Lake Champlain oder wie man durch Unglück tolle Leute kennenlernt

Die Tage, an denen wir verzweifelt einen Schlafplatz für die Nacht
suchten, sollten noch nicht vorbei sein. Dabei hatten wir doch extra
in Boston Campingplätze für die nächsten vier Tage rausgesucht, um
nicht wieder kurzfristig auf ein teures Hotel umsteigen zu müssen.
Während wir jedoch unseren Mietwagen Richtung Norden zurück fuhren,
verriet uns die der Anrufbeantworter des Little River Camps, dass sie
für die nächsten 2 Wochen völlig ausgebucht sein – immerhin war ja
die Woche des 4. Juli, da sind wir nicht die einzigen Camper. Wir
entschieden uns, trotzdem dorthinzu fahren und persönlich zu fragen,
vielleicht wüsste man ja dort einen alternativen Platz in der Nähe,
immerhin hatten wir ja noch die letzte Nacht ein Auto. Wir nahmen
also, wie zuvor notiert, den Exit 10 auf der Interstate 89, fanden
dahinter jedoch weder die erwartete Route 10, noch den Campingplatz,
sondern landeten in einem kleinen Ort am See, in dem es nicht viel
mehr gab als einen Grocerie Store und ein Inn. Das ältere Pärchen,
das wir bei ersterem fragten, schlugen überrascht die Hände an den
Kopf: “You’re in the wrong state!” riefen sie theatralisch, “ihr seid
nicht in Vermont, sondern in New Hampshire!”. Wie wir später
herausfanden, hätten wir einfach die I89 eine Weile weiterfahren
müssen und dann den Exit 10 nehmen müssen – die werden nämlich in
jedem Staat neu durchnummeriert. Nach ein bisschen rumtelefoniere
stellte sich heraus, das auch alle Campgrounds hier in der Gegend voll
waren, und so fragten wir verzweifelt den Inn-Besitzer, ob man nicht
(gegen Geld) das Zelt im Garten des Inns aufschlagen könne. “Da oben
ist eigentlich genug Platz”, sagte er, “aber das müsst ihr mit dem
Kerl abklären, dem ich die Hütte dort vermietet habe, sein motorrad
steht da, er müsste also zuhause sein.”
Der Motorradfahrer war ein netter Kerl, der damit überhaupt keine
Probleme hatte, aber er müsse seine Freundin fragen, die gerade noch
in einer Gärtnerei arbeite aber bald zurück kommen müsse. Wir
hinterließen dankend unsere Nummer und gingen eine Runde in dem
herrlich erfrischenden See schwimmen – bis er vorbeikam und meinte,
das ginge klar, und wir könnten gerne das Zelt aufbauen. So
verbrachten wir einen Abend am wunderschön ruhigen, warmen See,
unterhielten uns mit dem Motorradfahrer und der Gärtnerin, bestaunten
ihre herrlich eingerichtete, wohnliche Hütte und schlugen unser Zelt
auf.
Am Mittwoch mussten wir dann das Auto in Burlington zurückgeben und
packten dort wieder unsere guten alten Räder, die die letzten Tage eng
im Kofferraum verstaut verbracht hatten. Diesmal hatten wir
tatsächlich eine Reservierung für einen Campingplatz auf der Insel
South Hero im Lake Champlain ergattern können, und so fuhren wir
hochmotiviert los. Nachdem wir endlich Burlingtons Zentrum erreicht
und den highway hinter uns hatten, wurde es die wohl schönste Strecke
unserer Tour. Wir aßen Tortellini in der Burlingtoner Fußgängerzone,
ließen uns dann zum Ufer runterrollen und stießen dort auf den
Burlington Bikeway, der diesen Namen wirklich verdient – eine alte
Bahntrasse, die in einen Fuß- und Radweg umgewandelt wurde. Am
nördlichen Ende der Bucht geht der Weg weiter auf eine aus Schutt
aufgebauten, reich bepflanzten Passage, auf der früher die Bahn den
gut 4 Meilen Abschnitt See bis zur Insel überbrückte – und den wir
nun in voller Ruhe hinabradeln durften, bei Ausblick auf den riesigen
Lake Champlain. Kurz vor Ende der Passage überbrückt eine Radfähre
die Lücke, die für passierende Schiffe gelassen wurde, und so kamen
wir glücklich beim Camp am Südende der Insel an, welches den Tag noch
runder machte. Viel Platz, grüne Wiese, Seeblick und ein kleiner
Strand… Da wir für morgen eh noch keine Bleibe hatten, entschieden
wir uns, zwei Nächte zu bleiben. So war vorgestern ein schöner,
Gepäckfreier Tag, an dem wir über die Insel fuhren, Maplesoda von
einem kleinen Bauernhof tranken, schwammen und uns gemütlich Mittag
kochten. Abends brachen leider alle Regenwolken auf, so dass wir in
eine Gemeinschaftshütte flüchteten, dort aber dafür ein junges
Kunstleherpärchen trafen, die mit uns Billard spielten,
Schauermärchen erzählten und uns lokalen Blüten-Gin spendierten. So
hatte der Regenschauer doch noch etwas Gutes – auch wenn der Regen die
ganze Nacht immer wieder kam, einige unserer Sachen durchnässte und
eine der Zeltstangen unterm Wassergewiht brechen ließ. (Zum Glück
nicht so schlimm, dass es nicht flickbar wäre).
Mit entsprechender Wetteraussicht fuhren wir gestern los, um eine
passable Strecke bis nach Alburg (dem nächsten Camp) zurück zu legen.
Das Wetter meinte es jedoch gut mit uns und wir blieben on größerem
Regen verschont – weil der starke Wind es alles an uns vorbeischob
bevor es abregnen konnte. Leider hieß das 26 Meilen Gegenwind auf den
drei Inseln, die wir überquerten, und das auf einer längst nicht so
schönen Strecke wie zuvor. Hätten wir keine Reservierung für Alburg
gehabt, wir hätten wohl vorher aufgegeben. So jedoch erreichten wir
das Camp voller Wohnmobile von Hausgröße (viele scheinen ganz hier zu
wohnen), genossen Pool und Sandstrand mit herrlichem Blick über den
See, an dessen Rotgefärbtem Himmel die Unabhängigkeitstag-Feuerwerke
am Horizont von einem guten Dutzend Städte aufleuchteten. Kompensation
für einen langen Tag: gelungen.

2 thoughts on “Lake Champlain oder wie man durch Unglück tolle Leute kennenlernt

  1. Oh mann, immer wieder gibts es tolle Erlebnisse zu lesen- das Übernachten dort scheint auch stets spannend zu sein und nicht vorhersehbar- wo es dann tatsächlich stattfindet. Schön, dass es dennoch fast immer nette Menschen gibt, die euch unterstützen. Ich hoffe ihr bleibt auch weiterhin von übleren Dingen verschont und habt noch eine brauchbare Zeit. Ich erwarte noch ein paar nette Fotos. Kommt da noch was?
    Lieben Gruß von Susanne

  2. Hallo Jesko,

    danke dass Du uns an allem so teilhaben läßt, das macht es uns etwas leichter, Dich so in der Ferne zu haben.

    Schön, dass es neben schwierigen Wegstrecken auch immer wieder leichtere gibt, wo man einfach so “herunter rollen” kann, das verschafft einem dann wieder eine gewisse Leichtigkeit für den nächsten schwierigen Aufstieg, der bestimmt kommen wird.

    Sei weiterhin behütet und gesegnet auf Deinen Wegen!

    Paps

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