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Gratwanderung

 

Zweihundert Meter fällt der Fels, schräg und glatt, rechts von mir bis zum Ozean ab. Links, neben den fußbreiten Steinen, über die ich mich Dank im Fels befestigten Seilen fortbewege, beinah ebenso weit durch Gestrüpp und Stein hinab. Ein Alternativ-Weg zum offiziellen Camino, nicht beschrieben in den Reiseführern – ich sehe, warum. Doch der Blick macht alles wett. Als ich nach dem ersten steilen Aufstieg auf einer Weide stehend zum ersten Mal aufs Meer blickte musste ich laut lachen vor Freude. Ein schwerer Weg lässt einen Dinge ganz anders wertschätzen.

Von Irun, meinem Startpunkt heute morgen, wo ich gestern nach meiner Bahnfahrt in der ersten Pilgerunterkunft zwar ein Bett, aber nicht allzu viel Schlaf gefunden hatte, wanderte ich zunächst zu dem ebenfalls abseits der Route liegenden Hondarribia, einer mittelalterlichen Baskenstadt, deren schmale Kopfsteingässchen und bunte Fischerhäuschen die Kulisse meines zweiten Frühstücks boten. Dann ging es steil hinauf, bis auf einen von alten Wachtürmen bestückten Grat, durch brombeertragende, farnumwedelte Wälder und über besagten Felsweg. Kaum glaubten die protestierenden Füße, dass es irgendwann noch hinab gehen sollte, als sie schließlich sanft schmerzend das Ein-Straßen-Dorf Pasaia erreichten. Eine Plaza, eine Fähre zum zweiten Teil der Stadt, 2000 Einwohner die sich alle persönlich zu kennen scheinen und eine Herberge in der Rückseite einer am Berg gelegenen Kapelle.
Senora Cariña und Senor Abuelito (wie stets verrate ich keine wirklichen Namen) sind die unglaublichsten (ehrenamtlichen!) Herbergseltern. Dass sie sich nicht angeboten haben, die 14 untergebrachten Pilgerer nach San Sebastian zu tragen, liegt vermutlich einzig daran, dass sie niemand fragte. Schon um halb fünf ist die Herberge voll, Nachkommende werden an Hostels weiterempfohlen. „Gestern haben sie schon um 13 Uhr gewartet, bis wir um 16 Uhr aufgemacht haben!“, erzählt Cariña, und dabei sei das ja noch wenig hier im Vergleich zum Camino Frances. Ich bin froh, auf diesem Weg zu sein – und zu den ersten 14 zu gehören. Cariña und Abuelito offenbar auch: ich bin der Einzige, der den diversen nicht-spanisch-sprechenden Deutschen übersetzen kann (denn Abuelitos Englisch ist vor allem gut gemeint). „Können wir dich adoptieren?“, fragt Cariña während wir die Wäsche anderer Pilger von der Leine reinhängen, weil es zu regnen begann. Ich unterzeichne schnell die notwendigen Papiere und bin jetzt offiziell Spanier und Sohn von Cariña und Abuelito (die natürlich nicht mal ein Paar sind). In Cariñas Vorstellung zumindest. 🙂

Wen ich sonst noch auf dem Weg traf:
– Ein schwangeres Pärchen
– Busqueda, eine verwirrte Musikerin die vor der Herberge in Pasaia nach Hinweisen suchte, ob sie schon in San Sebastian ist
– Ein Lehrer, der in vier Wochen den gleichen Weg wie ich in acht Wochen laufen will, aber das gleiche Tempo wie ich drauf hatte (und mit mir den Alternativweg am Grat erklomm)
– Die G’muatlichkeit, ein Pärchen aus dem Schwarzwald, das mir noch einige Mal über den Weg läuft, obwohl sie jeden Tag sagen sie wollen nicht so viel laufen, und gönnen sich eher ein Hostel als die Herbergen (gemessen daran begegne ich ihnen wirklich häufig und freue mich an ihrer G’muatlichkeit)

