“Siempre adelante! Ni un paso atras!” – diesen Satz habe ich oft gehört die letzten Tage. “Immer vorwärts! Nicht einen Schritt zurück!” rufen Byron oder Nicolás, meine beiden Mitbewohner, manchmal unvermittelt, wenn sie überraschen in den Raum kommen. Die Sozialisten. 🙂 Sie sind auf jeden Fall beide sehr umgängliche Mitbewohner, und ich bin sehr froh, dass ich hier gelandet bin. Inzwischen hat mein Zimmer ja auch eine Tür, da gibt es kaum was, was mir fehlen würde. Am Freitag gingen wir auch zusammen mit zwei Freundinnen abends weg, da wir ja hier direkt am Studentenblock sind, fehlt es nicht an alternativen Bars, in denen wir die Zeit totschlugen, und dann Byron überraschenderweise zu Mitternacht eine Geburtstagstorte bei uns zuhause präsentierten – er hat eigentlich erst heute Geburtstag. Aber das macht ja nichts. Freitag lässt sich schließlich besser feiern.
Zusammen mit Jessica, der Couchsurferin, bei der ich im Januar nächtigte und die mir die Wohnung hier überhaupt erst vermittelte, habe ich so schon einen kleinen Freundeskreis zusammen, obwohl ich die letzten Tage oft zeitig in die Bibliothek ging und so lange blieb wie möglich, da ich noch immer keine dauerhafte Zugangsberechtigung auf den Campus habe, und jedes mal die Sicherheitsleute am Eingang aufs Neue davon überzeugen muss, dass das sehr wichtig ist was ich hier mache. Gerade eben waren wir auf der Feria del Libro y de la Cultura, eine kulturelle Veranstaltung im botanischen Garten, die die ganzen nächsten zwei Wochen andauern wird (Mehr dazu später). Und heute Vormittag war Gleitschirmfliegen mit Byron angesagt. Das jedoch lief leider nicht so gut wie geplant. Während Byron und eine Freundin, die mit mir zusammen zum nahegelegenen Flugplatz bei San Felix gefahren waren, noch länger als ich auf ihren Tandempiloten warteten, und wegen des schlechten Wetters gar nicht erst losflogen, bekam ich “schon” um 2 Uhr (nach fast zwei Stunden warten 😉 ) meinen Schirm und konnte losfliegen. Leider nicht sehr lange. Pech mit der Thermik, ein erstaunlicherweise völlig abstinenter Hangaufwind in Kombination mit einem recht hoch gelegenen Landeplatz führten dazu, dass ich schneller tiefer flog als selbiger zu finden gewesen wäre, und auch nicht mehr auf die Höhe zurückkam. Notlanden nach recht kurzer Flugzeit auf einer glücklicherweise ausreichend großen Grünfläche eines Angelpärkchens für wohlhabendere Mitbürger war angesagt, wo ich immerhin nett empfangen wurde. Nach diversen Kommunikationen holte mich ein Cousin eines der Piloten dort ab und ließ mich im Vorort Santa Ana an der Schule raus, wo laut Absprache mit dem Piloten (dessen Gleitschirm ich hatte) selbiger mich wiederum nach oben abholen sollte. Aus den angeblichen 20 Minuten wurde schnell über eine Stunde. In einem Internetcafe fand ich schließlich seine Nummer raus und rief ihn an, woraufhin er meinte, da es dort regnete, wäre das mit dem Herunterkommen irgendwie nicht machbar. (Fragt nicht.) Meine bezahlten zwei Stunden waren natürlich inzwischen auch vorbei. Megaklasse. Und so habe ich jetzt einen Gleitschirm bei mir zuhause im Flur stehen, den er wohl irgendwann die Woche abholen wird. Wenn nicht, ist das ja auch nicht mehr mein Problem. Ärgerlich war dieser Tag natürlich entsprechend schon irgendwie… vor allem was Zeit- und Geldverschwendung betrifft. Aber was solls. Kann ja nicht immer alles gut gehen. Meinen nächsten freien Tag werde ich sicherlich sinnvoller verbringen. Aber jetzt gehts erstmal wieder ans fleißig sein – sofern ich morgen in die Bibliothek komme…
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Forschungsarbeit
Da habe ich Fotos meiner WG versprochen, und ihr seht das hier. Ist natürlich nicht meine WG – sondern die Bibliothek der Universidad de Antioquia, eine große öffentliche Uni in Medellín, keine 5 Minuten Fußweg von meiner Unterkunft entfernt. Praktischerweise findet sich hier zumindest was die Zeitungen betrifft, alles was ich für meine Erhebungen brauche, so dass ich mir lange Wege durch die Stadt sparen kann. Nachdem mein Mitbewohner Nicolás mir gestern eine kleine Führung durch Campus und Bibliothek gegeben hatte, konnte ich mich nun effektiv an die Arbeit setzen (nachdem ich die Sicherheitskraft am Campus-eingang überzeugen musste, dass ich hier wirklich in die Bibliothek muss…). Allein heute las ich mich so durch mehrere Ausgaben der regionalen Zeitungen “El Colombiano” und “El Mundo” aus dem Jahr 1980, und konnte sogar ein paar wenige relevante Artikel vorfinden. Worum es eigentlich geht bei meiner Arbeit?
