Kategorien
camino Reiseblog

Zwischenstimmung

 

Für jede Landstraße
Kommt am Meer ein Pfad
Für jede Bergetappe
Folgt ein leerer Tag
Für jeden Sporthallen-Schlafsaal
Eine warme Decke
Für jedes Pilgermenü
Eine Brombeerhecke
Für jedes schweißnasse Shirt
Einmal täglich waschen
Und für jede echte Suche
Einmal überraschen
Für jeden Kampf um Herbergsbetten
Ein geschenkter Kaffee
Und für fünfundzwanzig Straßenköter
Ein wildes Reh
Für jeden schwer gefundenen Weg
Gibt’s Bäume übersät mit Pfeilen
Für jeden Nachts-Schnarcher
Einen Mensch zum Weg teilen
Für jeden Schmerz im Knie
Einfach weiter bewegen
Für jede Fußblase
Einmal Tanzen im Regen
Für jedes Chlor-Wasser
Eine Flasche Vino
Für jedes Industriegebiet
Zweimal „buen camino!“

Kategorien
camino Reiseblog

Euskadi

 

Es gibt kein Dorf der letzten zwölf Tage, in dem nicht mindestens eine Mauer die Umrisse des Baskenlands trug. „Baskische Gefangene zurück ins Baskenland!“, reklamieren sie, und an manchen Orten haben nur radikale Tierschützer den ETA-Schriftzug mit einem vorangestellten P noch verwandelt. Dieser Tage, in denen ich mich der Grenze des Baskenlands nähere, wird mir nochmal die Eigenheit dieser Region bewusst. Die Straßenschilder tragen zwei Namen, die grummeligen Basken grüßen dich mit einem Laut, der nach „Hopa!“ klingt (hey, das ist baskisch, keine Ahnung was die da tatsächlich sagen), und im Brot stecken kleine Fähnchen mit der baskischen Flagge. Spanische Reisende sind selten, und nur jene Basken, die selbst einst pilgerten, bauen freundliche Stände am Wegrand auf um den Wanderern Kaffee und Melonen anzureichen. Zugleich: was für ein schönes Land! Die grünen Berge und verträumten Dörfchen bieten eine unvergleichliche Kulisse, und manchmal kommt man gar in einen Ort wie Portogalete, wo zwischen den Industriegebäuden der Vorstädte Bilbao überfreundliche Bäckerinnen, um 7 Uhr morgens betrunkene Café-Besucher und Kaffee-Servierer dich mit einem gutgelaunten „Buen Camino!“ und einer Schokoladen-Muschel im Cappucino begrüßen. Guernica hingegen, das angebliche einstige Herz des Baskenlandes, bevor Franco und die Nazis es dem Erdboden gleich machten, ist (nicht zuletzt eben deswegen) eine eintönige Kleinstadt. Ganz anders dafür Bilbao – zumindest die Altstadt. Hübsche Gässchen, eine surreale Bibliothek, das humorvoll platzierte vegane Café in der Calle de la Carniceria Vieja… Beim Mittagessen auf der Plaza werden Sorpresa und ich freudig überrascht, als Busqueda auftaucht, die wir zwei Tage zuvor auf dem Weg verloren hatten. Für sie endet die Reise hier, Bilbao ist ihr Endpunkt. In Eskerika war sie zwei Tage geblieben, in der privaten, aber von der Jakobusgemeinschaft empfohlenen Herberge die schön und ruhig schien, da die Unterkunft in Bilbao ein mehr als überteuerter Spaß ist. Leider  betreibt diese Herberge ein Mensch, der es offenbar okay findet, alleinreisende Frauen auf gruselige Weise zu belästigen. Busqueda verbrachte die Nacht im Zelt mit dem Messer neben dem Kopfkissen und brach im Morgengrauen auf, um anderem Grauen zu entgehen. Es spricht für das Kharma, dass ein alter Bekannter ihr in Bilbao eine Unterkunft bei einer Familie organisierte, die sie liebenswürdigst bekochte und versorgte und ihr so eine gute letzte Erinnerung an den Camino besorgte. Es war ein herzlicher, erster Abschied, als Busqueda in Bilbao blieb, und wir uns weiter auf den letzten Abschnitt Euskarias machten. Meinem Knie geht es derweil wieder besser, die steilsten Abschnitte des schönen Baskenlands liegen hinter mir und mir wird bewusst: langsam werde ich immer mehr Pilgerbekanntschaften zurücklassen, die nicht den ganzen Weg gehen werden (oder ihn in der Hälfte der Zeit zurücklegen). Die G’muatlichkeit ist bereits auf dem Heimweg, Busqueda verbringt die letzten Tage in Bilbao, und auch Sorpresa wird in einer handvoll Kilometer andere Wege gehen. Der Camino wird anders sein, ohne diese Menschen, die ihn mit dir begannen.