Die Kirche Santa Ana, die mein Ein-Nacht-Zuhause geworden war (was für einen Unterschied zwei Hospitaleros machen können!), verschwand am Hang von Pasaia früh am nächsten Morgen, als ich im Nebel der Bucht mit der Fähre übersetzte und mich auf den Weg nach San Sebastian machte. Die verwirrte Musikern ließ ich bald hinter mir, während ich die bewaldeten Serpentinen an den Atlantikküstenhängen durchschritt. Der Küstenweg schlängelte sich noch nachtnass vor mir, und hinter mir tauchte Sorpresa auf, mit Schlamm auf den Hosen und einem Grinsen im Gesicht. „Ich sollte vielleicht doch nicht die Flip Flops tragen!“, sagte Sorpresa wie von ihrer eigenen Erkenntnis überrascht, wechselte zum richtigen Schuhwerk und füllte ihre Flasche an der Wasserquelle auf an der ich saß. Die verbleibenden, wenigen Kilometer bis San Sebastian legten wir gemeinsam zurück, und entschieden uns halb spontan, trotz mittäglicher Ankunft den Rest des Tages in San Sebastian zu bleiben, uns früh einen Platz in der Herberge, einer im Sommer ungenutzten Schule, zu sichern und uns von der Stadt überraschen zu lassen. Mein linkes Knie dankte es mir – unerwarteterweise sind es nämlich offenbar nicht Blasen, die meine größte Herausforderung sein werden, sondern eine vom auf- und vor allem abwärtslaufen strapazierte Kniescheibe. Was soll ich sagen, sie tut wirklich weh. Und das noch so kurzer Zeit. Ich war überraschter als Sorpresa, die mir eine Kniebandage lieh um sie vorerst etwas zu stützen.

San Sebastian also. Eine europäische Großstadt, wie europäische Großstädte eben so sind: eine Altstadt, ein Zentrum mit guten Restaurants und hohen Häusern, ein Park, ein Kulturzentrum in einer ehemaligen Fabrik; um ehrlich zu sein, mehr als diesen einen Tag braucht es nicht wirklich. Natürlich, wirklich entdecken wird man die Stadt erst mit Wochen und lokalen Kontakten – aber ob man nun einen oder zwei Tage bleibt, wird wenig ändern. Was die meisten europäischen Großstädte hingegen nicht haben: Einen Weststrand an dem man schwimmen (oder besser: gegen die Wellen springen) kann und sich ein Sandwich-und-Cidre-Abendessen bei Sonnenuntergang können kann. Pilgerleben Enthaltsamkeit? Schon, aber eben auch mal mit Überraschungen, kurzen Wandertagen und Stränden. Und der Hoffnung an sich bald anpassende Knie für die nächste Gratwanderung – Richtung Gernika.

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Sterne und Steine

Europa zieht an meinem Fenster vorbei, in schweigenden Laubwäldern und Heuballen-bestückten Wiesen, in Kirchturmspitzen-durchsähten Dörfern unter blau-weißen Himmeln. Während ich mit Hochgeschwindigkeit über sich durchs Land schlängelnde Schienen rase und Grenzen überquere, die man nur noch auf Karten sieht, spricht man hinter mir arabisch, vor mir französisch, gegenüber deutsch.
Bahn fahren durch Europa ist immer eine hübsche Art zu reisen. Ja, ich bin sehr lange unterwegs, um überhaupt zu meinem Startpunkt zu kommen. Sicherlich wäre ich im Flugzeug schneller und vermutlich zu einem ähnlichen Preis ans Ziel gekommen.
Doch zugleich: Wenn ich auf einer Reise, die ich großteils zu Fuß meistern will, die Langsamkeit entdecken will – ist da der TGV nicht schon an der Obergrenze der Geschwindigkeit? Beim Ziel, die Ferne zu spüren, die ich zurücklege, die Weite dieses Winzlings Europas, der aus dem Bahnfenster sich auf lange Strecken doch erstaunlich gleicht; auf dem Weg nach Irun.

