Asturias und das Universum

 

Der Stein ist so glatt, als wäre er geschliffen und poliert, rote Adern ziehen sich im Licht unserer Taschenlampen durch den Fels. Tropfende Stalagmiten versperren uns immer wieder den Weg, um unsere Füße spritzt das Wasser von im Schatten verbliebenden, gefluteten Stellen. Und dann dringt das bläuliche Licht zu uns, wo die Höhle sich unversehens zum offenen Meer öffnet. Mächtige Wellen schwappen den Stein hinauf. nur wenige Meter von uns entfernt, stürzen wasserfallgleich laut rauschend wieder zurück.
“Das ist eine Kathedrale”, murmelt Confianza beeindruckt, während ihre treue Hündin Gaia vorsichtig hinter Sosiego tapst. Wir stehen minutenlang auf einem leicht erhobenen Teil der unterirdischen Höhlen, nur wenige Minuten vom Küstenpfad entfernt, ohne ein Schild dass auf das kleine wunder hinweist (eine lokale Wanderin hatte uns darauf hingewiesen), und bewundern, wie die immer stärker werdenden Wellen in die Höhle spülen.
“Kann es sein, dass die Wellen immer stärker werden?”, frage ich nach einer Weile, weil gerade Ebbe ist, und das sich ja auch in der Regel irgendwann ändert. Sosiego nickt bedächtig und meint, vielleicht sollten wir dann doch besser mal zurückgehen. Wir stolpern zurück ans Tageslicht der asturischen Küste, stumm vor Bewunderung. Sogar Gaia scheint ein wenig kontemplativer zu sein. “Wie gut, dass wir den Umweg über die Küste genommen haben”, kommentiert Confianza, “nach den ganzen Landstraßen Kantabriens wollte das Universum uns etwas zurückgeben”.
Tatsächlich ist Asturien wieder einiges schöner zu laufen als die langen Aspahltstrecken in der Nachbarregion. Ich schlafe in der Hängematte mit Blick aufs Meer, morgenwandere unter einem unendlichen Sternenhimmel, bade an Stränden, laufe durch Eukalyptuswälder, stets mit den Piques de Europa in Sichtweite. Und während das belgische Rentnerpärchen, die mir seit einigen Tagen immer über den Weg laufen, auch den hässlichsten Straßenweg vorziehen, so lange der Weg schneller und die dort vorhanden Restaurants und Herbergen “sehr sauber und gar nicht teuer” sind (was ihr Hauptkriterium ist), lohnt es sich eben manchmal doch, sich Zeit und Kilometer zu gönnen.
So wie einige Tage später, als ich zur Siesta in der Hängematte eingeschlafen bin und von Gaias neugieriger Schnauze geweckt werde. “Jesko!”, ruft Confianza, “ich wusste doch dass wir uns nochmal über den Weg laufen!”.  Sie schläft meistens draußen, wir hatten unterschiedliche Geschwindigkeiten nach der Höhle eingeschlagen, aber “das Universum”, sagt Confianza, und wir laufen Richtung Villaviciosa. “Weißt du, worauf ich mal wieder Lust zu Essen hätte? Linseneintopf!”, meint sie irgendwann aus dem Blauen heraus, was zwar ein witziger Gesprächsanfang ist, aber meine zustimmung erfährt. Ich möchte an diesem Abend noch nach Amandí kommen, einer Empfehlung von Mariposa folgend. “Ich glaub ich suche hier schon was”, verabschiedet sich Confianza, “aber wir werden uns schon noch wieder sehen.” Wir tauschen trotzdem Nummern, falls das Universum anderweitig beschäftigt ist.
Als ich in der wunderbaren, familiären Herberge ankomme, wo eine vier Monate Alte Katze um meine Beine streift, Hühner gackernd über den Hof rennen und die Hospitaleros mit strahlenden Augen beim gemeinsamen Abendessen von der Vielfalt ihrer Gäste berichtet, schreibe ich Confianza, das noch Platz hier ist, und auch Gaia (eine der wenigen Ausnahmen von meiner tendenziellen Abneigung gegen Hunde) kommen dürfe. Keine halbe Stunde später stehen die beiden auf dem Hof, die andere Herberge ließ sie nicht mit Hund hinein, dankbar setzt sie sich zu uns an den Tisch. Es gibt Linseneintopf. “Das Universum!”, sagt Confianza. Leider hat das Universum in dieser Nacht auch beschlossen, ihre Oma den Kampf mit dem Krebs verlieren zu lassen. Zum Glück ist sie heute nicht irgendwo alleine im Zelt, stellen der Hospitalero und ich fest, wir machen Tee mit hausgemachtem Honig, weil das immer hilft, Confianza erzählt uns, was für ein Mensch ihre Oma war. Am nächsten Tag wird der Hospitalero, für den der Camino eben nicht hauptsächlich ein Geschäft ist, sie nach Oviedo fahren, damit sie von dort nach Hause kommt. “Estoy bien”, sagt Confianza zum Absched, “zum Glück hat das Universum mich gestern abend hierher geführt”. Vielleicht wird sie den Rest des Weges später weiter machen, Finisterre (ihr eigentliches Ziel, denn wer braucht schon Santiago) wartet auch auf sie. Wer weiß, vielleicht werde ich sie ja dort wieder sehen, am Ende der Welt. “Das Universum”, wird Confianza dann voller Zuversicht sagen. Und Gaia wird gemütlich um uns herumtapsen, als wäre es das Normalste der Welt.

ZUSAMMENFASSUNG: Endlich wieder schöne Landschaften jenseits der Landstraßen, eine Meereshöhle bei Ebbe (zum Glück), der Zusammenhang von Linseneintopf und dem Universum, Gaia – die Ausnahme meiner Hunde-Abneigung, eine familiäre Herberge und ein Todesfall.

2 thoughts on “Asturias und das Universum

  1. oh wie cool, eine Ente (2CV) 🙂 Bist du auch damit gefahren (worden)? Schöne Bilder und ein blaues Haus wie manche aussehen in USA. Du schaust jedoch eher kritisch in die Kamera; ich hoffe das lliegt an der Sonne und nicht an dder Laune… oder vielleicht höchstens daran, dass es nicht immer spaßig ist- insbesondere dann, wenn man vom Tod unbekannter Großeltern erfährt; die einen dennoch traurig stimmen, zumal man die Verwandten dieser kennt und auf dem Weg begleitet hat. Gut, dass wir noch menschliche Gefühle zeigen können und Trost spenden können; egal wie und auf welche Weise.
    Gute weitere Erlebnisse und Begegnungen und vor allem stets Achtsamkeit vor heimtückischen evtl. Gefahren und sei es nur Ebbe und Flut in unterirdischen Sehenswürdigkeiten. Danke für deinen Anruf zu meinem Geburtstag. 🙂 Ich denk an dich! Nanni

    • Nee, die Ente bin ich nicht gefahren 🙂 Da war ich gar nicht kritisch, das war die Sonne – kritisch passt eher zum nächsten Beitrag… Aber auch das gehört ja zum Camino dau.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *