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Playa Linda

Der ursrüngliche Plan sah anders aus. Zusammen mit Christian wollten wir gesern auf eine Exkursion gestartet sein, bei der wir drei Tage lang verschiedene Inseln mit ehemaligen Palenques besuchen würden. Nach dem finanziellen Hick-Hack in San Basilio (an dem er nicht ganz unschuldig war) kamen wir jedoch ins Überlegen: wie viel würden wir hier extra zahlen, und was würden wir dann überhaupt noch für unser Geld bekommen? Die Entscheidung wurde uns abgenommen, da Christian noch bevor wir uns mit ihm treffen konnten (was aus Kommunikationsgründen nicht mehr zustandekam) schrieb, dass die Abfahrt auf Mittwoch verschoben werden müsste – der angedachte 3-Tagesrahmen wäre mit unserem Rückflug am Freitag morgen ohnehin nicht vereinbar gewesen. Also entschieden wir uns spontan, selbstständig auf eine nahegelegene Insel zu fahren und auf das Inselhopping zu verzichten. Noch am Montag abend, als wir in der zum Treffen angedachten Bar sassen und von einer Chapata-Band angenehm überrascht wurden (übrigens auch Musik mit afrokolumbianischen Wurzeln) und uns wieder ziemlich wachtanzten, lernten wir Melissa und Diego kennen, indem erstere auf uns zukam und fragte ob wir Argentinier seien (das alte Backbackerspiel zu schätzen, wo andere herkommen). Sie selbst ist nebenbei Argentinierin, und ihre Begleitung ein Peruaner – selten genug, einen Peruano auf Reisen zu sehen. Verständlicherweise kamen wir schnell ins Gespräch. Und so kam es schlielich, dass nach einer Bootüberfahrt von Boca Grande aus zur Playa Linda (dem „schönen Strand“) ein Peruaner, eine Argentinierin, eine Gringa und ich mit leichtem Gepäck an dem seinem Namen gerecht werdenden Strand ankamen. Meerbrise, wohltemperiertes Karibik-Wasser, nur ein kleines Restaurant mit Cabaña und wenig anderen Besuchern – wie die kolumianische Tourismuskampagne so schön sagt: Das einzige Risiko ist, dass du bleiben willst. Auch wenn der Cabaña-Besitzer geradezu paranoide Sicherheitsvorkehrungen an den Tag legt: wir sollten unser Zelt und die Hängematten von Diego und Melssa direkt bei der Holzhütte aufsellen, er würde die Nacht über Wachdienst halten (zwei Hunde gabs auch noch) und als wir (tagsüber!) ins Dorf auf der Insel liefen um Lnsmittel zu kaufen, schickte er uns einen Freund mit auf den Weg. Wegen Sicherheit. Nun gut, vielleicht lieber zu viel als zu wenig, aber er machte mich nervöser als nötig gewesen wäre. Aber immerhin: das Zelt aufstellen kostete uns ebenso wenietwas wie die zur Verfügung gestellten Kochmaterialien, so das selbst ein ausgiebigeres Trinkgeld wirklich angemessen war. Heut assen wir auch dort sehr lecker zu Mittag (Patacones, Kokosreis und frischen Fisch für die Fischesser, frisches Pollo für mich 😉 ), damit sich der Aufwand für ihn auch irgendwie gelohnt hat. So verbrachten wir die Zeit bei Sonnenscheint mit schwimmen, lesen, schreiben, plaudern, essen, kochen (gestern zumindest) und in der Sonne faulenzen, und en Abend mit gutem Rum am Strandlagerfeuer. Brauch ich da noch Fotos, um euch neidisch zu machen? …Eigentlich nicht. Kann ich eh immer noch nicht 😉

Den Abend verbrachten wir dann sehr gemütlich in unserem Barrio Getsemani, mit frischem Maracuya-Bananensaft vor einer kleinen, untouristischen Plaza und viel umherschlendern, denn dafür ist Cartagena wirklich wie geschaffen.

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Paisa-Natur: Arví und Guatape.

Medellin mit seinem hektischen Großstadt-Flair kann ein wenig anstrengend sein. Zum Glück hat Antioquia aber dafür so viel Natur zu bieten, dass ich Jordan einige fantastische Orte direkt um die Ecke zeigen konnte: Gestern gingen wir in den Parque Arví, wo ich schon kurz vorher noch einmal wandern war. Mit der an die Metro angeschlossenen Seilbahn fährt man an der pompösen Biblioteca de España vorbei bis in einen nahegelegenen Natur-Erholungspark, der so groß ist, dass man gar nicht wirklich alles durchwandern kann. Wir sahen entsprechend auch diesmal nur einen kleinen Bruchteil, der jedoch auch so schon eine willkommene Erholung der Großstadt war. Dass wir nebenbei noch Canopy-Zipline über den See fuhren und Jordan ihre erste „Bandeja Paisa“ (typisches Gericht aus Antioquia, sehr viel Fleisch) und Bocadillo (Süßspeise aus Karamellartiger Substanz mit verschiedenen Geschmäckern) probierte, machte den Tag zusätzlich abwechslungsreich. Und die mit uns in der Seilbahn sitzenden Kolumbianer bewiesen aufs Neue ihre Neugier für alles Ausländische und ihre unnachahmliche Freundlichkeit.
Heute fuhren wir dann zu einem meiner Top 3-Orte der Welt. Der Stein „El Peñol“ von Guatapé. Da war ich ja auch im Januar schon (Blogeintrag von damals und Video) und musste unbedingt zurück, und es war heute sehr sehr schön. Ich zwang Jordan, auf dem ganzen Aufstieg bis hoch auf die kleine Grünfläche oben am Aussichtspunkt auf dem 200 Meter-Stein in keine andere Richtung als gen Stein selbst oder Boden zu gucken, so dass sie das erste Mal von dort oben auf das wahrscheinlich schönste Nebenprodukt menschlichen Energiedurstes der Welt blickte. In den 70ern wurde ein Fluss per Staudamm zur Energiegewinnung aufgestaut, so dass sich die Landschaft von kleinen Hügeln und Tälern in einen See voller Inseln und Halbinseln verwandelte. Und der Blick ist natürlich umso fantastischer von dieser Felsformation aus. Anschließend fuhren wir mit einer der bunt angemalten Chivas (ich handelte von 10.000 auf 5.000 runter! 😉 ) in den Ort Guatapé, voller bunter kleiner Häuser. Wir hatten uns vorgenommen, schwimmen zu gehen, und entschieden uns kurzfristig, dass es schlauer wäre, wenn wir dafür per Boot von dem Ort wegkommen. Wir liehen uns für 2 1/2 Stunden (wieder gehandelt, auf 20.000, also 10$) ein Tretboot und fuhren in eine hübsche kleine abgelegene Bucht, wo man mit Blick auf den Stein von Guatapé schwimmen konnte. Wir gingen dann noch ein wenig an Land, eigentlich öffentlicher Besitz, aber schon nach wenigen 100 Metern sahen wir ein umzäuntes Grundstück und zwei laut bellende Hunde – davon einer auf unserer Seite des Zaunes, ein gutes Stück weiter unten am Hügel, aber trotzdem auf uns zukommend. Wir verzichteten auf das Risiko und machten uns schleunigst zurück auf das Boot.
Meiner Meinung nach, und erleichternderweise, auch beim zweiten Besuch noch absolut umwerfend, und einer der schönsten Orte der Erde. Ich denke Jordan geht es ähnlich, aber lest selbst: jordanecdotes.blogspot.com