Und nicht zuletzt konnte ich mir auf diese Weise einen Zwischenstopp in Paris gönnen. Den Dienstagabend verbrachte ich zwar großteils damit, die (richtige) Jugendherberge zu finden, doch heute blieb mir dafür bis zum Nachmittag Zeit, durch Montmartre zu schlendern. Die klassischen Sehenswürdigkeiten kannte ich schon von vorigen Besuchen und lief so an Sacre Coeur und Moulin Rouge recht zufällig vorbei – wie es überhaupt meine Lieblings-Stadterkundung ist. Ebenso zufällig stolperte ich so auch auf ein mir bisher unbekanntes Prachtstück: Den Friedhof des Montmartres. Menschenleer zur Morgenstunde versteckte er sich dort unter einer Autobrücke, die Kreuze der Grabmalkathedrälchen vergangener Jahrhunderte kratzten an der Unterseite des grünen Metalls. Der Geruch moderner Pflanzen aus den halbleeren Containern für vergangenes Gedenken beherrschte die von weichem Stein gesäumten, rutschigen Kopfsteinpflaster wie die streunenden Straßenkatzen ihren Stammkiez. Dort liegt Hector Berlioz, hier eine unbekannte Dame aus dem letzten Jahr.
Ich muss an den Patenonkel denken (der nicht wirklich mein Patenonkel ist, aber das ist kompliziert), der kürzlich an einem allen verschwiegenen Tumor starb. Er wird keinen gothischen Kathedralenturm haben, der sich dem Tod entgegentrotzend an Pariser Gässchen schmiegt – aber er hatte eine lange Reihe von Menschen, die die Schwere von seinem Grab nahmen, in die Tasche steckten und ihm dafür einen Gedanken hinterließen. Zusammenhalt lässt sich nicht in Stein hauen.

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Leichtes Gepäck, langer Weg

Sieben Kilogramm werden mich in den nächsten zwei Monaten begleiten. Ein kleiner Rucksack, ein bisschen Kleidung, Hirschtalg, Schreibzeug, viel Wasser und ein paar gute Schuhe. Ich habe jedes Stück einzeln auf die Waage gelegt, und bei jedem überlegt ob ich es tatsächlich brauche.
Die Wohnung vermietet, die Tasche gepackt, die Füße trainiert. Und ich, ich schaue aufgeregt und mit nervöser Vorfreude auf 60 Tage und 860 Kilometer.
Der Camino del Norte.

Warum ich das mache? Selbstfindung, sportliche Herausforderung, Reiselust, Urlaub, Inspiration… Von allem ein bisschen.

Mehr gibt es in den nächsten Monaten hier. Wenn ihr Mailbenachrichtigungen bekommen wollt, Wann immer ich etwas neues zu schreiben habe, trägt einfach die mailadresse links ein und bestätigt den link in eurem Postfach.

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Englisch Naive Metapoesien der Einsamkeit Ton und Bild

Video: Echo

Aus meiner Zeit in Oslo: „Echo“, begleitet von der Live-Impro Band des Osloer Poetry Slams.

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Fabeln vergangener Kalenderblätter Texte

Rauchpartikel | Dies Mori

Der Morgen glänzte orange auf meinem Küchenparkett
Und wie im Traum hab ich den Tisch gekocht und Kaffee gedeckt
Es war ein Tag wie jeder Andre in meiner Stadt und auf dem Lande
Nur das er sich nicht länger unter meiner Decke versteckt
Am Weg zur U-bahn hab ich zwei Bettlern zehn Euro zugesteckt
Und ich war immer noch nicht arm
Aber die Straße dafür warm
Und in der Bahn da saß ein Kind und zählte Regentropfen weg
Von einer Scheibe an der sie zuvor nicht da waren.

Es war der Tag an dem ich meine eigene Nichtigkeit erkannte
Und der Himmel brannte. Brannte in Orange und rot
Weil die Sonne dort in tausend kleinen Rauchpartikeln tobte
Und uns ein CO2-Naturspektakel bot.

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Naive Metapoesien der Einsamkeit Texte

Vom Dunst nicht vorhandener Schallwellen

Die Luft zwischen uns ist fade
Fadenhaft wie Spinnweben
Fabelhaft zum Sinn geben
Bloß die Schallwellen hier klingen vage
Zwischen uns lagen Jahre
Blauer Dunst,  Farbe Jade
Was wir sagen misst Substanz… Tanz…
Tanzend misst du was du kannst
Und es sind nur… Hundert Zentimeter – zwischen uns…

Doch der frische Dunst
Ist Materie für unsere Worte,  undurchdringlich
Und ich dring nicht hindurch und verschling mich,
Bring dieses Ding nicht hindurch
Find den Sinn nicht, wär Ich auch sinnlich
Doch bin nicht
so kindlich
Und mutig und frei
Um zu sagen was mich stört ist die Wut nicht dabei