Wem ich sonst so begegnete:
– George, der eigentlich nicht George heißt, aber mich dafür Peter nennt, tagsüber ein begrenzt spannender Bibliothekar ist, aber nach dem zweiten (oder fünften) Cidre (oder Bier) eine Partie Chess zu Guess verwandeln kann
– Mariposa, die sich mitten in einer Transformation von der Werbeagentur zur Yoga-Lehrerin befindet
– den spanischen Erdgas-Pensionär, der sich über Klimawandel und baskischen Nationalismus wundert
– den allwissenden Erzähler, der ein Guidebook über den Camino del Norte schreiben will aber kein Spanisch kann, dafür aber die Belegungspläne aller Herbergen zu kennen glaubt

ZUSAMMENFASSUNG:
Baskischer Nationalismus, Portogalete (das freundliche, aber hässliche Herz Euskarias), ein belästigender Hospitalero in Eskerika, Abschied von Busqueda, ein nerviger allwissender Erzähler.

Kategorien
camino Reiseblog

Espíritu.

 

In der Kathedrale von Deba ist es kühl. Hinter der Statur eines christlichen Pilgers geht ein kleiner Gang in den säulengesäumten Hof; abstrakte Bilder an der Wand. Mittendrin steht Espiritu, eine Pilgerin aus der Herberge, gedankenverloren die Bilder betrachtend. Ihr rotes Kopftuch leuchtet im Kontrast zu den grauen Steinmauern. Sie sieht sich jede Kirche auf dem Camino an, oft begegne ich ihr, aber irgendwie schafft sie es, nie auf einem der Fotos in den mittelalterlichen Kirchen zu sein. Es gibt unzählige Motive, den Jakobsweg zu laufen, und für viele ist es nicht unbedingt ein christliches. Die Kirchen auf dem Weg sind architektonisch interessant, die Dankbarkeit für die Gastfreundschaft in ihnen ist groß, doch häufiger ist ein Ansatz wie jener von Busqueda: einen wie auch immer gearteten spirituellen Punkt in sich finden, die Welt aus einer anderen Perspektive sehen.
Gestern fanden Busqueda, Sorpresa und ich Unterschlupf in einem 500 Jahre alten Kloster, irgendwo in den Bergen hinter Markina. Vor dem Abendessen versammelten sich alle sechs betagten Mönche zum Gottesdienst in der überdimensionierten Kathedrale, die leicht schiefen Töne ihrer Gesänge purzelten durch die alten Gemäuer. Der Zahnlose verkaufte uns verträumt lächelnd hofgemachte Dulce de Leche. Es war mehr ein Relikt vergangener Zeiten, das diese sechs Verbliebenden aufrecht erhielten.
Wie viel stärker war da die Seele der kleinen sechseckigen Kirche auf dem Weg nach Guernica, deren Altar ein mächtiger, prähistorischer Fels war, der den Raum physisch und emotional ausfüllte. Die Verbindung aus Natur und Spiritualität; das, was für viele Menschen diesen Weg ausmacht.
Auch ich bin nicht (nur?) hier für die potentielle spirituelle Erkenntnis. Ich nutze halbtägige Pausen in Deba für eine Kanufahrt mit den Menschen, die derzeit meinen Weg teilen, genieße Aussichten und setze einen Fuß vor den anderen. (Mit inzwischen verbessertem Knie, wie Sorpresa nach einer 20 Kilometer langen Etappe zum Kloster gestern überrascht feststellte.) Ich laufe schweigend, unterhalte mich über Literatur, übersetze anderen Pilgern in den Herbergen oder genieße Abende wie jenen in der abgelegenen Herberge in den Bergen hinter Deba, an denen Sorpresa Schach lernt, Joven sich für den weinfreundlichen Vater schämt und Busqueda irische Lieder von der Sehnsucht singt. Ist das ein Pilgerweg, oder nutze ich nur die Infrastruktur eines hunderte Jahre alten Christenbrauchs aus? Eine Frage der Perspektive; sicherlich. Aber vielleicht geht es beim Jakobsweg ja auch gar nicht um die Kirche, in der die unfotogene Espiritu auf Gebetsbänken sitzt. Sondern um die Wege, die man dazwischen zurücklegt, und die Menschen, die dabei ein Stück von sich selbst neben die Jakobsmuschel in deinen Rucksack legen.