Fotos kann ich leider immer noch nicht hochladen, da mein Blog-Dienst da irgendein Problem hat. Sie haben schon geschrieben es würde bald behoben werden… nun ja, mal sehen. Werden also einige Fotos dann demnächst nachgereicht.

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Kann ich eigentlich aus dem Schwärmen wieder rauskommen?

Jaime zu Pferd…was für ein unglaublicher Tag. An alle (zukünftigen) Kolumbienreisenden: das hier ist schwerstens zu empfehlen.
Inzwischen in Jardín in einem Hotel untergekommen, fuhr ich um 12 Uhr mit einem Willy Jeep (die hier als öffentliches Transportmittel fungieren, samt bis zu drei Leuten die hinten draufstehen – ja, mir inklusive 🙂 ) ca 30 Minuten in die umliegenden Hügel zur Finka von Jaime. Schonmal ein guter Anfang, so auf der Trittfläche eines alten Jeeps stehend durch die Hügel Jardins zu fahren. Dort wartete Jaime mit einem bereits fertig gesattelten Pferd namens „Cipriano“ auf mich, Caballeroschwang sich selbst auf einen Esel, ich mich auf den grossen Braunen, und los ging es, circa 45 Minuten zu Pferd weiter in die hügelige Landschaft, mit kurzem Zwischenstopp bei einem Hof, wo die anwesende Frau Gummistiefel für 1$ verleiht (das sollte man dringend annehmen) und dann durch Matsch und über Wiesen und einen kleinen Bach in Schritt, Trab und Galopp zu einem kleinen Stall, wo wir Pferd und Esel eine Pause gönnten. Wir selbst zogen direkt weiter, da es ein wenig nach Regen aussah (der letztenendes zum Glück nicht kam), und wir deshalb nicht allzu viel zögern wollten. „Es gibt zwei Wege, oben um den Fluss rum,Den Fluss durchwatend oder durch den Fluss durch, das geht schneller“, meinte Jaime. Nun, wir hatten Gummistiefel. Und ganz ehrlich, auch ohne Eile hätte sich der Weg durch den Fluss gelohnt. Wir liefen wirklich den Flusslauf hinunter, mal auf Steinen, mal auf kleinen Wegstückchen daneben, mal durch mehr oder weniger tiefen Fluss. Ein Stückchen weiter durch den Wald, der, würde ich nicht den Amazonas kennen, glatt als Dschungel durchginge, und wir erreichten La Cueva del Esplendedor: La Cueva del EsplendorUnter der Cascada badendeine Höhle, in deren Mitte ein gigantischer Wasserfall hinabstürzt, der feuchtgrüne Wald zu beiden Ausgängen der Höhle. Natürlich ging ich ein wenig schwimmen und genoss dieses fantastische Naturschauspiel in allen RichtungenUnter dem Sprühregen-Wasserfall(draussen fliesst ein weiterer, kleinerer Fluss eine grünbewachsene Feldwand hinunter, doch noch so wenig, dass es wie eine konstante Wand aus Sprühregen aussieht). Un maravillo. Den Rückweg gingen wir obenherum, an der Quelle des letzteren Flüsschens vorbei und zurück zu unseren wartenden Huftieren. Mein Fuchs „Cipriano“ konnte es kaum erwarten, zurück in seinen Heimstall zu kommen, und wir galoppierten so schnell durch die Herr der Ringe-Setting in den Schatten schlagende Landschaft, dass Jaime auf seinem Esel gar nicht hinterherkam. So, noch kürzer gefasst: jeder einzelne Peso (35000 plus 4000 die Jeepfahrten plus 2000 die Gummistiefel, also ca 20 Euro) hat sich mehr als gelohnt.