Und es ist nicht, dass wir uns wirklich nichts mehr sagen können
Es ist mehr, dass wir uns längst nicht mehr das Fragen gönnen

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Hoch oben, tief unten und auf der Grenze

Der Thüringer Wald war bisher immer ein bisschen ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Völlig zu Unrecht wie sich dieses Jahr herausstellte, bei gleich zwei Gelegenheiten.
Nachdem ich über Ostern mit der Familie den südlichen Wald und Erfurt erkunden konnte (was für ein süßes Zuckerbäckerstädtchen!) war ich nun auf meinem diesjährigen Jahresurlaub mit meinen allerbesten Alma erneut in Thüringen – im Nationalpark Hainichenwald. Quartiert in einem hübschen kleinen Holzhaus in Palumpaland, an einem sonnenuntergangsverwöhnten Stauseestrand, bekam ich ausgiebig Gelegenheit, meine neuen wanderschuhe zu testen.
Drei Highlights:
1) Hoch oben auf dem Baumkronenpfad, inmitten des Thüringerschen Urwalds. 50 meter unter uns das Unterholz, neben uns die vögeldurchzwitscherten Kronen hundertjähriger Bäume
2) Auf der alten Grenze zwischen Thüringen und Hessen, Ost und West, wo ein langer Streifen Grün sich zwischen wachturmbedeckten, schwitzenderreichbaren Bergspitzen und sonnengoldnen Rapsfeldern entlang schlängelt; eine 12-Kilometer Rundweg Schönheit (was keine sinnvolle Entfernungsangabe ist wenn es immer wieder auf dem Schild am Rande des Weges steht)
3) Tief unten, zwischen moostriefenden Felswänden in der Klamm der Drachenschlucht bei der (deutlich weniger spannenden) Wartburg. Der Fluss unter unseren Füßen, eine schmale Spur Himmel über den Köpfen, die schönste Fabelfelsschlucht vom Fluss in den Stein gefräst.
Alles Weitere ergibt sich aus den Fotos. Genug neidisch gemacht. Fahrt dort hin. Lohnt sich.

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Lyriken der verpassten Revolution Texte

Nafaka

„All that she wants, is to fly away and,
she’s gone tomorrow /
All that she wants…“

…Ist aus dieser Stadt zu kommen
Und trotzdem aus dieser Stadt zu kommen.
Doch der Yugo, in dem sie vor sich hinsingt, ist kaputt
Auf den Straßen Sarajevos liegen Berge von Schutt
Und ihre Mama hat gesagt: „Azra, geh nicht aus dem Keller
Wenn die Sniper draußen schießen“, doch die Tage werden heller
Und wenn man mit 7 im Sommer nicht spielen kann, dass man ans Meer fährt
Sag was ist dann mehr wert?
Dass man sich gegen’s Heer wehrt?

Die Einschusslöcher an den Häuserwänden bilden runde Narben
Und im Fluss liegen Leichen, doch das darf ihr keiner sagen
Und Azra heißt Jungfrau, auch wenn sie’s nicht mehr ist, doch davon spricht man nicht
Aus dem Keller dieses Hochhaus‘ sieht man nachts die Lichter nicht
Letzte Nacht sind zwei der netten Nachbarn neben ihr verschwunden
Geflohen in das Leben oder verreckt an ihren Wunden
„Wenn ich groß bin, will ich klein sein“, denkt Azra –
So klein, dass sie niemand sieht, wenn sie flieht
Aber Papa sagt:

„Wer flüchtet, überlässt das Land den Dummen,
und die spielen dann mit Wummen
Und machen Jugos kaputt statt in kaputten Jugos zu spielen
Wir sind vier unter Vielen, und die lässt man nicht im Stich
Mögen nach Deutschland Gefloh’ne auch lästern unter’m Strich:
Wir sind das Orchester, das im zerstörten Parkhaus weitergeigt
Wir bleiben hier, damit nach all dem wer dem Land die Zukunft zeigt“

Aber Azra war noch nie in nem Orchester
Und in der Schule war ihr Bruder manchmal Bester, aber sie, die Schwester,
Hat das Zeugnis schon zerissen, wird die Schule nicht vermissen
Mit beflissenem Gewissen beinah ausgerissen,
Aber gar nichts von der Zukunft wissen ist gewiss beschissen…
Du kriegst das schon gerissen…

Novi Dan, Nova Nafaka –
neuer Tag, neues Glück
Es ist finster und du kannst nicht zurück
Doch im Osten steigt die Sonne und schon ist n neuer Tag da,
Kopf hoch, draga Azra,
Novi Dan, Nova Nafaka.