Ich recherchiere hier für meine Bachelorthesis zum Thema der afrokolumbianischen Identität, genauer das Selbst- und Fremdbild. Hierzu analysiere ich zum einen zwei in Medellin veröffentlichte Presseorgane im Vergleich zwischen den Jahren 1980 und 2010, um festzustellen, ob im dort projizierten Fremdbild ein Wandel stattgefunden hat, seit Kolumbien 1993 zur “multiethnischen Nation” deklariert wurde. Dazu kommen dann noch ein paar Interviews und Beobachtungen die ich führen werde, aber dazu schreibe ich mehr, wenn es zu diesen Interviews kommt. Jetzt beschäftige ich mich also mit den genannten Zeitungen, wobei die Analyse selbst erst später kommt. Zuerst muss ich die insgesamt 56 Zeitungsausgaben durchsehen und jeden Artikel, der irgendwie Afrokolumbianer erwähnt oder zum Thema hat abfotografieren – ich könnte sie wohl auch fotokopieren, aber dann müsste ich mit den großen Zeitungen (die man ja auch nicht falten darf) in den Keller rennen, bloß um dort je einen kleinen Artikel daraus zu kopieren. Umständlich. Außerdem kann ich das dann nachher alles in meinem Rucksack mitnehmen. Digitalismus ist doch schon was praktisches.
Und damit hier schonmal ein wenig Stadtatmosphäre rüberkommt (obwohl ich selbst mich jetzt erstmal der Arbeit widme), noch ein schönes Foto von einem Platz hier direkt um die Ecke der Uni. Mehr kommt natürlich später.
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Jetzt aus Medellin
Um vier Uhr Nachts aus dem Haus meiner Eltern aufgebrochen, kam ich über einen Tag später, um 5 Uhr deutscher Zeit (23 Uhr hier) in meiner Unterkunft in Medellin an. Der Flug lief gut, wenn auch nicht ohne die ein oder andere Flugverzögerung, aber letztenendes fand ich gar am Flughafen ein Taxi zum teilen und kam so deutlich schneller als mit dem Flughafenbus in den Studentenwohnblöcken des Paseo de Sevilla gegenüber der Universidad de Antioquia an. Hier wohne ich jetzt in einem kleinen Zimmer in einer WG mit Byron und Nicolás, die beide hier studieren. Tatsächlich ist mir die Gegend noch von meinem letzten Besuch bekannt, wenn auch nicht der Block selbst, so kam mir schon eine Straße weiter eine mir bekannte Stelle vor – während der Taxifahrt brachte ich noch ein wenig Städte durcheinander, dachte “hey, das kennst du ja”, stellte dann fest, dass es nur so ähnlich aussah wie Panama-Stadt… Nachher werde ich, nach ein paar Einkäufen und dem Einrichten meines Zimmers, erstmal ein wenig durch die Stadt laufen, um mein Viertel besser kennenzulernen und wieder ein Orientierungsvermögen in der Stadt des ewigen Frühlings aufzubauen und mich zu akklimatisieren: einen Guanabanasaft habe ich natürlich schon gestern am Flughafen Bogotás getrunken 😉
Hier in Medellin werde ich erstmal die nächste Zeit bleiben, und spätestens morgen mit meiner Recherchearbeit anfangen, und irgendwann die Tage kommt dann auch hier mal ein bisschen mehr, dann auch mal noch mit Fotos.
Bis dahin genieße ich zurück zu sein.