Vor der Cueva del Esplendor

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Garten Eden

Ich beim wandern unter BananenstaudenOh, ich muss meine gestrigen Gedanken korrigieren – Jardín IST noch besser als Andes. Um Meilen. Früh aufgestanden verbrachte ich den ganzen tag in diesem von grünem Samt überzogenen Hügeln mit Bananenplantagen umgebenen Städtchen, dass sich um eine herrlich weitläufige Plaza mit imposanter Kathedrale ausstreckt, in Gässchen von bunt gestrichenen, Holzbalkon-beflissenen Häuschen; in dem man nicht zumeist zu Fuss bewegt und die Cafés an der Plaza gar Aguapanela haben. Ein Lädchen namens „Dulces de Jardín“ verkauft Arequipe/Dulce de Leche und Bocadillos in allen vorstellbaren Geschmacksrichtungen (Kaffee, Banane, Guave, Himbeere, Karamell, Schoko, Lulo, viele Sachen deren Namen ich zum ersten Mal hörte, und ja, Guanabana! Yeah!), und eine kleine Seilbahn mit nur einem Wägelchen transportiert einen zu einem Gesus-Statur-bestückten Hügel, von dem aus man einen tollen Blick auf den Ort hat und noch ein wenig über vom Morgenregen verschlammte Pfade an Kuhweiden vorbeiwandern kann. Dort traf ich zufällig auch drei Deutsche, von denen eine in Medellin lebt und die drei Jahre ihrer Kindheit hier verbrachte. Praktischerweise wird sie auch während meines Aufenthalts an der Küste in Cartagena sein (bei einer Ausgrabung, da sie Archäologin ist), und hat mir angeboten, da in der für diesen Zeitraum angemieteten Wohnung bleiben zu können. Wir gingen noch zusammen essen und zum Fluss runter, bis die drei nach einem Kaffee an der Plaza dann losmussten, ich hingegen noch ein paar Stunden in der herrlichen umgebenden Landschaft wandern ging. Hinter jedem Hügel gingen mir von neuem die Augen auf und staunten ob solcher natürlicher Schönheit. Es ist weder in Worte, noch in Fotos zu fassen. Ich tendiere stark dazu, nächste Nacht dort zu übernachten, um auch Donnerstag noch bleiben zu können, und das Stadtvögel-Skypen eben von dort zu machen. Was eilt es mich bei dieser Gegend schon, in die Stadt zurückzukehren?

Tal von Jardin Jardins Kathedrale Der nahegelegene Fluss bei Jardin öffentlicher Transport 1 Teich mitten in den Hügeln Jardins öffentlicher Transport 2

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Spontan sein

So… meine Zeitungsrecherche ist inzwischen abgeschlossen. Ich war sehr viel in der Bibliothek letzte Woche, deshalb passierte sonst recht wenig, dafür bin ich jetzt damit fertig und brauche mich erst wieder in Palenque meiner Thesis widmen. Samstag hatte ich alle anderen verbleibenden Sachen erledigt, Sonntag wollte ich eigentlich in den Parque Arvi fahren. AlsBiblioteca de España ich dann aber im Metrocable sass, fing es an zu regnen, und ich entschied mich kurzfristig, schon bei der Biblioteca de España auszusteigen, in die ich eh irgendwann noch gehen wollte. Ich hätte es mir aber auch sparen können, sie ist längst nicht so spektakulär wie sie von aussen aussieht. Da es wider regnete als ich rauskam, fuhr ich zurück in die Stadt und ging ins Museo de Antioquia. Zum Glück war der Eintritt für Studenten frei, denn auch hier kam ich nicht übermässig zufrieden wieder raus – der einzig wirklich interessante Saal (indigene Kunst) ist im Umbau, und sonst waren nur die paar Botero-Ausstellungsräue einigermassen ansprechend. Da Jessica nicht erreichbar war (mit deren Familie ich eigentlich Abendessen wollte und nachher mit ihr Felipe besuchen wollte, den Gitarristen den ich bereits im Januar kennengelernt hatte), drohte ich den Abend yuhause zu versacken, entschied mich dann jedoch sponan, nochmal auf die Feria im Botanischen Garten yu gehen. Die ging gestern gerade zuende – was insofern gut war, da ich so insgesamt 6 Bücher für nur 35 Euro kaufen konnte (davon drei sehr nützlich für meine Thesis). Trotzdem schade, es war eine sehr schön gestaltete Buchausstellung mit vielen Ständen und kulturellen Veranstaltungen und Seminaren, darunter mehrere zum Thema Afrokolumbianer.
Heute nahm ich mir vor, nach Santa Fé de Antioquia zu fahren. Extra früh aufgestanden, nach Bzrons Auskunft zum Terminal del Sur gefahren… und da festgestellt, dass man nach Santa Fé vom Terminal del Norte kommtFreute mich schon, nochmal quer durch die Stadt zu fahren, da sah ich im Augenwinkel eine Busgesellschaft mit dem Ziel Jardín, wo ich am kommenden Wochenende hinwollte. Tja, jetyt war ich schonmal hier, entschied mich also spontan, eben heute schon dorthijn zu fahren.
– 3 Stunden später –
…kam ich spontanerweise nicht in Jardín an, sondern in Andes – etwa 20 min vor Jardín. Der Bus hielt an der Plaza, viele Leute stiegen aus, der Fahrer sah mich an und fragte, wo ich hin wolle; ich sagte Jardín, und er meinte, das sei hier. Keine Ahnung warum. Jedenfalls stieg ich aus, fand direkt an der Plaza ein Zimmer für 16000 die Nacht und stellte erst danach fest, dass ich hier in Andes bin. Tja, nun war ich schonmal hier, entschied mich also spontan den Rest des Tages in diesem vforandinen Kaffeestädtchen zu verbringen und dann morgen als Tagesausflug nach Jardín zu fahren. Was kann man denn hier so machen, fragte ich die Rezeptionistin – die keine rechte Antwort wusste. Fluss bei AndesAlso ging ich wandern, keine 10 Minuten von der Plaza war ich am Fluss, an dem ein hübscher kleiner als halber Steg befestigter Weg entlangführt, überkreuzte den Fluss und wanderte dann zwischen Kaffeeplantagen und Bananenstauden den nächstbesten Hügel hinauf. Tal von AntioquiaDie Aussicht war atemberaubend, und ich bin froh, hier gelandet zu sein. Selbst der Abend mit Kaffe auf der Plaza, den Städtchentrubel um mich rum, hatte im Vergleich zu Medellin etwas angenehm ruhiges. Überhaupt – das fehlte mir in Medellin. PlantageDiese Atmosphäre einer lateinamerikanischen Kleinstadt, wo ich statt des Rocks meiner Mitbewohner (nichts dagegen) Cumbia und Salsa aus den Cafés und Kneipen höre, wo die bunt bemalten Holzbussse als Transportmittel dienen und Kinder „Tisch“tennis auf dem Boden der Plaza Bolivar spielen. Wo die ganze Stadt nach 6 auf die Plaza kommt um Tinto oder ein Pilsen zu trinken und zu plaudern, wo die kleinen Supermärkte vn Kooperativen betrieben werden und wo es so wenig Tourismus gibt, dass die Polizisten, die aus unerfindlichen Gründen mitten auf einem Weg in den Kaffeehügeln eine Personenkontrolle machen, ganz erstaunt sind, dass ich hier „de Paseo“ (auf Reisen) bin. Und leckere Bandeja Paisa zum Mittagessen. Was will ich mehr. Herrlich.