Kategorien
camino Reiseblog

Zwang zur Langsamkeit

(Zusammenfassung am Ende!)

 

Schon der erste Schritt am Hang hinter San Sebastian lässt mich schmerzvoll zusammenzucken. Zweihundert Höhenmeter habe ich noch vor mir an diesem Tag, doch mein linkes Knie steckt meine Nerven in den Schraubzwinger, zerrt ein bisschen hier und da und haut dann nochmal mit dem Hammer drauf. Nicht cool, Knie, sage ich, mein Knie antwortet „me da pincha, kannste mal sehen wie das ist, dich die ganze Zeit durch die Gegend zu tragen!“, und macht weiter. Entsprechend habe ich die letzten Tage mein Tempo und meine Tageskilometer ein bisschen reduziert, freue mich über die Erfindung namens Iboprofen und jammere bei Treppen abwärts vor mich hin. Außerdem helfen mir die Kniebandage „Bendeja“ und der Bambusstock „Salvador“ durch die Hänge des Baskenlandes.
„Wie gehts dem Knie?“, ist entsprechend die erste Frage von Busqueda, die ich später in einem ehemaligen Kloster in Zumaia wiedertreffe, wo die Ruhe eines ummauerten Hofes die Schallwellen der Tapas-Bars und Straßenfeste ausschließt und eine Pilgerin Gitarre spielt. Geht schon, flunkere ich. „Wie war San Sebastian?“. Busquedas Neffe Sebastian starb vor Kurzem bei der Geburt, in der Stadt seines Namensvetters suchte sie nach einem angemessen An- oder Gedenken. Sie fand es nicht. San Sebastian heißt eigentlich Donostia.

Immer wieder trifft man Leute, die zuvor den Weg oder die Herberge teilten, das G’muatlich-Pärchen, Pipi Langstrumpfs Freunde (Tommi und Annika), die geisterhafte französische Familie. Auch in der Herberge in Orio, wo die Allmächtige als Hospitalera mit Hangaussicht vom Apfelbaumgarten und Essen und Wein im Gartenhaus beglückt, treffen die Wege wieder aufeinander; heute in Deba erwarte ich schon fast, in der Unterkunft im Bahnhofsgebäude das eine oder andere bekannte Gesicht zu sehen. Die schönste Mittagspause heute in Iziar: Mit Sorpresa und Sandwich an der Straßenecke des winzigen Bergdorfes sitzen, in dem sich die Vorbereitungen eines Sommerfestes auf der Straße tümmeln. Ein alter Mann mit Schiebewagen, auf dem eine Anlage baskischen Schlager spielt, ein Polizist mit Baskenmütze, dessen größte Sorge es ist, den abgewürgten Getränkelaster am geparkten Lebensmittel-Wagen den Berg hoch zu bringen, der dritte Pilgerer, der in die falsche Straße geht. Das Kopfsteinpflaster riecht nach Sommer und Bier, die im Wind baumelnden Fähnchen sind handgemacht.
Was sonst noch geschah: Umwege gegangen und Hängematte genossen, Strandpromenaden und Esel-Weiden, Schmerz und Erleichterung. Und vermutlich zu viele Espressi.

Zusammenfassung: Kniebedingte Wegverkürzung, Wiedersehensfreude mit anderen Pilgerern, Herbergen mit Hängematten und Hangaussicht, alten Klostergemäuern und rückseitigen Bahnhofsgebäuden, Mittagspause inmitten eines baskischen Sommerfestes.