Ach ja, und in unserer Wohnung läuft Rock, statt Reggaeton. Diese Studenten immer. 🙂
Kaum hätte ich vor inzwischen über einem Jahr gedacht, als ich im peruanischen Lima eintraf, die wahrscheinlich acht aufregendsten Monate meines Lebens vor mir, dass ich schon im September 2011 erneut der Anziehungskraft dieses Kontinents erliege. Auf meiner Reise von Peru gen Norden verbrachte ich unter anderem einen Monat in Kolumbien, von Cali bis Cartagena reisend, und alles brannte sich in mein Gedächtnis ein. Dieses faszinierende Land, in dem ein Ausländer noch ein unerwarteter Reisender ist, dem man seine Heimatstadt zeigen muss, in dem Landschaft, Städte und Menschen ihr Bestes tun, um gegen die einzige Verbindung anzukämpfen, die den meisten Ausländern zu ihrem Land noch immer einfällt – wie oft hörte ich in den letzten Wochen als erste Reaktion auf die Benennung meines Reiseziels das Wort Kokain, den Drogenkrieg, die FARC ich kann nur ahnen, wie die Kolumbianer selbst mit diesem Fremdbild zu kämpfen haben. Nun, ich fahre für keinen dieser Gründe nach Kolumbien, in dem ich mich übrigens auch kein Stück unsicherer gefühlt habe als in jedem anderen lateinamerikanischen Land. Jeder Kolumbien-reisende wird die Anziehungskraft dieses Landes bestätigen können, ganz zu schweigen, dass ich mich auch auf die ganz “normalen” lateinamerikanischen Eigenheiten freue: unkontrolliertes Salsa-tanzen, frischen Guanabanasaft und frittiertes Straßenessen, Reggaeton-Musik in jedem überfüllten Minibus und diese unberechenbare Spontaneität. Dafür nimmt man auch die zu erwartenden Schwierigkeiten in Kauf, die natürlich ebenso zum dortigen Leben gehören wie alles andere. Mein tatsächlicher Hauptgrund (neben der Begeisterung für Kolumbien) ist allerdings ein wissenschaftlicher: Ich werde sieben Wochen lang die Erhebungen für meine soziologische Bachelor-Abschlussarbeit durchführen, Interviews führen, Zeitungen durchsuchen und mich mit der fremden Kreolsprache Palenquero beschäftigen, um anschließend in meiner Arbeit über das Selbst- und Fremdbild der Afrokolumbianer schreiben zu können. Ich bin sehr gespannt was mich da erwarten wird. Entsprechend wird es vielleicht auch nicht wieder alle paar Tage einen Blogeintrag geben, da ich mich gerade in den ersten vier Wochen hauptsächlich in Medellín meinen Forschungen widmen werde. Dann werde ich jedoch natürlich auch die Gelegenheit nutzen und nochmal ein wenig reisen, wenn auch nicht allzu viel. Wohin? Pah, lasst euch überraschen. Ihr werdet es hier lesen.
Am Dienstag früh geht es nun also los. Und dabei hatte ich die ganze Zeit Mittwoch im Kopf. Aber nein, der 6., das ist ja schon am Dienstag. Vom Haus meiner Eltern werde ich nun also noch früher als gedacht nach Frankfurt aufbrechen, und dann gute 20 Stunden um den Globus gen Kolumbien fliegen, wie ein hochgeworfener Ball immer wieder zur Erde zurückfällt, zieht es mich wieder nach Lateinamerika.
Colombia.
Die Deutschlandreise im Radio
Der aufmerksame Leser bemerkte sicherlich, dass Torben und ich auf unserer Tour immer mal wieder irgendjemanden interviewten, und unsere Gastgeber schauten uns hin und ab verwundert zu, wenn wir eine kurze Aufnahme per mobilem Aufnahmegerät machten: Diesen Donnerstag wird eine Stunde lang unsere Radiosendung Stadtvögel auf dem hallischen Sender Corax unserer Deutschlandtour hinterherreisen, musikalisch und inhaltlich, indem wir (und einige Interviewpartner) uns von den verschiedenen Stationen unserer Reise melden. Wer dazu mehr wissen will, findet das hier: Stadtvögel On the Road.