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Deutschland-Tour: Bamberg und Weimar

BambergIch muss einen weiteren Ort auf meine Liste der definitiv lebenswerten Städte und potentiellen Masterkandidaten stellen. Okay, 70.000 Einwohner ist wirklich nicht gerade eine Maßzahl für eine aufregende Stadt, doch Bamberg ist trotz seiner geringen Größe ein erstaunlicher Ort, nicht zuletzt dank regen Uni-Lebens und der einstigen Größe, die eine Innenstadt mit Weltkulturerbe-Status hinterlassen hat. Wir kamen bei meinem ehemaligen Klassenkameraden Christian unter, dem es dort so gefällt, dass er auch für den kommenden Master gleich hier bleiben will. Leider konnte er nicht allzu viel Zeit mit uns verbringen, da er seine letzten Klausuren zu leisten hatte. Dienstag Abend, nachdem Torben und ich ein ausführlichstes Interview mit zwei Mitgliedern der oberfränkischen Rap- Volxgesang-Musikgruppe Kellerkommando (ja, wirklich. Es ist grandios, sie sind übrigens auch im Soundtrack vom bald anlaufenden „Resturlaub“) geführt hatten, gönnte er sich aber ein wenig Freizeit und wir chillten zusammen mit ein paar befreundeten Musikern in „Lagerfeuerromantik mit mobilem Verstärker“ am Sonnentempel im bambergschen Hain – ein riesiges Wald- und Wiesengebiet noch auf der zentralen Insel der Stadt. Klang das schon nach einem fantastischen Abend, kamen wir am Mittwoch aus dem Staunen kaum mehr heraus: eine bildschöne Innenstadt voller Fachwerkhäuser, einem Kloster und einem Palast auf mehreren Hügeln verteilt, „Klein-Venedig“ im früheren Fischerviertel direkt an der Regnitz und die höchste Brauerei-Dichte der Welt… das berühmte lokale Rauchbier trinkt man entsprechend auch nicht nur aus dem Glas, sondern verwendet es auch in der Soße zur „Bamberger Zwiebel“. Dazu die Mischung aus fränkischem Dialekt und hohem Studentenanteil (da spiegelt sich auch das Konzept der Band Kellerkommando wieder) – Bamberg übertrifft wirklich alle Erwartungen. Am späten Nachmittag schleppten wir dann Christians Faltboot (ein zusammenbaubares Kanu aus DDR-Zeiten, dass in zwei große Säcke verstaut werden kann) an den Kanal, bauten es dank Christians professioneller Hilfe sogar erfolgreich zusammen und umfuhren in drei Stunden die gesamte Inselstadt, an drei Schleusen das Kanu über Land vorbeitragend, vorbei am stillen Hain, dem riesigen Hafen und der bevölkerten Innenstadt samt Klein-Venedig. Wäre ein perfekter Ausflug gewesen, mit einem kleinen stimmungstrübenden Aspekt: als wir (zum Glück) bereits angelegt hatten und Torben loszog, um das Auto zu holen, während ich das Kanu zusammenbaute fing es an, wie aus Eimern zu regnen, was das Zusammenpacken nun wirklich nicht gerade angenehm machte. Aber solange eine unschöne Überraschung aus den Wolken während des Zusammenbauens das Einzige ist, was unseren Aufenthalt in Bamberg trübte, vermeiden wir doch jegliche Beschwerden – hat doch das kleine Bamberg dazu beigetragen, unsere Deutschlandtour auch in den letzten Tagen noch zu einer grandiosen Reise zu verwandeln.

WeimarUnser letzter Aufenthalt führte uns dann nach Thüringen, wo wir von Donnerstag auf Freitag in Weimar weilten. Mein guter Freund Andi aus Halle empfing uns in seiner Heimatstadt und führte uns durch dieses Denkerstädtchen, in dem an jeder Ecke irgendein Bezug zu Goethe und Schiller und diversen anderen Promis aus deren Tagen. Das überteuerte Goethehaus sparten wir uns (selbst das am Freitag noch besichtigte Gartenhaus Goethes im Park lies nur spärliche Begeisterung aufkommen), und für den hochgelobten Rokokosaal der Bibliothek bekamen wir keines der täglich begrenzten Eintrittstickets mehr, und so erlebten wir Weimar vor allem von draußen – was jedoch ein herrlicher Abschluss unserer Tour war, und wir noch einmal gehörig zur Ruhe kommen konnten – die ohnehin recht ruhige Kleinstadt besteht nahezu zur Hälfte aus einem riesigen Park voller versteckter Kleinigkeiten (Ruinen, kleine Hütten, Brücken…), in welchem wir gemütlich umherwanderten, schlenderten durch die geschichtsträchtigen Straßen und genossen die Unaufgeregtheit. Den Abend verbrachten wir ähnlich angenehm im „Falken“, einer demographisch herrlich durchmischten, urigen Kneipe mit Jazzband und leider nicht ganz so gutem Cuba Libre. Die perfekte Krönung für einen solch entspannenden Aufenthalt: freitägliches französisches Frühstück mit Zeitunglesen und abschließender Spaziergang durch den Park. Das klingt vielleicht nicht wahnsinnig spannend, sorgte aber dafür, dass wir nun schön entspannt mit der Sonne im Nacken wieder in unser Halle zurückkehren können.
Dreitausend Kilometer Entfernung haben wir in fast drei Wochen zurückgelegt, von den Metropolen dieses Landes bis zu den kleinsten Örtchen mitten im Nirgendwo, von den Partymeilen bis zu den ruhigsten Seen, schliefen bei Verwandten, alten Freunden, Couchsurfern sowie in einem Hotel und im Zelt, konnten so gut wie überall mit den hilfreichen Tipps, Stadtführungen und Wegbegleitungen durch all diese Menschen rechnen, durch die wir jede Station unserer Tour auf neue Weise entdecken durften. Wir sahen alte Fabriken und Trend-Viertel, Burgen und Kirchen, ein Konzentrationslager, das Meer und viele Flüsse, mittelalterliche Städte und abstruse Campus-Unis und Touristenattraktionen; wir gingen zu Konzerten und interviewten gleich drei Interpreten für unsere Radiosendung, grillten, kochten Dosenessen auf dem Campingkocher und aßen fantastische lokale Spezialitäten, und Torbens Auto ist jetzt ungefähr doppelt so voll und dreimal so dreckig wie zuvor. Klingt nach einer guten Bilanz.

