgrundKalkformationPassion
Und damit gingen meine drei Wochen in England zuende, gekrönt von drei Erkenntnissen: England ist viel Regen und durchschnittliches Essen… aber dafür auch erstaunlich viel schönes Grün, weiße Klippen, blaues Meer. Man soll ja schließlich immer das Positive sehen.

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Baden, Bräuche und ein bisschen Bath

Natürlich blieb unser Wochenende nicht vom großen „“R““ verschont. (Siehe letzter Beitrag). Am lang geplanten Trip am Samstag kam es gar so weit, dass wir kurzfristig unsere Badesachen anzogen und unter argwöhnischen Blicken durch die Wassermassen tauchten.
Doch ich greife vor. Broadstairs' MöwenDie Woche war nämlich tatsächlich eigentlich recht regenfrei, und zwischen bzw. nach den Vormittags- und Nachmittags-Sprachkursen konnten wir uns die Sonne in für England ungeahnten Ausmaßen auf den Kopf prallen lassen. Zwischen den allgegenwärtigen Seemöwen gingen wir an den Strand unseres Städtchens Broadstairs Broadstairs' Beachund konnten sogar im (natürlich immer noch kalten) Meer schwimmen. Aber neben dem Auskurieren meiner Erkältung und Sonnen am Strand arbeitete ich natürlich auch an einer Präsentation für meinen Kurs, und nahm nebenher noch ein wenig Kultur mit – erwähnenswert vor allem Shakespeares „As you like it“, hervorragend gespielt und musikalisch untermalt von den Schauspielern des berühmten Globe Theaters, ganz in unserer Nähe, dem Küstenort Margate.
Auch der Freitag blieb noch so schön, dass wir uns ernstzunehmende Hoffnungen auf das Wochenende machen konnten, während wir den Nachmittag in Canterbury verbrachten, einer hübschen kleinen von Kanälen durchzogenen Stadt mit gigantischer Kathedrale (der einzige Grund, warum es sich tatsächlich „City“ und nicht nur „Town“ nennen darf). Ich spare die Worte und verweise auf Fotos.
Canterbury CathedralCanterbury Norman CastleCanterbury WestgatePhonebox / Cathedral

Das Wochenende war dann etwas aufwendiger geplant, und mit Vorfreude seit einigen Tagen organisiert. Zu fünft mieteten wir uns einen Ford Fiesta (ich musste ja nicht hinten sitzen 😉 ) und fuhren nach Stonehenge und Bath. Die erste schwierige Aufgabe für mich als Fahrer war denn, mich mit dem linksspurigen Verkehrs anzufreunden – was leichter ging als gedacht, bis auf das Einschätzen des linken Abstands zum Bordstein, und das Gangwechseln: den das macht man natürlich dann auch mit der linken Hand (mit der man aber trotzdem auch noch den Blinker bedient), während die rechte Hand sich auf dem Lenkrad langweilt. Es brauchte einige Gewöhnung, aber auf der Rückfahrt musste ich schon kaum mehr darüber nachdenken, wohin ich jetzt beim Abbiegen gucken muss. StonehengeWir fuhren größtenteils über Landstraßen, um ein wenig von der Umgebung zu sehen. Leider begann es circa eine Stunde vor unserer Ankunft in Stonehenge zu regnen. In unserer kontinentaleuropäischen Einfalt hatten wir natürlich weder viele Wechselklamotten noch Regenschirme mit, waren aber trotzdem entschlossen, nach Stonehenge zu fahren, einem doch angeblich so magischen Ort, von dem man schon so viel hörte. Bei dem „“R““ wäre eine solche Stimmung natürlich ohnehin schwerer gewerden, aber auch so fehlte das Gefühl, vor etwas „Besonderem“ zu stehen – abgesehen natürlich von der Bewunderung der exakten Bemessung und des steinhauerischen Talentes der Schöpfer des Steinkreises (den man leider auch selbst nicht mehr betreten darf, sondern nur darum herum gehen kann). Stonehenge SwimmingSo zog unsere etwas ungewöhnliche Garderobe im Wasser-reichen Stonehenge auch nur deshalb die Bitte um wiederangezogene Mäntel nach sich, da ja Kinder da seien. (Was machen die denn dann am Strand?)… Dem uns dies ausrichtenden Wachmann war jedoch anzusehen dass er sich über die ungewohnte Abwechslung in seinem Tag freute.
Nach unserem Badeausflug fuhren wir also weiter, passenderweise zu einer Stadt namens „Bath“, benannt nach der dort unter römischer Herrschaft gebauten Badeanstalt. Der römische Einfluss dort war überhaupt in etwa so allgegenwärtig wie der Regen. Zwar hatten wir phasenweise etwas Glück, um auch ein wenig durch die Stadt laufen zu können, den fließenden Übergang zwischen römischer und typisch-englischer Architektur zu bemerken und am Fluss entlangzuschlendern. Meine Schuhe waren jedoch trotzdem letztlich so durchnässt, dass sie auch heute noch nach meiner Ankunft in Broadstairs ziemlich klamm sind.
IMG_2788IMG_2793Britisches Bath
Auf dem Rückweg konnten wir in den Nicht-Regenphasen jedoch sogar noch zwei kurze Stopps an unerwarteten Sehenswürdigkeiten einlegen: einem der „White horses“,IMG_2797 die in England verstreut in den übergrünen Wiesen liegen, und einer 1960 gebauten Kathedrale, die von außen wie ein etwas vergrößertes Backsteinhochhaus aussah und von innen wie eine neugothische Kathedrale (nur viel luftiger). Das alles, kombiniert mit guten Pubdiskussionen am letzten Abend, kompensierten uns dann doch ausreichend für den vielen „“R““ und das etwas enttäuschende Stonehenge.