Ich muss einen weiteren Ort auf meine Liste der definitiv lebenswerten Städte und potentiellen Masterkandidaten stellen. Okay, 70.000 Einwohner ist wirklich nicht gerade eine Maßzahl für eine aufregende Stadt, doch Bamberg ist trotz seiner geringen Größe ein erstaunlicher Ort, nicht zuletzt dank regen Uni-Lebens und der einstigen Größe, die eine Innenstadt mit Weltkulturerbe-Status hinterlassen hat. Wir kamen bei meinem ehemaligen Klassenkameraden Christian unter, dem es dort so gefällt, dass er auch für den kommenden Master gleich hier bleiben will. Leider konnte er nicht allzu viel Zeit mit uns verbringen, da er seine letzten Klausuren zu leisten hatte. Dienstag Abend, nachdem Torben und ich ein ausführlichstes Interview mit zwei Mitgliedern der oberfränkischen Rap- Volxgesang-Musikgruppe Kellerkommando (ja, wirklich. Es ist grandios, sie sind übrigens auch im Soundtrack vom bald anlaufenden “Resturlaub”) geführt hatten, gönnte er sich aber ein wenig Freizeit und wir chillten zusammen mit ein paar befreundeten Musikern in “Lagerfeuerromantik mit mobilem Verstärker” am Sonnentempel im bambergschen Hain – ein riesiges Wald- und Wiesengebiet noch auf der zentralen Insel der Stadt. Klang das schon nach einem fantastischen Abend, kamen wir am Mittwoch aus dem Staunen kaum mehr heraus: eine bildschöne Innenstadt voller Fachwerkhäuser, einem Kloster und einem Palast auf mehreren Hügeln verteilt, “Klein-Venedig” im früheren Fischerviertel direkt an der Regnitz und die höchste Brauerei-Dichte der Welt
das berühmte lokale Rauchbier trinkt man entsprechend auch nicht nur aus dem Glas, sondern verwendet es auch in der Soße zur “Bamberger Zwiebel”. Dazu die Mischung aus fränkischem Dialekt und hohem Studentenanteil (da spiegelt sich auch das Konzept der Band Kellerkommando wieder) – Bamberg übertrifft wirklich alle Erwartungen. Am späten Nachmittag schleppten wir dann Christians Faltboot (ein zusammenbaubares Kanu aus DDR-Zeiten, dass in zwei große Säcke verstaut werden kann) an den Kanal, bauten es dank Christians professioneller Hilfe sogar erfolgreich zusammen und umfuhren in drei Stunden die gesamte Inselstadt, an drei Schleusen das Kanu über Land vorbeitragend, vorbei am stillen Hain, dem riesigen Hafen und der bevölkerten Innenstadt samt Klein-Venedig. Wäre ein perfekter Ausflug gewesen, mit einem kleinen stimmungstrübenden Aspekt: als wir (zum Glück) bereits angelegt hatten und Torben loszog, um das Auto zu holen, während ich das Kanu zusammenbaute fing es an, wie aus Eimern zu regnen, was das Zusammenpacken nun wirklich nicht gerade angenehm machte. Aber solange eine unschöne Überraschung aus den Wolken während des Zusammenbauens das Einzige ist, was unseren Aufenthalt in Bamberg trübte, vermeiden wir doch jegliche Beschwerden – hat doch das kleine Bamberg dazu beigetragen, unsere Deutschlandtour auch in den letzten Tagen noch zu einer grandiosen Reise zu verwandeln.
Unser letzter Aufenthalt führte uns dann nach Thüringen, wo wir von Donnerstag auf Freitag in Weimar weilten. Mein guter Freund Andi aus Halle empfing uns in seiner Heimatstadt und führte uns durch dieses Denkerstädtchen, in dem an jeder Ecke irgendein Bezug zu Goethe und Schiller und diversen anderen Promis aus deren Tagen. Das überteuerte Goethehaus sparten wir uns (selbst das am Freitag noch besichtigte Gartenhaus Goethes im Park lies nur spärliche Begeisterung aufkommen), und für den hochgelobten Rokokosaal der Bibliothek bekamen wir keines der täglich begrenzten Eintrittstickets mehr, und so erlebten wir Weimar vor allem von draußen – was jedoch ein herrlicher Abschluss unserer Tour war, und wir noch einmal gehörig zur Ruhe kommen konnten – die ohnehin recht ruhige Kleinstadt besteht nahezu zur Hälfte aus einem riesigen Park voller versteckter Kleinigkeiten (Ruinen, kleine Hütten, Brücken
), in welchem wir gemütlich umherwanderten, schlenderten durch die geschichtsträchtigen Straßen und genossen die Unaufgeregtheit. Den Abend verbrachten wir ähnlich angenehm im “Falken”, einer demographisch herrlich durchmischten, urigen Kneipe mit Jazzband und leider nicht ganz so gutem Cuba Libre. Die perfekte Krönung für einen solch entspannenden Aufenthalt: freitägliches französisches Frühstück mit Zeitunglesen und abschließender Spaziergang durch den Park. Das klingt vielleicht nicht wahnsinnig spannend, sorgte aber dafür, dass wir nun schön entspannt mit der Sonne im Nacken wieder in unser Halle zurückkehren können.