Kategorien
camino Reiseblog

Gratwanderung

 

Zweihundert Meter fällt der Fels, schräg und glatt, rechts von mir bis zum Ozean ab. Links, neben den fußbreiten Steinen, über die ich mich Dank im Fels befestigten Seilen fortbewege, beinah ebenso weit durch Gestrüpp und Stein hinab. Ein Alternativ-Weg zum offiziellen Camino, nicht beschrieben in den Reiseführern – ich sehe, warum. Doch der Blick macht alles wett. Als ich nach dem ersten steilen Aufstieg auf einer Weide stehend zum ersten Mal aufs Meer blickte musste ich laut lachen vor Freude. Ein schwerer Weg lässt einen Dinge ganz anders wertschätzen.

Von Irun, meinem Startpunkt heute morgen, wo ich gestern nach meiner Bahnfahrt in der ersten Pilgerunterkunft zwar ein Bett, aber nicht allzu viel Schlaf gefunden hatte, wanderte ich zunächst zu dem ebenfalls abseits der Route liegenden Hondarribia, einer mittelalterlichen Baskenstadt, deren schmale Kopfsteingässchen und bunte Fischerhäuschen die Kulisse meines zweiten Frühstücks boten. Dann ging es steil hinauf, bis auf einen von alten Wachtürmen bestückten Grat, durch brombeertragende, farnumwedelte Wälder und über besagten Felsweg. Kaum glaubten die protestierenden Füße, dass es irgendwann noch hinab gehen sollte, als sie schließlich sanft schmerzend das Ein-Straßen-Dorf Pasaia erreichten. Eine Plaza, eine Fähre zum zweiten Teil der Stadt, 2000 Einwohner die sich alle persönlich zu kennen scheinen und eine Herberge in der Rückseite einer am Berg gelegenen Kapelle.
Senora Cariña und Senor Abuelito (wie stets verrate ich keine wirklichen Namen) sind die unglaublichsten (ehrenamtlichen!) Herbergseltern. Dass sie sich nicht angeboten haben, die 14 untergebrachten Pilgerer nach San Sebastian zu tragen, liegt vermutlich einzig daran, dass sie niemand fragte. Schon um halb fünf ist die Herberge voll, Nachkommende werden an Hostels weiterempfohlen. „Gestern haben sie schon um 13 Uhr gewartet, bis wir um 16 Uhr aufgemacht haben!“, erzählt Cariña, und dabei sei das ja noch wenig hier im Vergleich zum Camino Frances. Ich bin froh, auf diesem Weg zu sein – und zu den ersten 14 zu gehören. Cariña und Abuelito offenbar auch: ich bin der Einzige, der den diversen nicht-spanisch-sprechenden Deutschen übersetzen kann (denn Abuelitos Englisch ist vor allem gut gemeint). „Können wir dich adoptieren?“, fragt Cariña während wir die Wäsche anderer Pilger von der Leine reinhängen, weil es zu regnen begann. Ich unterzeichne schnell die notwendigen Papiere und bin jetzt offiziell Spanier und Sohn von Cariña und Abuelito (die natürlich nicht mal ein Paar sind). In Cariñas Vorstellung zumindest. 🙂

Wen ich sonst noch auf dem Weg traf:
– Ein schwangeres Pärchen
– Busqueda, eine verwirrte Musikerin die vor der Herberge in Pasaia nach Hinweisen suchte, ob sie schon in San Sebastian ist
– Ein Lehrer, der in vier Wochen den gleichen Weg wie ich in acht Wochen laufen will, aber das gleiche Tempo wie ich drauf hatte (und mit mir den Alternativweg am Grat erklomm)
– Die G’muatlichkeit, ein Pärchen aus dem Schwarzwald, das mir noch einige Mal über den Weg läuft, obwohl sie jeden Tag sagen sie wollen nicht so viel laufen, und gönnen sich eher ein Hostel als die Herbergen (gemessen daran begegne ich ihnen wirklich häufig und freue mich an ihrer G’muatlichkeit)