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Deutschland-Reise: Baden-Württemberg

Unterschiedlicher könnte sich der baden-württembergische Südwesten uns kaum präsentiert haben als in diesen drei Orten – Heidelberg, Stuttgart und Tübingen machten den zweiten Teil dieser Woche unerwartet abwechslungsreich. In Heidelberg nächtigten wir bei Marcel, einem äußerst liebenswürdigem Couchsurfer in einer 4×7-WG-Kommune. Wir trafen ihn an der Villa Nachttanz außerhalb Heidelbergs, wo er Mittwochs nachmittag einen Stand für „Coffee ohne Grenzen“ aufbaute, ein alternatives Projekt mit Ziel eines ehrenamtlich-gemeinnützigen Cafés in Heidelberg. Durch den wahnsinnig autounfreundlichen Verkehr der Stadt (die übrigens kleiner ist als Halle! Wirklich!) kamen wir in seine Bude, und der alternative Hippie-flair sollte uns bis zu unserer Abreise umgeben. So verbrachten wir auch den Abend mit ihnen bei einem Konzert „Rollis für Afrika“, wo unter anderem zwei Mitglieder der an sich hervorragenden Band Irie Revoltés spielten – dass die sich offenbar zum radikalen Teil der Antifa zählen, brachte uns dann jedoch davon ab, sie für unsere Sendung zu interviewen. Wir waren KO von der Fahrt und nur die anschließend zwischendurch gespielten Hip Hop Klassiker ließen uns noch auf den Beinen halten, ein wenig genervt waren wir aber irgendwann schon, dass der verplante Haufen nicht so leicht zum gemeinsamen Zurückkehren zu koordinieren war. Das WG-Frühstück vesöhnte uns jedoch schnell, und wir durften feststellen, dass wir in einer sehr amüsanten, lebensfrohen und angenehmen Gesellschaft gelandet waren. Marcel gab dann im Anschluss auch sein Bestes, uns durch die Stadt zu führen, über den Philosophenweg und die alte Brücke bis zum berühmten Heidelberger Schloss hoch, dabei wies er uns nicht nur auf die gewöhnlichen Sehenswürdigkeiten hin sondern auch, wo sich gleich mehrere Studentenverbindungen die Villen in bester Lage geschnappt hatten und von wo aus man Farbballons auf diese werfen kann, oder auch wie viel Geld die Uni für ein paar luxuriöse Toiletten in einem frisch renovierten Gebäude ausgegeben hat, anstatt dies für Professuren zu verwenden. Die Gesprächsthemen gingen uns jedenfalls nicht aus, und wir legten wahrscheinlich mehr Kilometer zurück, als Heidelberg lang ist, bevor wir noch eine Weile die Sonnenstrahlen auf der Neckarwiese genossen. Abends fuhr Torben dann ins nahegelegene Kaiserslautern, um Helena zu besuchen, die leider nicht die Zeit hatte, nach Heidelberg herunterzukommen, während ich spontanerweise am in der erwähnten Villa stattfindenden Poetry Slam teilnehmen konnte. Das Wetter spielte mit, und so war ein schöner Abend mit hohem Publikumsandrang und guten Poeten gegeben, und den Rest der Zeit verbrachte ich mit unseren Kommunenfreunden am Kaffeestand mit interessanten Gesprächen und guten Brownies. Natürlich wurde der Abend lang. Ein wenig schade deshalb, dass am nächsten Morgen nur Marcel es schaffte, mehr oder weniger zeitig aufzustehen und mit uns zu frühstücken, bevor wir schließlich unsere Sachen packten und nach Stuttgart aufbrachen.
Auch hier durften wir wieder mit der Gastfreundschaft eines Couchsurfers rechnen – Luke, der selbst nur ein Semester Chemie in Stuttgart studiert und dann wieder in die USA zurückkehrt, nahm uns in seinem Sutdentenwohnheims-Zimmer auf. Wir trafen uns im Stadtzentrum mit ihm, wo wir gleich nach einem ersten Spaziergang durch die Fußgängerzone auf eine Versammlung von Stuttgart-21-Gegnern trafen. Wie könnte es dieser Tage auch anders sein. Sehr interessant zu sehen, wie viele Generationen und sozioökonomische Klassen sich hier plötzlich für eine Sache vereinigen. Nach schwäbischen Spätzle erlebten wir dann gleich die gehobene Variante des Demonstrantentums: eine leider viel kleinere Gruppe demonstrierte für Freiheit und Demokratie in Syrien. Einer der jungen Demonstranten sprach uns an, ob wir Fragen zu der Thematik hätten, woraufhin ein älterer Kroate neben uns eine Diskussion startete, in die sich noch zwei weitere Passanten einmischten. Ein sehr schönes Beispiel lebendiger Politik-Kultur, auch wenn leider der Standpunkt des Herren (man benötige erst ein Programm/eine Agenda um effektiv etwas ändern zu können) mit dem unseren (zuerst benötigt man das Fundament einer funktionierenden Demokratie) nicht zu vereinbaren war. Ein Ziel der Demonstranten wäre jedoch trotzdem erreicht, nämlich eine gewisse Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen. Stuttgart-21 wirkte danach auch gleich viel banaler. 
Nach so viel Stadtsicht, Diskussion und Umherlaufen war ein ereignisloser Abend in Lukes Studentenbude sowohl angenehm als auch angebracht. 
Am Samstag hatten wir uns dann eigentlich vorgenommen, in das im Schwarzwald gelegene Wildberg zu fahren, um ein wenig Natur mitzukriegen. Nach einem zwischenzeitlichen Abstecher nach Metzingen, wo Torben in zwei der endlos vielen Outlet-Stores dem Shoppingwahn fröhnte, erreichten wir auch tatsächlich das durchaus beschauliche Wildberg – mussten jedoch nach einer Stunde feststellen, dass wir auf dem „Panoramaweg“ außerhalb des Ortes nicht allzu viel der gewünschten Natur vorfanden, sondern stattdessen den Geräuschen von Autos und Hausbau aus dem im Tal gelegenen Ort nicht entkommen konnten. Ich will Wildberg gar nicht mal schlecht reden, aber wir hatten uns schon was anderes vom Schwarzwald vorgestellt. Wir zogen also unsere Deutschlandkarte zu Rate und entschieden uns kurzfristig, nach Tübingen zu fahren. Das vom Bordstein an instandgehaltene Universitätsstädtchen liegt ganz nah an der Grenze zu „zu geleckt“, herausgeputzt und aufgehübscht – und doch, was für ein herrlicher Ort, ein ruhig gelegenes Schloss, Kleinstadtatmosphäre-Fußgängerzone und gerade genug Studentenflair, um es nicht zu bieder werden zu lassen. Beschweren konnten wir uns jedenfalls nicht über unseren Tagesausflug, von dem wir erneut nach Stuttgart zurückkehrten. Hier trafen wir uns abends mit Luke und zwei Freunden Torbens, Baha und Michael. Auch wenn wir bei einem Frauenanteil von 1/5 es nicht allzu leicht hatten, in die verschiedenen Clubs reinzukommen, verhalf die geballte Ortskenntnis uns doch zu einer fantastisch Nacht, in den aufgrund des Christopher Street Days wahrscheinlich dreimal so vollen Bars und Clubs der Stadt.
Heute früh besuchten wir dann noch mit Luke zusammen das Mercedes-Museum, welches wirklich bemerkenswert gut gestaltet und organisiert ist, so dass selbst Nicht-Auto-Freaks wie ich begeistert werden konnten. Also zusammengefasst: Demonstrationen, Partys, Unistädte, nette Leute, schwäbisches Essen und schwäbische Mundart, Kultur, Natur, Hippies, Naturwissenschaftler, ein Poetry Slam und Konzerte… alles in einem Bundesland. Wer sagt, Deutschland sei langweilig?