Dreitausend Kilometer Entfernung haben wir in fast drei Wochen zurückgelegt, von den Metropolen dieses Landes bis zu den kleinsten Örtchen mitten im Nirgendwo, von den Partymeilen bis zu den ruhigsten Seen, schliefen bei Verwandten, alten Freunden, Couchsurfern sowie in einem Hotel und im Zelt, konnten so gut wie überall mit den hilfreichen Tipps, Stadtführungen und Wegbegleitungen durch all diese Menschen rechnen, durch die wir jede Station unserer Tour auf neue Weise entdecken durften. Wir sahen alte Fabriken und Trend-Viertel, Burgen und Kirchen, ein Konzentrationslager, das Meer und viele Flüsse, mittelalterliche Städte und abstruse Campus-Unis und Touristenattraktionen; wir gingen zu Konzerten und interviewten gleich drei Interpreten für unsere Radiosendung, grillten, kochten Dosenessen auf dem Campingkocher und aßen fantastische lokale Spezialitäten, und Torbens Auto ist jetzt ungefähr doppelt so voll und dreimal so dreckig wie zuvor. Klingt nach einer guten Bilanz.
Deutschland-Reise: München
“Kleines Dorf voll Schickeria” und “Möchtegern-Metropole”, die Hauptstadt des Südens, um es mit der hier lebenden Künstlerin Fiva MC auszudrücken: München ist ein Mikrokosmos innerhalb Bayerns. Ähnlich wie in Berlin ist es hier gar nicht so einfach, gebürtige Münchner zu treffen, und man hört viele verschiedene Sprachen und eine große Vielfalt, doch zugleich immer wieder bayrischen Zungenschlag und Weißbier an jeder Ecke. Wir kamen bei meiner Tante Netti unter, die uns Sonntag Abend in Solln empfing, nachdem wir den frühen Abend noch durch die englischen Gärten spaziert waren. Ihre Gastfreundschaft ging erfreulicherweise weit über Schlafplatz und leckeres Essen hinaus – als wir am Montag morgen aufgrund Baustellen auf der S-Bahnstrecke später als geplant in der Innenstadt ankamen, begleitete sie die Stadttour, die wir besuchen wollten, bis wir eintrafen, um uns dorthin lotsen zu können. Die einzige während unserer ganzen Reise gemachte Stadtführung war es wirklich wert: schon aus Prag und Dublin kannte ich die NewEurope-Free Tours, ein tolles Konzept, bei dem Freelancer kostenlose Stadtführungen zu Fuß anbieten und nur vom anschließend gegebenen Trinkgeld leben. Entsprechend gut fiel auch hier die Führung durch Sonja aus, eine in Florida aufgewachsene Studentin mit deutschen Vorfahren, die uns in drei Stunden abwechselnd zahllose interessante Orte zeigte und amüsante historische Anekdoten erwähnte und an mehreren Stellen die dunkle Vergangenheit der nationalsozialistischen “Hauptstadt der Bewegung” behandelte – auf sehr lobenswerte Weise, bei der auch der Münchner Widerstand berücksichtigt wurde, und die meist ausländischen Touristen auf die inzwischen stattfindende Vergangenheitsbewältigung der Deutschen hingewiesen wurde.
In der sogenannten Drückebergergasse konnten wir uns einer Gänsehaut nicht erwehren: Münchner, die an einer von den Nazis als Denkmal für (angeblich) 20 getötete “Revolutionäre” nicht den Hitler-Gruß geben wollten, umgingen diese Stelle durch die kleine Gasse – selbst, als dort aufgestellte Wachen alle Passierenden kontrollierten und notierten, und jeder, der dort zum zweiten Mal hindurchging, mit harten Folgen rechnen musste. Ein goldener Streifen auf dem Kopfsteinpflaster erinnert an die Wiederständler – er endet abrupt in der Mitte der Gasse, wo die Wachen für das Verschwinden vieler dieser Menschen sorgten.
Nach dieser so wärmstens zu empfehlenden Tour betrachteten wir noch die Stadt von oben (auf dem Turm der Marienkirche wurden wir mit fantastischer Aussicht belohnt) und aßen bayrische Landesküche, bevor wir nach einem kurzen Besuch des Königsplatzes zurück nach Solln fuhren. Nachdem ich noch meine ebenfalls dort wohnende Oma besucht hatte, gingen wir nach gemütlichem Essen mit Netti und einen Freund Torbens, der zufälligerweise ebenfalls in diesem Viertel wohnt, ein Bier trinken – Lorenz und Torben hatten sich letztes Jahr auf Kuba kennengelernt; und wir hatten einiges Interessantes zu erzählen. Am Dienstag nutzten wir den Vormittag vor unserer Abfahrt, um das jüdische Museum neben der ursprünglich anvisierten (aber geschlossenen) Synagoge zu besuchen, wo eine derzeitige Ausstellung die Rolle der Juden im deutschen Nachkriegsfernsehen betrachtete.