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Sechs Tage, Sechs Länder: mit dem Team1World durch den Südosten

Wenig Schlaf, viele Eindrücke, weite Strecken, und keine Minute Zeit für den Block. Klingt nicht nach Urlaub? Nein. Reisen.
Nachdem ich in Sarajevo angekommen war, stieß ich zum „TEAM1WORLD“, mit dem ich die nächste Woche verbringen sollte. Das Ganze ist ein Projekt, das Südosteuropa zusammenführen soll, indem jungen Menschen aus aller Herren Länder die Möglichkeit gegeben wird, in einem Auto voller anderer Nationalitäten diese vielseitige Region zu bereisen. Chili und ich hatten einen der begehrten Plätze dieses Reisestipendiums bekommen, und teilten uns die Tour: Chili reiste mit dem Team von Berlin über Nürnberg, Berchtesgarden, Venedig und Zadar nach Sarajevo, ich übernahm ab dort. So traf ich am 7.8. auf das Team, mit dem ich die nächste Woche verbringen würde. Neben Chili und einer anderen Deutschen („Let’s see how it goes“), die das Team ab Sarajevo verließen, waren das Serendipity aus Italien, Nafaka aus Bosnien-Herzegowina und Saudades aus Portugal. (Die Namen, die ich ihnen hier gebe, waren ihre Lieblingswörter aus verschiedenen Sprachen: Serendipity = unerwarterer, positiver Zufall auf Englisch, Nafaka = täglich änderliches Schicksal auf Bosnisch, Saudades = das Gefühl, etwas / jemanden zu Vermissen auf Portugiesisch). Zusammen erlebten wir Sarajevo, eine Stadt, die noch immer zahllose Narben des Krieges trägt: Einschusslöcher in Häuserfronten, endlose muslimische Friedhöfe mit den Todeszahlen 1992-1995 und das Museum Srpnitza, das uns zerstört und verzweifelnd ins grelle Sonnenlicht zurückstolpern ließ.
Doch selbstverständlich bot die Stadt auch Schönes: die herrliche muslimische Altstadt, einen Sonnenuntergang mit Muezzin-Gesang von der gelben Festung aus über die Stadt blickend, hervorragende Jazzmusiker in einer Kellerbar. (Fotos siehe letzter Post).

Am 9.8. schließlich ging es los: Wir packten unsere eng gepackten Sachen in den Fiat, verabschiedeten uns von Chili und „Let’s see how it goes“ und fuhren gen Norden. Team1World unterwegs in Bosnien
Schon bald erreichten wir Serbien, wo wir im kleinen, unerwartet hübschen Novi Sad pausierten (und es spaßeshalber mit den Augen eines Marketeers sahen).
Mondän in Novi SadWandmalerei in Novi Sad
Novi Sad – Seeding Art, Shopping and Cuisine

Einen langen Grenzübergang später erreichten wir spät am Abend Budapest, wo wir (wie zuvor in Sarajevo) in einer vom Team1World bezahlten Unterkunft totmüde zu Bett fielen. Doch an Ausschlafen nicht zu denken – in Budapest erwarteten uns am nächsten Tag viele weitere Missionen: Wir besuchten die „Invisible Exhibition“, in der wir in die Welt blinder Menschen eintauchten, in völliger Finsternis unsere Umgebung ertasteten und Gerüche und Geräusche plötzlich ganz anders wahrnahmen. Einen Umweg über die Fischerbastei nehmend entdeckten wir dann das „Hospital in the Rocks“, einen Krankenhausbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, später als Atomschutz-Krankenlager ausgebaut, in verzweigten Tunneln unter der Stadt. Geigerzähler und OP-Besteck versetzen einen nicht eben in eine leichtfertige Stimmung. Ein kurzer Besuch im herrlich alternativen Szimpla und wir waren bereit für die Thermen – wie anders kann man den Flair dieser Stadt sonst fassen?
Budapest FestungSzimpla in Budapest
Wie stets erwarteten uns auch andere Missionen, diesmal der Blick des Autors (was mir natürlich entgegen kam), und die Anregung, uns von Budapest für einen fiktiven Roman inspirieren zu lassen. Hier der erste Absatz von „The Blind Bunker“:
The siren screamed ghostly like a dying whales‘ last breath through the dust-shaken alleys of Budapest. The dirt laid like a sandstormed carpet on my face, as my feet found their way through the shredded remains of the Jewish Quarter. The odour of bombs and burned flesh still hung in the air, iron and the faint stains of gasoline. I missed the coldstoned smell of the moldy bunker caves.
„The voice, Master“, one of my followers asked anxiously. His steps weak and reluctant without me, as those of all the lucky
survivors, whose eyesight had been destroyed by the nuclear light.
„Where does this noise come from?“
„Radio.“ I grumbled and let my white stick search the ground for the device. Under the blinded, the blind-born is king. I picked up the radio, turned on the spot and went back to this small fortress of mine, the former hospital in the rocks. My blind bunker.