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Rostock und die Ostsee

Rostock StadtEs war ein weißer Fleck auf der Karte in unserem Kopf. „Wir müssen irgendwohin an die Ostsee“, dachten wir uns, und zuvorderst aus pragmatischen Argumenten schickten wir ein paar Couchsurfing-Anfragen an ein paar Rostocker. Dankenswerterweise nahm Laureen uns auf, und sorgte trotz ihrer derzeit arbeitsreichen Tage dafür, dass Rostock einige Pluspunkte in unserer mentalen Deutschlandkarte bekam. Kaum in den frühen Abendstunden angekommen genossen wir den Luxus einer privaten Stadtführung durch das Sonnenbeschienene Städtchen und ließen den Tag mit Essen im „Heumond“ und Cuba Libre auf ihrer Dachterasse ausklingen. Leuchtturm in WarnemündeAm Mittwoch verbrachten wir dann den halben Tag an der Ostsee in Warnemünde, Heiligendamm und Kühlungsborn, Torben und ich am Strandgingen in den (diesmal wirklich) kalten Fluten der Ostsee schwimmen, schlenderten durch die touristisch geprägte Altstadt Warnemündes, bewunderten die Strandvillen und -Hotels in Heiligendamm und fuhren dann von Kühlungsborn aus zurück nach Rostock.
Hier bekamen die Radiomoderatoren und Hip-Hop-Fans in uns ein besonderes Schmankerl: Laureen, die bei dem lokalen freien Radio „Lohro“ arbeitet, zeigte uns die Räume des gerade sechs Jahre jungen Radiosenders (im Vergleich zu Corax um einiges organisierter, aber technisch dafür noch nicht ganz so gut eingerichtet) und stellte uns Florian Zent vor, einem Rapper der Rostocker Gruppe „Sun of a Gun“, der dort ebenfalls eine Zeit lang eine Hip Hop Sendung moderierte. Wir schnappten unser Aufnahmegerät und machten nicht nur eine kleine Aufnahme für unsere Anfang August erscheinende On-the-Road-Sendung bei Stadtvögel zu machen, sondern gleich noch ein längeres Interview dran zu hängen, welches wir in eine spätere Sendung einbinden werden. Das wir Laureen als Dank für ihre Gastfreundschaft abends mit Ananas-Curry-Hähnchengeschnetzeltem bekochten, war in Folge natürlich Ehrensache, und passte außerdem in den Rahmen unserer hallischen Mittwochs-Kochabend-Tradition. Und wenn man schon eine Dachterasse zur Verfügung hat, muss dort natürlich auch der Abend ausklingen. Good times, ein weißer Fleck weniger auf der mentalen Landkarte, und in der Ostsee geschwommen, plus Stadtvögel-Hochgefühl. Und wir machten uns Sorgen, dass wir unser Level nicht halten können…

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Deutschlandtour: Mecklenburger Seenplatte