Und mit der Abfahrt wurde uns nochmals bewusst, was Sonja schon während der Führung erwähnte: in Deutschland wird wie in wenig anderen Ländern dafür gesorgt, nicht zu vergessen, was in der Vergangenheit geschah, so dass es ein natürlicher Teil unserer Deutschlandreise darstellt; und vielleicht sollten wir anfangen, uns nicht (nur) als Volk der Täter-Nachfahren zu sehen, sondern auch als Volk, dass Verantwortung übernimmt, verarbeitet, und 120 Denkmäler allein in München aufstellt, um sich dann zu fragen, ob das ausreicht. Das ist mehr als nur ein großer Schritt.
Unterschiedlicher könnte sich der baden-württembergische Südwesten uns kaum präsentiert haben als in diesen drei Orten – Heidelberg, Stuttgart und Tübingen machten den zweiten Teil dieser Woche unerwartet abwechslungsreich. In Heidelberg nächtigten wir bei Marcel, einem äußerst liebenswürdigem Couchsurfer in einer 4×7-WG-Kommune. Wir trafen ihn an der Villa Nachttanz außerhalb Heidelbergs, wo er Mittwochs nachmittag einen Stand für “Coffee ohne Grenzen” aufbaute, ein alternatives Projekt mit Ziel eines ehrenamtlich-gemeinnützigen Cafés in Heidelberg. Durch den wahnsinnig autounfreundlichen Verkehr der Stadt (die übrigens kleiner ist als Halle! Wirklich!) kamen wir in seine Bude, und der alternative Hippie-flair sollte uns bis zu unserer Abreise umgeben. So verbrachten wir auch den Abend mit ihnen bei einem Konzert “Rollis für Afrika”, wo unter anderem zwei Mitglieder der an sich hervorragenden Band Irie Revoltés spielten – dass die sich offenbar zum radikalen Teil der Antifa zählen, brachte uns dann jedoch davon ab, sie für unsere Sendung zu interviewen. Wir waren KO von der Fahrt und nur die anschließend zwischendurch gespielten Hip Hop Klassiker ließen uns noch auf den Beinen halten, ein wenig genervt waren wir aber irgendwann schon, dass der verplante Haufen nicht so leicht zum gemeinsamen Zurückkehren zu koordinieren war. Das WG-Frühstück vesöhnte uns jedoch schnell, und wir durften feststellen, dass wir in einer sehr amüsanten, lebensfrohen und angenehmen Gesellschaft gelandet waren. Marcel gab dann im Anschluss auch sein Bestes, uns durch die Stadt zu führen, über den Philosophenweg und die alte Brücke bis zum berühmten Heidelberger Schloss hoch, dabei wies er uns nicht nur auf die gewöhnlichen Sehenswürdigkeiten hin sondern auch, wo sich gleich mehrere Studentenverbindungen die Villen in bester Lage geschnappt hatten und von wo aus man Farbballons auf diese werfen kann, oder auch wie viel Geld die Uni für ein paar luxuriöse Toiletten in einem frisch renovierten Gebäude ausgegeben hat, anstatt dies für Professuren zu verwenden. Die Gesprächsthemen gingen uns jedenfalls nicht aus, und wir legten wahrscheinlich mehr Kilometer zurück, als Heidelberg lang ist, bevor wir noch eine Weile die Sonnenstrahlen auf der Neckarwiese genossen. Abends fuhr Torben dann ins nahegelegene Kaiserslautern, um Helena zu besuchen, die leider nicht die Zeit hatte, nach Heidelberg herunterzukommen, während ich spontanerweise am in der erwähnten Villa stattfindenden Poetry Slam teilnehmen konnte. Das Wetter spielte mit, und so war ein schöner Abend mit hohem Publikumsandrang und guten Poeten gegeben, und den Rest der Zeit verbrachte ich mit unseren Kommunenfreunden am Kaffeestand mit interessanten Gesprächen und guten Brownies. Natürlich wurde der Abend lang. Ein wenig schade deshalb, dass am nächsten Morgen nur Marcel es schaffte, mehr oder weniger zeitig aufzustehen und mit uns zu frühstücken, bevor wir schließlich unsere Sachen packten und nach Stuttgart aufbrachen.