Die Kirche Santa Ana, die mein Ein-Nacht-Zuhause geworden war (was für einen Unterschied zwei Hospitaleros machen können!), verschwand am Hang von Pasaia früh am nächsten Morgen, als ich im Nebel der Bucht mit der Fähre übersetzte und mich auf den Weg nach San Sebastian machte. Die verwirrte Musikern ließ ich bald hinter mir, während ich die bewaldeten Serpentinen an den Atlantikküstenhängen durchschritt. Der Küstenweg schlängelte sich noch nachtnass vor mir, und hinter mir tauchte Sorpresa auf, mit Schlamm auf den Hosen und einem Grinsen im Gesicht. „Ich sollte vielleicht doch nicht die Flip Flops tragen!“, sagte Sorpresa wie von ihrer eigenen Erkenntnis überrascht, wechselte zum richtigen Schuhwerk und füllte ihre Flasche an der Wasserquelle auf an der ich saß. Die verbleibenden, wenigen Kilometer bis San Sebastian legten wir gemeinsam zurück, und entschieden uns halb spontan, trotz mittäglicher Ankunft den Rest des Tages in San Sebastian zu bleiben, uns früh einen Platz in der Herberge, einer im Sommer ungenutzten Schule, zu sichern und uns von der Stadt überraschen zu lassen. Mein linkes Knie dankte es mir – unerwarteterweise sind es nämlich offenbar nicht Blasen, die meine größte Herausforderung sein werden, sondern eine vom auf- und vor allem abwärtslaufen strapazierte Kniescheibe. Was soll ich sagen, sie tut wirklich weh. Und das noch so kurzer Zeit. Ich war überraschter als Sorpresa, die mir eine Kniebandage lieh um sie vorerst etwas zu stützen.

San Sebastian also. Eine europäische Großstadt, wie europäische Großstädte eben so sind: eine Altstadt, ein Zentrum mit guten Restaurants und hohen Häusern, ein Park, ein Kulturzentrum in einer ehemaligen Fabrik; um ehrlich zu sein, mehr als diesen einen Tag braucht es nicht wirklich. Natürlich, wirklich entdecken wird man die Stadt erst mit Wochen und lokalen Kontakten – aber ob man nun einen oder zwei Tage bleibt, wird wenig ändern. Was die meisten europäischen Großstädte hingegen nicht haben: Einen Weststrand an dem man schwimmen (oder besser: gegen die Wellen springen) kann und sich ein Sandwich-und-Cidre-Abendessen bei Sonnenuntergang können kann. Pilgerleben Enthaltsamkeit? Schon, aber eben auch mal mit Überraschungen, kurzen Wandertagen und Stränden. Und der Hoffnung an sich bald anpassende Knie für die nächste Gratwanderung – Richtung Gernika.

Kategorien
camino Reiseblog

Sterne und Steine

Europa zieht an meinem Fenster vorbei, in schweigenden Laubwäldern und Heuballen-bestückten Wiesen, in Kirchturmspitzen-durchsähten Dörfern unter blau-weißen Himmeln. Während ich mit Hochgeschwindigkeit über sich durchs Land schlängelnde Schienen rase und Grenzen überquere, die man nur noch auf Karten sieht, spricht man hinter mir arabisch, vor mir französisch, gegenüber deutsch.
Bahn fahren durch Europa ist immer eine hübsche Art zu reisen. Ja, ich bin sehr lange unterwegs, um überhaupt zu meinem Startpunkt zu kommen. Sicherlich wäre ich im Flugzeug schneller und vermutlich zu einem ähnlichen Preis ans Ziel gekommen.
Doch zugleich: Wenn ich auf einer Reise, die ich großteils zu Fuß meistern will, die Langsamkeit entdecken will – ist da der TGV nicht schon an der Obergrenze der Geschwindigkeit? Beim Ziel, die Ferne zu spüren, die ich zurücklege, die Weite dieses Winzlings Europas, der aus dem Bahnfenster sich auf lange Strecken doch erstaunlich gleicht; auf dem Weg nach Irun.