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Bahn und Bus nach Broadstairs

Das Terminal in Brüssel ist gestaltet wie ein Flughafen – Sicherheitscheck, Passkontrolle, Boarding-Warteraum. Nach einiger Wartezeit wird dann endlich das „Gate“ geöffnet, um den Weg freizugeben, zu einem so normalen Zug auf einem so normalen Bahngleis, dass der letzte IC in Oberfranken dagegen noch daherkommt wie ein Raumschiff. Nun gut. Der internationale Regionalexpress macht sich auf und ich fahre durch belgische und französische Landschaft zum großen Tunnel, der so unspektakulär daher kommt wie jeder Moseltaltunnel – nur ein wenig länger geht. Eine halbe Stunde später sehe ich auf der britischen Seite des Kanals wieder Tageslicht, und werde von meiner französischen Sitznachbarin darauf hingewiesen, dass wir mitnichten schon in 10 Minuten in London sind, weil wir hier eine Stunde Zeitverschiebung haben. Ihr seht, ich bin gut vorbereitet: keinen Reiseführer gelesen, keinen Steckdosenadapter dabei, aber immerhin in Brüssel schon ein paar Euros in Pfund umgetauscht.
In London angekommen kämpfe ich mich durch den Nahverkehr aus Tube und Doppeldeckerbussen zu einer Kommilitonin Giovannas im Süden der Stadt, wo ich für diese Nacht unterkommen durfte. Der Plan, abends noch in Tanzveranstaltungen Londons Nacht zu sehen, geht irgendwo zwischen interessanten Gesprächen und (für England) erstaunlich gutem Bier unter, während die 7 (!) Katzen des im Industriezeitalterstil gehaltenen Hauses an den Fenstern miauen. Samstag vormittag holten wir zumindest ein wenig nach, gingen in den Greenwichpark und lächelten über die Touristen am Meridian, die hier „one foot in the west and one in the east“ stehen. Die Aussicht auf London ist unterdes herrlich, viktorianischer Stil verbindet sich mit modernen Hochhäusern. Natürlich fängt es ein wenig zu regnen an, wir sind ja in England. Es fängt immer irgendwann zu regnen an. Wir gehen zu einer Markthalle, wo gleich zu Beginn ein brasilianischer Churro-Bäcker unsere Aufmerksamkeit fängt. Nachdem ich Constanze genug davon vorgeschwärmt habe, plaudere ich ein wenig mit dem Brasilianer, der einen iberischen Akzent im Spanischen hat, und freue mich dann wie ein Kind über die mit Dulce de Leche gefüllten Churros. Der Unterschied zu Lateinamerikanischen Märkten: als ich im Vorbeigehen aus Versehen an die Schulter eines Briten stoße, entschuldigt ER sich dafür.
Mit dem Bus (deutlich günstiger als die Bahn) fahre ich Mittags von London nach Broadstairs, einer 25.000-Einwohnerstadt im Südosten Kents, also gleichzeitig so weit südöstlich, wie es in Englang eigentlich nur geht. Als ich ankomme, regnet es. (Da das wohl noch häufiger vorkommen wird in den kommenden Einträgen, werde ich ab jetzt „es regnet“ mit „“R““ abkürzen.) Ich finde die Wohnung meiner Hostfamily, wo ich die nächsten drei Wochen wohnen werde – meine Hostmum Diana (kann ich mir einfach merken, meine Hostmum in Michigan damals heißt auch Diana) ist noch nicht da, der andere International English Student in ihrem Haus, ein Franzose mit entsprechendem Akzent, öffnet mir die Türe. Ich wohne nun in einem hübschen Zimmer mit Gartenblick, höre bei geöffnetem Fenster die Möwen. Diana (die uns sämtlich meist mit „Darling“ und „Sweetheart“ anredet) und ihr Sohn Neall sind furchtbar nett, beim Abendessen schwingen die Unterhaltungen von Rumblödeln zu Unterhaltungen über die Weltwirtschaft. Dabei ist interessanterweise der gerade 15-jährige Sohn am aktivsten. Ich schenke ihm mein kürzlich ausgelesenes Buch „23 Things they didnt tell you about capitalism“. Auf der Fensterbank stehen trotzdem Lego-Star Wars-Figuren von ihm.
Heute dann mein erster Tag im Hilderstone College, wo ich einen akademischen Englischkurs belege. Leider bin ich erkältet (im Juli!) und habe entsprechend schlecht geschlafen, meine Konversationsfreudigkeit muss erst durch Kaffee gepimpt werden. Nach allen nötigen Einführungen landen wir in einer netten Arbeitsgruppe und fahren nachmittags noch mit einer kleinen Bustour in die umlegenden Orte. Ramsgate, eine schöne Hafenstadt, wird uns nur für kurze Zeit überlassen (immerhin sehen College-Kollegin Maria und ich sowohl Innenstadt als auch Strand, durch zufälliges abbiegen auf unserer kurzen Streunerei), am Shopping-Centre wird fast doppelt so lange Pause eingelegt. Nicht wenige von uns Studienstiftlern finden das ein wenig schade – drei zu spät zum Bus zurückkommenden Mädchen haben jedoch H&M-Tüten in der Hand. Manche Leute kann man so einfach glücklich machen. Mich auch, aber eher hiermit:
RamsgateRamsgate Queens HeadRamsgate Beach