Auch hier durften wir wieder mit der Gastfreundschaft eines Couchsurfers rechnen – Luke, der selbst nur ein Semester Chemie in Stuttgart studiert und dann wieder in die USA zurückkehrt, nahm uns in seinem Sutdentenwohnheims-Zimmer auf. Wir trafen uns im Stadtzentrum mit ihm, wo wir gleich nach einem ersten Spaziergang durch die Fußgängerzone auf eine Versammlung von Stuttgart-21-Gegnern trafen. Wie könnte es dieser Tage auch anders sein. Sehr interessant zu sehen, wie viele Generationen und sozioökonomische Klassen sich hier plötzlich für eine Sache vereinigen. Nach schwäbischen Spätzle erlebten wir dann gleich die gehobene Variante des Demonstrantentums: eine leider viel kleinere Gruppe demonstrierte für Freiheit und Demokratie in Syrien. Einer der jungen Demonstranten sprach uns an, ob wir Fragen zu der Thematik hätten, woraufhin ein älterer Kroate neben uns eine Diskussion startete, in die sich noch zwei weitere Passanten einmischten. Ein sehr schönes Beispiel lebendiger Politik-Kultur, auch wenn leider der Standpunkt des Herren (man benötige erst ein Programm/eine Agenda um effektiv etwas ändern zu können) mit dem unseren (zuerst benötigt man das Fundament einer funktionierenden Demokratie) nicht zu vereinbaren war. Ein Ziel der Demonstranten wäre jedoch trotzdem erreicht, nämlich eine gewisse Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen. Stuttgart-21 wirkte danach auch gleich viel banaler.
Nach so viel Stadtsicht, Diskussion und Umherlaufen war ein ereignisloser Abend in Lukes Studentenbude sowohl angenehm als auch angebracht.
Am Samstag hatten wir uns dann eigentlich vorgenommen, in das im Schwarzwald gelegene Wildberg zu fahren, um ein wenig Natur mitzukriegen. Nach einem zwischenzeitlichen Abstecher nach Metzingen, wo Torben in zwei der endlos vielen Outlet-Stores dem Shoppingwahn fröhnte, erreichten wir auch tatsächlich das durchaus beschauliche Wildberg – mussten jedoch nach einer Stunde feststellen, dass wir auf dem “Panoramaweg” außerhalb des Ortes nicht allzu viel der gewünschten Natur vorfanden, sondern stattdessen den Geräuschen von Autos und Hausbau aus dem im Tal gelegenen Ort nicht entkommen konnten. Ich will Wildberg gar nicht mal schlecht reden, aber wir hatten uns schon was anderes vom Schwarzwald vorgestellt. Wir zogen also unsere Deutschlandkarte zu Rate und entschieden uns kurzfristig, nach Tübingen zu fahren. Das vom Bordstein an instandgehaltene Universitätsstädtchen liegt ganz nah an der Grenze zu “zu geleckt”, herausgeputzt und aufgehübscht – und doch, was für ein herrlicher Ort, ein ruhig gelegenes Schloss, Kleinstadtatmosphäre-Fußgängerzone und gerade genug Studentenflair, um es nicht zu bieder werden zu lassen. Beschweren konnten wir uns jedenfalls nicht über unseren Tagesausflug, von dem wir erneut nach Stuttgart zurückkehrten. Hier trafen wir uns abends mit Luke und zwei Freunden Torbens, Baha und Michael. Auch wenn wir bei einem Frauenanteil von 1/5 es nicht allzu leicht hatten, in die verschiedenen Clubs reinzukommen, verhalf die geballte Ortskenntnis uns doch zu einer fantastisch Nacht, in den aufgrund des Christopher Street Days wahrscheinlich dreimal so vollen Bars und Clubs der Stadt.
Heute früh besuchten wir dann noch mit Luke zusammen das Mercedes-Museum, welches wirklich bemerkenswert gut gestaltet und organisiert ist, so dass selbst Nicht-Auto-Freaks wie ich begeistert werden konnten. Also zusammengefasst: Demonstrationen, Partys, Unistädte, nette Leute, schwäbisches Essen und schwäbische Mundart, Kultur, Natur, Hippies, Naturwissenschaftler, ein Poetry Slam und Konzerte
alles in einem Bundesland. Wer sagt, Deutschland sei langweilig?