Und nicht zuletzt konnte ich mir auf diese Weise einen Zwischenstopp in Paris gönnen. Den Dienstagabend verbrachte ich zwar großteils damit, die (richtige) Jugendherberge zu finden, doch heute blieb mir dafür bis zum Nachmittag Zeit, durch Montmartre zu schlendern. Die klassischen Sehenswürdigkeiten kannte ich schon von vorigen Besuchen und lief so an Sacre Coeur und Moulin Rouge recht zufällig vorbei – wie es überhaupt meine Lieblings-Stadterkundung ist. Ebenso zufällig stolperte ich so auch auf ein mir bisher unbekanntes Prachtstück: Den Friedhof des Montmartres. Menschenleer zur Morgenstunde versteckte er sich dort unter einer Autobrücke, die Kreuze der Grabmalkathedrälchen vergangener Jahrhunderte kratzten an der Unterseite des grünen Metalls. Der Geruch moderner Pflanzen aus den halbleeren Containern für vergangenes Gedenken beherrschte die von weichem Stein gesäumten, rutschigen Kopfsteinpflaster wie die streunenden Straßenkatzen ihren Stammkiez. Dort liegt Hector Berlioz, hier eine unbekannte Dame aus dem letzten Jahr.
Ich muss an den Patenonkel denken (der nicht wirklich mein Patenonkel ist, aber das ist kompliziert), der kürzlich an einem allen verschwiegenen Tumor starb. Er wird keinen gothischen Kathedralenturm haben, der sich dem Tod entgegentrotzend an Pariser Gässchen schmiegt – aber er hatte eine lange Reihe von Menschen, die die Schwere von seinem Grab nahmen, in die Tasche steckten und ihm dafür einen Gedanken hinterließen. Zusammenhalt lässt sich nicht in Stein hauen.

Kategorien
camino Reiseblog

Leichtes Gepäck, langer Weg

Sieben Kilogramm werden mich in den nächsten zwei Monaten begleiten. Ein kleiner Rucksack, ein bisschen Kleidung, Hirschtalg, Schreibzeug, viel Wasser und ein paar gute Schuhe. Ich habe jedes Stück einzeln auf die Waage gelegt, und bei jedem überlegt ob ich es tatsächlich brauche.
Die Wohnung vermietet, die Tasche gepackt, die Füße trainiert. Und ich, ich schaue aufgeregt und mit nervöser Vorfreude auf 60 Tage und 860 Kilometer.
Der Camino del Norte.

Warum ich das mache? Selbstfindung, sportliche Herausforderung, Reiselust, Urlaub, Inspiration… Von allem ein bisschen.

Mehr gibt es in den nächsten Monaten hier. Wenn ihr Mailbenachrichtigungen bekommen wollt, Wann immer ich etwas neues zu schreiben habe, trägt einfach die mailadresse links ein und bestätigt den link in eurem Postfach.

Kategorien
Reiseblog

Hoch oben, tief unten und auf der Grenze

Der Thüringer Wald war bisher immer ein bisschen ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Völlig zu Unrecht wie sich dieses Jahr herausstellte, bei gleich zwei Gelegenheiten.
Nachdem ich über Ostern mit der Familie den südlichen Wald und Erfurt erkunden konnte (was für ein süßes Zuckerbäckerstädtchen!) war ich nun auf meinem diesjährigen Jahresurlaub mit meinen allerbesten Alma erneut in Thüringen – im Nationalpark Hainichenwald. Quartiert in einem hübschen kleinen Holzhaus in Palumpaland, an einem sonnenuntergangsverwöhnten Stauseestrand, bekam ich ausgiebig Gelegenheit, meine neuen wanderschuhe zu testen.
Drei Highlights:
1) Hoch oben auf dem Baumkronenpfad, inmitten des Thüringerschen Urwalds. 50 meter unter uns das Unterholz, neben uns die vögeldurchzwitscherten Kronen hundertjähriger Bäume
2) Auf der alten Grenze zwischen Thüringen und Hessen, Ost und West, wo ein langer Streifen Grün sich zwischen wachturmbedeckten, schwitzenderreichbaren Bergspitzen und sonnengoldnen Rapsfeldern entlang schlängelt; eine 12-Kilometer Rundweg Schönheit (was keine sinnvolle Entfernungsangabe ist wenn es immer wieder auf dem Schild am Rande des Weges steht)
3) Tief unten, zwischen moostriefenden Felswänden in der Klamm der Drachenschlucht bei der (deutlich weniger spannenden) Wartburg. Der Fluss unter unseren Füßen, eine schmale Spur Himmel über den Köpfen, die schönste Fabelfelsschlucht vom Fluss in den Stein gefräst.
Alles Weitere ergibt sich aus den Fotos. Genug neidisch gemacht. Fahrt dort hin. Lohnt sich.