Mecklenburger SeenplatteKontrast: 100%. Sonnenuntergang überm See statt Neonlichter, Vögelgezwitscher statt Menschenmassen, Grillen und Lagerfeuer statt Dönerbude. Auch das gehört zu Deutschland, und erfreulicherweise konnten Torben und ich dank der Gastfreundschaft von Ulrike und Marian Reinartz einen sehr schönen Aufenthalt in diesem herrlichen Ort an der Mecklenburger Seenplatte zu unserer Tour zählen. Fürstenberg, ein selbst zur Hauptsaison eher gemütlicher kleiner Ort, mag nicht viel mehr als eine nette Marktkirche zu bieten haben, doch was an Stadt fehlt, macht das Land mit Abstand wett. Montag machten wir uns mit dem Kanu auf, durchkreuzten zwei Seen und ein Stückchen Havel samt dem Fisch-Kanu-Pass mit seinen reißenden Fluten, gingen natürlich auch in den eiskalten Fluten schwimmen und entschieden uns spontan, uns die leerstehende Mischfutter-Fabrik, die den See säumt, aus der Nähe anzusehen. Fürstenberg MischfutterfabrikdBis aufs Dach des 42 Meter hohen Silos bahnten wir unseren Weg durch halbzerfallene Stockwerke durch Räume, in denen wir neben einer völlig intakten Schalttafel alles von 2006er Telefonbüchern bis zu SED-Direktivenheften aus den späten 80ern fanden, Regalschränke mit Tonbandaufnahmen und zurückgelassenen Ordnern, Spinde mit Pin-Up-Mädchen und DDR-Wandkarten. Der Geruch von Rattengift in der Luft, das Geräusch des vom Wind bewegten Wellbleches und knarrende Türen. Wir konnten uns kaum von diesem Prachtstück lösen, um zurück ins Hause Reinartz zu paddeln. Per Rad ging es weiter durch die Natur, eine alte Eisenbahnfähre am Wegesrand und zu viele Mücken in der Luft. Perfekter Abendausklang am Lagerfeuer mit Gegrilltem, Rotwein und langen Gesprächen bis in die Nacht, während die Fledermäuse nahezu lautlos über den dunklen See huschen.
Heute besichtigten wir dann die Gedenkstätte Ravensbrück auf der anderen Seite des Sees, wo die Nazis einst das größte Frauen-KZ des Landes betrieben, und vor allem politische Gefangene, aber auch Sinti, Roma und Juden aufgrund ihrer Abstammung in Verzweiflung und Tod trieben. All dies lässt sich kaum in angemessener Weise hier niederschreiben, doch ich möchte den Inhalt einer der Tafeln wiedergeben, der den wohl stärksten Impakt auf mich hatte:

Weihnachten 1944 bastelten einige der inhaftierten Frauen Puppen, um die nebenan internierten Kinder und Jugendlichen zu Weihnachten zu unterhalten – zuerst verbotenerweise natürlich. Überraschenderweise gestattete der Lagerkommandant auf eine mutige Anfrage jedoch tatsächlich, eine kleine Weihnachtsfeier für die Kinder durchzuführen: es gab ein Kasperletheater mit den Puppen, Musik, und einer der sonst gefürchteten Aufseher verteilte gar „Zuckerl“ an die Kinder, und versprach ihnen eine glorreiche Zukunft im kommenden, erfolgreichen Nazideutschland.
Im Januar 1945 wurden mehrere Tausend Kinder aus dem KZ Ravensbrück zur Vergasung geschickt.

Es blieben kaum Worte, die im Anschluss gesprochen werden wollten. Still radelten wir zurück auf die andere Seite des Sees. Die Schönheit des Sees, die strahlende Sonne und die rauschenden Bäume brauchen eine Weile, um meinem Hirn erneut einzureden, dass diese Welt ein schöner, guter Ort ist. Wir sollten trotz allem nicht aufhören, ihnen zu glauben.

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Costa Rica: zwei Seiten

Der inaktive aktive Vulkan
La Fortuna, ein kleiner, mittlerweile mit Gringos gefüllter Ort wie sonst landestypisches Essen mit Reis und Bohnen geullt ist, ist vor allem für eines berühmt: den Vulkan Arenal, an dessen Fuss das Städtchen sich befindet, und der nach ewiger Inaktivität in den 70ern plötzlich mit voller Power ausbrach und zwei nähergelegene Orte verschüttete. Seitdem war der typisch ikonisch geformte Feuerberg so gut wie täglich aktiv, spuckte Rauchwoken und Steinchen durch die Luft, liess Lavaströme auf der dem Dorf abgewandten Seite hinunterfliessen und lieferte nachts fotogene Feuerwerke – La Fortunas Tourismusindustrie konnte ihr Glück kaum fassen, und Jahr für Jahr sprangen mehr Touri-Tours aus dem Boden, die die Besucher mit Lava-Sichtungen lockten. Trotz des offensichtlichen Tourismusüberflusses dachte ich mir – das kann ich mir nicht entgehen lassen… und erfuhr erst kurz vor der Abreise (weshalb ich trotzdem hinfuhr), dass der Arenal seit ca 6 Monaten nichts mehr von sich hören oder sehen hat lassen. Eine weitere Auswirkung des Klimawandels?
Was bleibt sonst in der Stadt zu tuen? Teure Touren auf den inaktiven Nachbarvulkan (hatte ich nun wirklich genug), noch teurere heisse Themen (ebenfalls) – von denen eine nicht mal echt ist, Canopy-Tours (mach ich in Monteverde, siehe unten) und der Wasserfall La Fortuna. Das ist doch mal was. Gestern wars schon zu spät dafür als ich im (empfehlenswerten) Gringo Pete’s ankam (sah mir noch die Stadt an und machte das letzte Shirt fertig 😉 ), weshalb ich heute früh aufstand und die knappen 1 1/2 h losmarschierte. Unglaubliche 9$ Eintritt, ein netter, aber unspektakulärer WaldwegWasserfall La Fortuna zu den zugegebenerweise beeindruckenden Fällen, und ein kaltes Bad in der Piscina darunter (also nicht direkt drunter, das wär dann doch etwas heavy), und ich hatte wenigstens etwas interessantes in La Fortuna erlebt. Von Touris überfüllt war der ganze Park aber natürlich trotzdem. Um 14:40 ging es dann zu einer vielgepriesenen „szenischen“ Jeep-Boat-Jeep Tour nach Monteverde… die mich schwer enttäuschte. Zum Glück „nur“ 18$ bezahlt – und dann zwischen einem alten russischen Ehepaar ausm Resorthotel und einer japanischen Touristenfamilie gesessen, in einem „Jeep“ der genaugenommen ein Van war, und mich gefragt was mach ich hier?!. Ein richtiges Hotel-zu-Hotel Shuttle. Das grosse Tourisightseeingboot wurde immerhin noch gegen ein 10-Mann-Speedboot ausgetauscht (da für unsere kleine Gruppe viel effektiver) – da hatten die All-Inclusive-Urlauber sogar noch ihr kleines Stückchen Abenteuer dabei. So szenisch wars dann auch nicht, obwohl der See sogar ganz nett aussah… aber naja. Costa Rica gibt sich echt alle Mühe, mir nicht zu gefallen.