The Blind Bunker

Schon ging es weiter, eine weitere Grenze passiert und in die Slowakei, ein Land voller atemberaubend schöner Berglandschaften, die wir nicht nur an unseren Fiat-Fenstern vorbeiziehen ließen, sondern auch auf einer kleinen Wanderung ins idyllische Vlkolinec entdeckten:
Wanderung in der SlowakeiVlkolinec
Vlkolinec Collage

Der nächste große Stopp war dann das polnische Krakau, wo wir unseren eigentlich nur einen Tag andauernden Aufenthalt um eine weitere Nacht verlängern konnten – endlich genug Zeit, die Stadt richtig kennen zu lernen.
Der erste Tag war jedoch zu großem Teil Auschwitz gewidmet. Es gibt keine angemessenen Worte, dies zu beschreiben, denn auch wenn die Fakten selbst in zahllosen Geschichtsstunden und Arte-Dokus vermittelt werden, ist es doch etwas gänzlich anderes, am Ort dieser Verbrechen zu stehen und den Tod zu spüren. Es ist unmöglich, dies zu beschreiben, oder zumindest unmöglich, das mit meinen eigenen Worten zu tun.
Auschwitz

Umso besser war es, den Rest des Tages mit unseren Gedanken und Gesprächen verbringen zu können, und die Entdeckung Krakows auf den nächsten Tag zu verschieben. Krakow ist eine mittelalterlich geprägte, hübsche Kleinstadt, auf deren Marktplatz wir talentierte Akkordeonisten und Gitarristen bewunderten, uns auf dem Pierrogi-Fest durch die verschiedensten Geschmacksvariationen probierten und an der Festung beim Sternschnuppengucken vom feuerspeienden Drachen überraschen ließen.
Krakow jüdisches ViertelKrakower MarktplatzKrakows NachtSkylineKunst im FreienDer Drache von Krakau

Am 13. schließlich kehrte unser Auto, die letzte Runde des diesjährigen Team1Worlds, nach Berlin zurück. Wenngleich für mich bekannt, konnten wir als Team zusammen doch auch diese Stadt neu erkunden. Wir kochten mit einer Gruppe Flüchtlingskindern in Charlottenburg und hörten Hintergründe zur Kreuzberger Alternativkultur, entspannten uns am Holzmarkt und blickten im jüdischen Museum noch weiter zurück in die Historie des jüdischen Aschkenas.

Was bleibt, nach einer Woche voller Eindrücke? Zusammengefasst in einer Seite unseres gemeinsamen Team1World Reisetagebuches. Mehr zu dem ganzen Projekt findet ihr hier:
Reisetagebuch team1World

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Sarajevo individuell

Da ich die nächsten Tage ohne Computer, dafür mit dem famosen Team1World unterwegs sein werde, hier mal noch schnell die Fotos von meinem ersten Tag in Sarajevo, bei dem ich alleine die Stadt mit all ihren Narben und Verzierungen entdeckte.
Ölraffinerie in der Republika Szrbka
Sarajevo Altstadt
...Hülsen zu Kugelschreibern
Male Daire mitten in der Altstadt.
Früher Bibliothek, heute SenatJesko in mosaikdurchleuchteter Halle…
Bosnische Handarbeit
.,.Ein ganzer Friedhof für 3 Jahre
Friedhof auf Sarajevos Hängen
…..Spuren des KriegsAltes SarajevoIMG_8427