Kategorien
Reiseblog

Sechs Tage, Sechs Länder: mit dem Team1World durch den Südosten

Wenig Schlaf, viele Eindrücke, weite Strecken, und keine Minute Zeit für den Block. Klingt nicht nach Urlaub? Nein. Reisen.
Nachdem ich in Sarajevo angekommen war, stieß ich zum „TEAM1WORLD“, mit dem ich die nächste Woche verbringen sollte. Das Ganze ist ein Projekt, das Südosteuropa zusammenführen soll, indem jungen Menschen aus aller Herren Länder die Möglichkeit gegeben wird, in einem Auto voller anderer Nationalitäten diese vielseitige Region zu bereisen. Chili und ich hatten einen der begehrten Plätze dieses Reisestipendiums bekommen, und teilten uns die Tour: Chili reiste mit dem Team von Berlin über Nürnberg, Berchtesgarden, Venedig und Zadar nach Sarajevo, ich übernahm ab dort. So traf ich am 7.8. auf das Team, mit dem ich die nächste Woche verbringen würde. Neben Chili und einer anderen Deutschen („Let’s see how it goes“), die das Team ab Sarajevo verließen, waren das Serendipity aus Italien, Nafaka aus Bosnien-Herzegowina und Saudades aus Portugal. (Die Namen, die ich ihnen hier gebe, waren ihre Lieblingswörter aus verschiedenen Sprachen: Serendipity = unerwarterer, positiver Zufall auf Englisch, Nafaka = täglich änderliches Schicksal auf Bosnisch, Saudades = das Gefühl, etwas / jemanden zu Vermissen auf Portugiesisch). Zusammen erlebten wir Sarajevo, eine Stadt, die noch immer zahllose Narben des Krieges trägt: Einschusslöcher in Häuserfronten, endlose muslimische Friedhöfe mit den Todeszahlen 1992-1995 und das Museum Srpnitza, das uns zerstört und verzweifelnd ins grelle Sonnenlicht zurückstolpern ließ.
Doch selbstverständlich bot die Stadt auch Schönes: die herrliche muslimische Altstadt, einen Sonnenuntergang mit Muezzin-Gesang von der gelben Festung aus über die Stadt blickend, hervorragende Jazzmusiker in einer Kellerbar. (Fotos siehe letzter Post).

Am 9.8. schließlich ging es los: Wir packten unsere eng gepackten Sachen in den Fiat, verabschiedeten uns von Chili und „Let’s see how it goes“ und fuhren gen Norden. Team1World unterwegs in Bosnien
Schon bald erreichten wir Serbien, wo wir im kleinen, unerwartet hübschen Novi Sad pausierten (und es spaßeshalber mit den Augen eines Marketeers sahen).
Mondän in Novi SadWandmalerei in Novi Sad
Novi Sad – Seeding Art, Shopping and Cuisine

Einen langen Grenzübergang später erreichten wir spät am Abend Budapest, wo wir (wie zuvor in Sarajevo) in einer vom Team1World bezahlten Unterkunft totmüde zu Bett fielen. Doch an Ausschlafen nicht zu denken – in Budapest erwarteten uns am nächsten Tag viele weitere Missionen: Wir besuchten die „Invisible Exhibition“, in der wir in die Welt blinder Menschen eintauchten, in völliger Finsternis unsere Umgebung ertasteten und Gerüche und Geräusche plötzlich ganz anders wahrnahmen. Einen Umweg über die Fischerbastei nehmend entdeckten wir dann das „Hospital in the Rocks“, einen Krankenhausbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, später als Atomschutz-Krankenlager ausgebaut, in verzweigten Tunneln unter der Stadt. Geigerzähler und OP-Besteck versetzen einen nicht eben in eine leichtfertige Stimmung. Ein kurzer Besuch im herrlich alternativen Szimpla und wir waren bereit für die Thermen – wie anders kann man den Flair dieser Stadt sonst fassen?
Budapest FestungSzimpla in Budapest
Wie stets erwarteten uns auch andere Missionen, diesmal der Blick des Autors (was mir natürlich entgegen kam), und die Anregung, uns von Budapest für einen fiktiven Roman inspirieren zu lassen. Hier der erste Absatz von „The Blind Bunker“:
The siren screamed ghostly like a dying whales‘ last breath through the dust-shaken alleys of Budapest. The dirt laid like a sandstormed carpet on my face, as my feet found their way through the shredded remains of the Jewish Quarter. The odour of bombs and burned flesh still hung in the air, iron and the faint stains of gasoline. I missed the coldstoned smell of the moldy bunker caves.
„The voice, Master“, one of my followers asked anxiously. His steps weak and reluctant without me, as those of all the lucky
survivors, whose eyesight had been destroyed by the nuclear light.
„Where does this noise come from?“
„Radio.“ I grumbled and let my white stick search the ground for the device. Under the blinded, the blind-born is king. I picked up the radio, turned on the spot and went back to this small fortress of mine, the former hospital in the rocks. My blind bunker.