22.3.11, La Fortuna, CR

Endlich ein interessanter Ort: Monteverde – Canopy, der Piratenbaum und der Nebelwald
Wie schön, dass meine letzten Tage hier mir doch noch mit einigen tollen Erlebnissen beschenkt werden. Monteverde, bzw. das Dorf Santa Elena, ist trotz des allgegenwärtigen Touristenstroms ein Ort, wo ich mich einfach mal sehr wohlfühle. Das Klima ist Boquete-ähnlich, eine gute Voraussetzung, und das Hostel Tinas Casitas eine entspannte Unterkunft voller sympathischer Leute – und meine Tage waren so voll, dass ich nicht mal dazu kam, dort viel Zeit zu verbringen. Gestern früh ging ich auf eine Canopy-Tour, die Touri-attraktion in Costa Rica schlechthin. Zuerst das Negative: wir waren zu viele Leute, und das Team scheuchte uns geradezu durch die Stationen, so dass von der Natur nicht allzu viel zu sehen übrig blieb (das kam zum Glück noch später). Hier ging es viel mehr ums Adrenalin:
Hängebrücke vorm TarzanswingIm Gurtzeug sitzend am Drahtseil hängend sauste ich durch den Dschungel von Station zu Station, zwischen Baumkronen und über ein riesiges Tal – da man dabei die Hand zum Bremsen braucht, sind Fotos leider rare Ware. Dann allerdings die Steigerung: der „Superman“, am Rücken festgeschnallt, die Arme ausgebreitet und das Gesicht gen Tal gerichtet, fliege ich Fullspeed auf die andere Talseite. Und dann der pure Adrenalistoss: der Tarzanswing. Von einer Art halben Hängebrücke aus ans Seil gebunden, ohne viel Gerede einen kleinen Stups gekriegt… und dann in den freien Fall! Wow! Auf der Hälfte der ca 50m dann ins Seil fallen und wie Tarzan nach vorne und hinten schwingen, bis ich vom Bodenteam abgeschnallt und runtergeholt werde. Bungeejumpen auf die Dschungelart. Könnt ihr euch nicht vorstellen? …alles hier im Video:
Canopy Zipline Monteverde

Die beiden Franzosen Antoine und Matilde, die auch dabei waren (und deren Hostel nur kurz von mir entfernt ist), erzählten mir anschliessend von einem „Geheimtipp“: dem Baum, welchen man von innen besteigen kann, irgendwo im Dorf-nahegelegenen Wald, von Touris nahezu unentdeckt. Natürlich kam ich Der geheime Baum von innenund von aussen(nach leckerem Mittagessen) mit. Wir brauchten eine Weile, die richtige Stelle zu finden, wurden dafür aber andernorts mit ca 8-10Affe in Monteverde herumspielenden Affen belohnt, die nahe unseres Aussichtspunktes durch die Bäume kletterten. Dann schliesslich der Baum, genaugenommen eine riesige Ranke, die den dort früher stehenden Baum umschlungen und abgetötet hat, sodass er nun innen hohl ist und uns die Möglichkeit gab, auf der Innenseite gute 15 m hochzuklettern und aus einem kleinen Loch in den Wald hinauszublicken. That made my day!
Nach unserer Rückkehr begegneten wir in ihrem Hostel „NuestraKasa“ Dar, Dan und Amy, die auch davon gehört hatten, und denen ich kurzerhand eine „pirate map“ zum geheimen Baum zeichnete. Begeistert luden sie uns ein, ihnen am Abend Gesellschaft zu leisten und mit der Flor de Cañas-Flasche zu helfen, die sie noch aus Nicaragua mithatten. Gegen 10 Uhr nachts (inzwischen noch mit ein paar anderen Leuten aus dem Hostel) entschieden wir uns spontan, unsere private „Nighttour“ zu machen, bei der ich (da Antoine und Matile schon müde waren) als Guide unsere 7-Mann-Gruppe zum „Monkey Spot“ und dem „secret tree“ führte. Sahen nachts natürlich keine Affen, aber nochmal den Baum (den wir auch hochkletterten), Glühwürmchen, tollen Sternenhimmel und den dunklen Halbdschungel. Fantastisch!

Der NebelwaldHeute kam dann nochmal ein tolles Naturerlebnis dazu, zusammen fuhren wir sechs (oben genannte)Die NuestraKasa-Crew am Eingang des Nationalparks in den Sta Elena Nationalpark im Nebelwald. Unglaublich schön, wenig besucht und fantastisch still bekamen wir einen tollen Blick auf den sogar wolkenfreien Vulkan Arenal und sahen einen Ameisenbär, Raupen, Schmetterlinge, winzige knallrote Spinnen, schwarze Springeidechsen, kleineBlick aufs Tal bis zum Arenal Banditenvögel (mit „Augenbinde“), einem grossen schwarzen Vogel mit riesigem Schwanzfächer und einiges mehr, schöne Nebelwaldblüten und eine Liane, die wir als Schaukel ausprobierten. Nur zu empfehlen – hier merkte ich erstmals, wofür Costa Rica einst zum so berühmten Touristenziel wurde. Ich habe zwar nicht viel in diesem Land gesehen, (bereue das auch nicht grossartig), aber wann man etwas hier sehen sollte, dann auf jeden Fall diesen Ort!
Nebelwald-BlumeNebelwald-SchönheitIch im Nebelwald ;)