Deutschland-Reise: Das Rheinland
Ein wenig Heimspiel war es für mich, sich im Zuge unserer Deutschland-Reise auch dem Rheinland zu widmen. Sonntag vormittags erreichten wir Köln, wo wir in der leeren Wohnung von Julia und Giovanna wohnen durften – Julia konnte uns gerade noch den Schlüssel, eine Serviette mit Köln-Stadtkarte und einige Tipps geben, bevor sie nach Berlin aufbrach und uns die Wohnung auf Gedeih und Verderb überließ. Den Luxus einer “eigenen” Wohnung nutzten wir erstmal, um Anusch, einen Schulfreund Torbens einzuladen, der eigens von Essen herunterfuhr, um mit uns zusammen dann die 533 Stufen des Kölner Doms zu erklimmen und auf das verregnete Köln herabzublicken und kindische Fotos in der Schokoladenfabrik zu machen. Ohne Anusch hätte dieser Schlechtwetter-Tag sicherlich nicht gerade eine gute Erinnerung an die Rheinstadt hergegeben. Glücklicherweise wurden wir am Montag nach Frühstück mit meiner Schwester Silja mit Sonnenschein überrascht, und die Stadt wirkte gleich ganz anders, als wir durch die Innenstadt schlenderten, die Uni anschauten und uns in Parks und Plattenläden die Zeit um die Ohren schlugen. Leckeres Gulasch-Abendessen gibt’s übrigens in der Puszta-Hütte am Neumarkt. Abends wurde dann die Reisekasse ein wenig durch einen Auftritt meinerseits beim Kunst gegen Bares im ARTheater in Ehrenfeld aufgebessert und gleich nebenbei mein unterwegs entstandener Text vor Publikum getestet. Noch anschließend legten wir den wahrscheinlich kürzesten Streckenabschnitt zurück, um nachts um zwölf bei meinen Eltern in Sankt Augustin anzukommen. Neben dem Verzehren guter Mahlzeiten und dem Verstauen zweier Boxen im Kofferraum verbrachten wir unsere Zeit damit, das seit einer Woche verlassene Kloster Siegburgs und seinen Abtei-Likör-Keller (gleicht mehr einer Garage) zu besuchen, mit meiner Schwester Jelka Musik aufzunehmen und dumme Sprüche zu machen. Nun gut, das machen wir natürlich nicht nur in Sankt Augustin. Aber hier wurde auch ausgiebig daran teilgenommen.
Dienstag Abend fuhren wir dann zu einem spontan per Schnick-Schnack-Schnuck ausgewählten nächsten Ziel. Eigentlich sollte es ja an den Vulkansee von Maria Laach gehen, doch das derzeitig unstete Wetter veranlasste uns zu einer kleinen Planänderung. So schlugen wir erstmals unser mitgebrachtes Zelt am Campingplatz zu Fuße der Marksburg in Bacharach südlich von Koblenz auf. Nach Köln und Sankt Augustin erreichten wir hier in gewisser Weise das Herz des Rheinlandes, aßen Dosenessen am Fluss und betrachteten den Sonnenuntergang. Am Mittwoch erklommen wir dann die Marksburg und integrierten so gleich nebenbei noch das Mittelalter in unser während der Reise erlerntes, freuten uns über das ausgestorbene, aber hübsche Fachwerkhäuser-Städtchen und fuhren nachmittags weiter zum Felsen der Loreley. Torben war begeistert vom erstmals so kennengelernten Rheinland und der Spruch “wir müssen mal hier für länger zurückkommen”, fand auch hier wieder seinen Platz. Und ich, ich fühlte mich fast ein wenig heimisch…
Wir müssen jetzt endgültig diese Legende aus der Welt fegen: es gibt Bielefeld. Wirklich. Glaubten wir erst auch nicht. Dafür gibt es dort schlecht gekochtes Essen. Unser Nudelauflauf hatte jedenfalls mehr was von Filmabend-Crackern. Wie auch immer, wir besuchten meine ehemalige Studienkommilitonin Marie in ihrer durchgeknallten WG, und obwohl das Zurechtfinden in der mancherorts überdimensionierten Stadt manchmal (für Marie) schwer war, fanden wir sogar zur Burg hoch. Ansonsten bietet Bielefeld ehrlicherweise wenig Berichtenswertes, außer einer dystopisch anmutenden Campus-Uni für 20.000 Studenten in einem einzigen, riesigen 70er-Jahre-Kasten. Leicht abstrus. Zum Glück wurden wir auf Derbste in Bielefelds wahrscheinlich Sitcom-reifster WG unterhalten.
Münster bot dann erwarteterweise mit niedlicher Innenstadt auf, kleinen Gässchen mit zahllosen Kirchen (wir gaben uns ein wenig Kulturprogramm), kleinen Lädchen und Mädchen mit Blumensträußen auf Fahrrädern. Hier trafen wir auch meine hallische Mitbewohnerin Johanna und ihren Freund Kamil, welcher gestern mit seiner Lossprechung eine fertige Ausbildung feiern konnte. Zusammen den Hafen entlanglaufen, in Bars rumhängen und im “Puschkin” abtanzen verlieh der Stadt noch den nötigen persönlichen Flair, und der einzige Grund zur Klage wäre gewesen, dass wir gegen halb zwei die Party verlassen mussten (früh aufstehen am nächsten Morgen…), wurden dafür aber von einem frisch gemachten Bett im Wintergarten der Kuglers (Johannas Eltern) erwartet und am morgen mit reichlichem Frühstück verwöhnt. Da geht die Fahrt gen Köln doch gleich viel leichter… würde es nur nicht so viel regnen… nun denn, wir hoffen auf besseres Wetter.