The Blind Bunker

Schon ging es weiter, eine weitere Grenze passiert und in die Slowakei, ein Land voller atemberaubend schöner Berglandschaften, die wir nicht nur an unseren Fiat-Fenstern vorbeiziehen ließen, sondern auch auf einer kleinen Wanderung ins idyllische Vlkolinec entdeckten:
Wanderung in der SlowakeiVlkolinec
Vlkolinec Collage

Der nächste große Stopp war dann das polnische Krakau, wo wir unseren eigentlich nur einen Tag andauernden Aufenthalt um eine weitere Nacht verlängern konnten – endlich genug Zeit, die Stadt richtig kennen zu lernen.
Der erste Tag war jedoch zu großem Teil Auschwitz gewidmet. Es gibt keine angemessenen Worte, dies zu beschreiben, denn auch wenn die Fakten selbst in zahllosen Geschichtsstunden und Arte-Dokus vermittelt werden, ist es doch etwas gänzlich anderes, am Ort dieser Verbrechen zu stehen und den Tod zu spüren. Es ist unmöglich, dies zu beschreiben, oder zumindest unmöglich, das mit meinen eigenen Worten zu tun.
Auschwitz

Umso besser war es, den Rest des Tages mit unseren Gedanken und Gesprächen verbringen zu können, und die Entdeckung Krakows auf den nächsten Tag zu verschieben. Krakow ist eine mittelalterlich geprägte, hübsche Kleinstadt, auf deren Marktplatz wir talentierte Akkordeonisten und Gitarristen bewunderten, uns auf dem Pierrogi-Fest durch die verschiedensten Geschmacksvariationen probierten und an der Festung beim Sternschnuppengucken vom feuerspeienden Drachen überraschen ließen.
Krakow jüdisches ViertelKrakower MarktplatzKrakows NachtSkylineKunst im FreienDer Drache von Krakau

Am 13. schließlich kehrte unser Auto, die letzte Runde des diesjährigen Team1Worlds, nach Berlin zurück. Wenngleich für mich bekannt, konnten wir als Team zusammen doch auch diese Stadt neu erkunden. Wir kochten mit einer Gruppe Flüchtlingskindern in Charlottenburg und hörten Hintergründe zur Kreuzberger Alternativkultur, entspannten uns am Holzmarkt und blickten im jüdischen Museum noch weiter zurück in die Historie des jüdischen Aschkenas.

Was bleibt, nach einer Woche voller Eindrücke? Zusammengefasst in einer Seite unseres gemeinsamen Team1World Reisetagebuches. Mehr zu dem ganzen Projekt findet ihr hier:
Reisetagebuch team1World

Kategorien
Reiseblog

Sarajevo individuell

Da ich die nächsten Tage ohne Computer, dafür mit dem famosen Team1World unterwegs sein werde, hier mal noch schnell die Fotos von meinem ersten Tag in Sarajevo, bei dem ich alleine die Stadt mit all ihren Narben und Verzierungen entdeckte.
Ölraffinerie in der Republika Szrbka
Sarajevo Altstadt
...Hülsen zu Kugelschreibern
Male Daire mitten in der Altstadt.
Früher Bibliothek, heute SenatJesko in mosaikdurchleuchteter Halle…
Bosnische Handarbeit
.,.Ein ganzer Friedhof für 3 Jahre
Friedhof auf Sarajevos Hängen
…..Spuren des KriegsAltes SarajevoIMG_8427